Iași

In Iași/ Little Texas bleibe ich drei Tage. Ich kann mich schwer losreißen von diesem Spannungsfeld, den Widersprüchen, Kontrasten und Gräben, die sich in der Stadt selbst und zwischen diesen Orten auftun, dem realen, Iași, und dem imaginären, Little Texas. Ich frühstücke morgens zu Country-Musik auf der sonnigen Terrasse und steige dann die steilen Straßen von Moară de Vânt hinunter, durch die Țiganie, das Zigeunerviertel, am Nationaltheater vorbei ins Zentrum der Stadt.

Hier liegen, von den kommunistischen Blocks wie von einer Stadtmauer umgeben, die Prachtbauten der Fürstenzeit. Auf der Strada Ștefan cel Mare, einer Art Antikmeile, stehen Kirchen und Paläste in Reih und Glied, wie bei einer Parade, die Türme und Kuppeln stolz salutierend in die Luft gestreckt. Geste einer glanzvollen Zeit, in der die Moldau-Fürsten ihrer Residenzstadt jedes Jahrhundert eine neue Kirche stifteten. Die St. Nikolaus-Kirche, die katholische Kathedrale, die orthodoxe Drei-Hierarchen-Kirche, deren Fassade aussieht wie feingeschnitztes Holz (es ist aber Stein), die Georgskirche und die neue orthodoxe Kathedrale. Alle in bestem Zustand, frisch restauriert, die Kirchenschiffe weit und verschwenderisch wie Flagship-Stores. Das Geschäft der Religionen boomt, die Heiligen gucken satt gold von den Wänden.

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Strada Ștefan cel Mare

Am Ende der Strada Ștefan cel Mare steht der Kulturpalast, früher Fürstensitz. Mächtig türmt er sich auf, als wolle er das alte Heiligtum hinter sich schützen vor dem Anblick, der sich vor ihm auftut. Der reine postmoderne Wahnsinn. Wie Sanssoucis steht der Palast auf einer Anhöhe von terrassenförmigen Stufen, die aber nicht in eine Gartenanlage münden, sondern in einen Shopping-Komplex, die Galeriile Comerciale Ştefan cel Mare şi Sfânt. Wer immer diese Gegenüberstellung konzipiert hat, sie ist atemberaubend: Zwei Paläste aus zwei Zeiten, oben bläht sich neugotischer Prunk, unten duckt sich sozialistische Schlichtheit. Auf dem Gartenstück dazwischen haben beide Welten Requisiten ausgestellt: Ein VW-Testwagen steht neben einer barocken Laube, daneben ein Bierzelt, flankiert von einem Pool mit Springbrunnen. Dahinter eine italienische Gelaterie, ein japanisches Restaurant, ganz links die Palas Mall, ein weiterer Einkaufskomplex. Auf den Wegen zwischen dem Grün fahren Kinder Fahrrad, herausgeputzte Menschen spazieren herum. Aus Lautsprechern kommt Klaviermusik. Es könnte auch Little Romania sein, in Vegas.

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Palatul Culturii, Kulturpalast, Iași

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Galeriile Comerciale Ștefan cel Mare

Vegas

Little Romania

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Palas Mall

Ich setze mich in einen der breiten Lounge-Sessel, die vor den Cafés herumstehen und trinke Cappuccino. Im Schnittpunkt der Europop-Songs, die die Cafés ringsum spielen, lässt sich das junge reiche Rumänien beobachten. Die Frauen kleiden sich geschickter als die Männer, im Celebrity-Look der Stars, lange, trägerlose Roben, manikürte Hände, gefärbte Haare, schwarz oder blond, viel Make-up. Die Männer in Fitness-Look, Nikes und engen T-shirts, sehen aus wie ihre Bodyguards. Heidi Klum mit Martin Kristen, in tausend Varianten. Oft ist ein Hund dabei (seltener ein Kind), meist eine französische Bulldogge.

Interessant ist, wie Haus- und Straßenhund sich begegnen. Straßenhunde gibt es auch in Iași viele. Sie machen einen Bogen um ihre angeleinten Artgenossen, drücken sich mit eingekniffenen Schwänzen an ihnen vorbei, so wie Bettler und Obdachlose sich an uns vorbeidrücken. Selbst wenn die Straßenhunde viel größer sind und mehr Kampferfahrung haben, drücken sie sich. Sie schnüffeln nicht mal. Als wüssten sie, wie die Bettler, dass die anderen auf sie herabblicken.

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Strade Ștefan cel Mare

Am Bulevardul Carol I entlang liegen die Universitätsgebäude, leicht ruinöse aber ehrwürdig anmutende Villen im Schatten von bewaldeten Gärten. Dass die Geister sich hier weiten konnten, versteht man sofort. Überall klassische Symmetrie, viel Grün, Brunnen, Bäume. Und Statuen der großen moldauischen Denker und Staatsmänner – von Iași aus strömten die wichtigsten literarischen und nationalen Bewegungen in den Rest des Landes. Die Stadt hat, wie Leipzig oder Dresden, eine gute Mischung von Provinz und Welt, vom Kleinen im Großen.

