Blauer Pfeil

Nach drei Tagen reise ich ab. Ich verlasse die Moldau und fahre weiter nach Transsilvanien, von Iași nach Brașov, mit dem Zug früh morgens. Das Auto habe ich in Iași abgegeben. Für das Zugfahren in Rumänien braucht man Zeit, viel Zeit. Alle Strecken über 200 km sind Tagesreisen, von Iași nach Brașov braucht man fast zehn Stunden, für 300 km. Das liegt am Liniennetz, es bildet die alten Handelsrouten ab und verbindet alle Züge nur über die Knotenpunkte der großen Städte miteinander, hauptsächlich über Bukarest. Von Iași nach Brașov fährt der Zug zum Beispiel eine weite Kurve unter Brașov herum über Ploeiști, dort fließen die Erdöl-Adern des Landes (die Wehrmacht tankte hier ihre Panzer für den Ostfeldzug auf).

Die Langsamkeit der Züge liegt aber vor allem daran, dass es Nahverkehrszüge sind, die hier Fernstrecke fahren. Deutsche Vorstadtzüge von Siemens durchqueren das Land, von Iași nach Bukarest, von Bukarest gen Westen nach Timișoara und gen Osten ans Schwarze Meer nach Constanța. Die Züge fahren zwischen 50 und 100 km/h, das ist die zugelassene Höchstgeschwindigkeit. Sie sind blau und heißen Săgeata Albastră, Blauer Pfeil.

Die Räder rattern auf den nicht verschweißten Nähten der alten Schienen und lassen bei jeder Übersetzung ein Klacken hören, man kennt das Geräusch aus der Kindheit, gleichmäßig wie Wellen, die an die Küste schlagen.

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Irgendwo bei Vaslui, glaube ich

Dazu gibt es Fahrtwind, den man auch von früher noch kennt, die Türen im Blauen Pfeil sind meist offen. Die Leute öffnen sie beim Fahren, um zu rauchen. Sie drücken die Türen auseinander, die von allein nicht aufgehen, wenn man auf den Öffner drückt. Und dann nicht mehr schließen. Dann piept es laut, auch wenn die Türen von Hand wieder zugeschoben werden. Ansonsten bleiben sie offen. Das stört hier niemanden. Auch nicht im Winter. Als wäre es gottgegeben. Die Leute lassen ihre Jacken und Fellmützen dann einfach an. Es ist schwer zu deuten, wie sie dann vor sich hinblicken. Ein geisterhafter Stoizismus in den Augen.

Man kann nichts ändern, warum dann aufregen. Niemand beschwert sich je beim Schaffner, dass es zu kalt ist oder zu warm oder dass der Zug am Bahnhof zu lange hält. Oft zehn Minuten oder länger. Niemand wird nervös. Niemand fängt an zu spekulieren, was der Grund sein könnte, man nimmt es ohne Regung hin. Es fühlt sich niemand verantwortlich und niemand betroffen. Es ist eine Art der Gelassenheit und eine Art des Verschwindens. Im öffentlichen Raum, sei es auch nur ein Abteil, versucht jeder, so wenig sichtbar wie möglich zu werden. Vielleicht eine Strategie aus vergangenen Zeiten, der Ceaușescu-Zeit oder noch früher. Vielleicht Erschöpfung, die so alt ist.

fabrik

Tecuci?

Jetzt, im Frühsommer, ist das Zugfahren schön. Draußen wandern die Felder vorbei, grün-gelb, und alte Fabriken, oft in den gleichen Farben. Der Zug fährt über Nicolina, Bârnova, Buhaiești, Vaslui, Crasna, Bârlad, Tecuci, Focșani, Râmnicu Sărat, Buzău, Mizil…In Bârlad hält der Zug lang. Von einem Ende des Bahnsteigs geht ein Roma-Mädchen seiner Mutter entgegen, die vom anderen Ende kommt, schnurgerade gehen sie aufeinander zu, in den flatternden Röcken sehen sie aus, als ob sie tanzen. Alle gucken auf sie, aber sie nur auf sich.

Drinnen ändert sich das Bild über Stunden nicht. In meinem Waggon sitzen zwei alte Männer in vom Gebrauch glänzenden Anzughosen und Polyester-Pullovern, die für das Wetter viel zu warm sind. Sie reisen mit Plastiktüten, zu einem Besuch, einem Ereignis. Aus ihren gebräunten, mit tiefen Falten versehenen Gesichtern leuchten so helle Augen, wie auch die alten Frauen in Bogdan Vodă sie hatten. Solche Augen habe ich bisher nur bei Menschen gesehen, die lange auf dem Land gearbeitet haben, unter freiem Himmel, vielleicht nehmen die Augen irgendwann dessen Farbe auf.

Es sitzen auch zwei junge Paare vor mir. Die Frauen halten den Arm um ihre Männer gelegt, die beide schlafen, der eine hat seinen Kopf unter das Kinn der Frau gesteckt. Als ich in Brașov aussteige, ist es Abend. Ich sollte heiraten, denke ich.

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Bârlad, meine ich

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Über Julia Jürgens

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2 Antworten zu Blauer Pfeil

  1. Hans schreibt:

    Auch wenn ich mich wiederhole: wunderschön geschrieben…als ob man selber vor Ort ist! Vielen Dank für deine neue Reisegeschichte aus Rumänien. Liebe Grüße. Hans van Neutegem

  2. Julia Jürgens schreibt:

    Lieber Hans, ich freue mich immer ueber Deine Kommentare, und dass Dir auch der neue Eintrag gefaellt. Du darfst Dich immer wieder wiederholen! (:
    Ende September steht die naechste Reise an, das kann ich Dir schon verraten – dieses Mal verlasse ich allerdings die Grenzen Rumaeniens und reise durch Griechenland, ein wenig den Zustand dieses Landes erkunden. Vielleicht ist dann auch etwas fuer Dich dabei.
    Liebe Gruesse Julia

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