Im Copou-Park hängen Schwarz-Weiß-Fotografien von Kunststudenten am Zaun, ein Stück weiter Transparente mit Gedichten. Der Park wird mein Lieblingsort. Er ist der Dorfplatz der Stadt. Hier verbringen Familien den Sonntag, die Alten (mit Hüten), die Jungen, alle sitzen draußen, jede Bank ist besetzt, an einem Stand wird Zuckerwatte verkauft. So, wie es früher war, denke ich, aber wann und wo das eigentlich gewesen sein soll, weiß ich nicht.

Am Rand des Parks steht das Eminescu-Museum, es ist herrlich museal, wie alle rumänischen Museen, die ich kenne. In Glasvitrinen liegen alte Buchausgaben von Mihai Eminescu, dem rumänischen Nationaldichter, meist vorn auf der ersten Seite aufgeschlagen, aber nicht da, wo der Text beginnt, sondern dort, wo nur der Titel noch einmal steht. Das Papier ist vergilbt, das seidige Material, auf dem die Bücher liegen, auch. Außer den Glas-Vitrinen gibt es verschiedene Statuen und Gegenstände, die in keinen Kontext gebettet sind: Ein Klavier, ein Schreibtisch, ein paar Damenhandschuhe von Veronica Micle, Eminescus ewiger unglücklich Geliebten.

Texttafeln zum Leben und Werk des Nationaldichters sucht man vergebens. Eine Erklärung oder Anordnung der Dinge, die mit Eminescu zusammenhängen, hat niemand vorgenommen. Vielleicht, weil nur Eminescu selbst das könnte. Der Besucher erfährt das, was er sieht: Das in Bronze gegossene Gesicht mit dem wallenden Haar und der aufbrausenden Sinnlichkeit von Genies, die jung sterben. Sein Vermächtnis, die Bücher. Bücher, die verstauben, Handschuhe, ein Tisch, ein Klavier, ein paar Briefe, was bleibt mehr von einem Leben? Eine dicke graue Katze, die mit mir aus dem Park ins Museum geschlüpft ist, folgt mir ins obere Stockwerk. Sie springt auf die Vitrinen und reibt ihren Kopf an den Kanten. Als ich gehen will, versteckt sie sich. Aus Sorge, dass sie mit den Büchern Eminescus hier verstauben könnte, melde ich sie dem Personal am Eingang. Das winkt lächelnd ab, sie kennen die Katze, sie ist immer da, die treueste Besucherin.

Abends gehe ich den breiten Bulevardul Carol I wieder hinunter und biege hinter dem Piața Unirii in eine der Seitenstraßen nach links, Richtung Little Texas. Alte ausgemusterte deutsche Straßenbahnen halten quietschend neben mir.

Strassenbahn

In der Țiganie ist viel Bewegung, aber es ist seltsam, wie unfähig das Auge ist, mehr zu sehen als die schon tausendfach reproduzierten Bilder. Barfüßige oder nackte kleine Kinder mit dreckverschmierten Gesichtern und verzottelten Haaren. Familien, die auf Matratzen und Bierkästen zwischen Müll sitzen, auf den Höfen heruntergekommener alter Häuser, die mit Brettern notdürftig verschlagen sind. Die Frauen mit in Tüchern gewickelten Babies im Arm. Sie gucken mich kurz an und dann durch mich durch, so wie ich sie kurz an- und dann weggucke. Nur drei junge Männer, die mit nackten Oberkörpern an einem Laternenmast lehnen, gucken mir offen ins Gesicht und stimmen die letzten zwei Zeilen eines Manele-Songs an, den ich kenne. Fratele-ți rămâne frate, Brüder bleiben Brüder.

Milioanele se duc, banii n-au valoare / Dar fratele ți-e frate pân’ la ultima suflare/ Bogațiile se duc, așa se duc toate/ Dar fratele-ți rămâne frate

Millionen vergehen, Geld hat keinen Wert/ Aber ein Bruder bleibt ein Bruder bis zum letzten Atemzug/ Reichtümer vergehen, so wie alles vergeht/ Aber ein Bruder bleibt ein Bruder

CafePalasMall

Cafe bei Palas Mall

Fünf Minuten später bin ich in Little Texas. Auf der Terrasse sitzen Pärchen, bunte Sommerkleider wehen in Duftwolken. Die ersten Cocktails sind bestellt.

Einen Tag fahre ich ein Stück aus Iași raus. Schon ein paar hundert Meter hinter der Stadtgrenze sieht es wieder dörflich aus. Auf den Rasenflächen vor den Häusern weiden Pferde, Gänse, Kühe, Ziegen und Hühner, sogar auf einer Verkehrsinsel steht eine angepflockte schwarze Kuh. Am Fuße der Hügel rund um Iași – sieben sollen es sein, wie in Rom, ich zähle aber mehr – wird gegrillt. Es ist Ostermontag. An der Landstraße stehen Kolonnen von Autos. Nur wenige Meter ins Grün hinein lassen sich die Familien nieder, in Reichweite der Kofferräume, die offen gelassen werden, wegen der Musik und der Getränke. Ich bin die einzige, die den Hügel ganz hinaufsteigt. Dort sitzt in einem bewaldeten Streifen ein cioban, ein Hirte mit seiner Kuhherde und hält Rast. Er kaut liegend seine Mittagsbrote und schaut hinunter. Unten, parallel zur Straße, bewegen sich bunte kleine Punkte unruhig hin und her.

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Über Julia Jürgens

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