Meșendorf

I

Die Nationalstraße, die von Brașov nach Sighișoara führt, verlässt man bei Criț und biegt dann in ein Seitental. So kommt man nach Meșendorf oder Meschendorf, wie die Sachsen es nannten. Sie haben das Dorf in L-Form besiedelt, die Senkrechte des Buchstabens Mittelgasse genannt und die kurze Waagerechte Obergasse.

Die Gassen sind großzügig angelegt, zwanzig bis dreißig Meter breit, rechts und links der Straße Rasenflächen mit Obstbäumen, die in leichter Schräge zu den Höfen führen. Die Höfe stehen lückenlos aneinander (aus Stein und Lehm die älteren Fassaden), in fast identischer Bauweise, langgestreckt mit weiten Fluchten nach hinten, wo die Ställe liegen und – parallel zur Hausfront – die Scheune. Vor den Häusern führt ein schmaler Gehweg entlang, an dem hin und wieder Bänke stehen. Hinter den Häusern sind Obstwiesen, sie laufen hoch zu den Hügeln, die das Dorf mit Wäldern umrahmen, und dann kommt der Horizont. Was für ein Entwurf.

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Symmetrie und Großzügigkeit ist darin; das Dorf setzt fort, was schon angelegt ist. Es hat sich an die Bewegung der Landschaft angepasst und sie in Räume geteilt, in gemeinschaftliche, private, innere und äußere. Es wurde für Mensch und Tier gedacht. Kühe, Pferde, Ziegen und Schafe können als Herde durch die Gassen laufen und auf den Wiesen vor den Häusern weiden, bevor sie in den Hoftoren verschwinden, jedes Tier dort, wo es hingehört. Kinder spielen draußen, Alte sitzen auf den Bänken und behalten die Kinder und das Vieh im Auge. Seit fast einem Jahrtausend geht das so. Das Leben gliedert sich in die basalen Kategorien, alt, jung, drinnen, draußen, Mann, Frau, arm, reich.

Es gibt wenig Auswahl, zu sein. Wenig mehr etwas zu werden als alt. Die Menschen mögen Wünsche und andere Möglichkeiten in sich haben, der Ort setzt Grenzen. Innerhalb dieser Grenzen leben die Menschen so eingeschränkt und schicksalsergeben oder so frei und zufrieden, wie das Auge des Betrachters es zulässt.

(An dieser Stelle habe ich, schon vor Wochen, die Widersinnigkeit des Reiseberichts erkannt. Dieses und eigentlich jeden Reiseberichts. Ich stecke darin fest. Je exakter ich das Dorf fassen will, desto mehr kommt es mir wie zu fotografieren, während auf dem Objektiv noch der Deckel steckt. Wenn man durch den Sucher guckt und nur schwarz sieht und darin das eigene Auge. Das Auge erscheint selten schön und interessant in diesem Moment. Ein autonomes Wesen aus einem Bild von Dali. Ich wünschte, genau das könnte ich fotografieren. Es wäre mein Emblem der Reiseliteratur.

Der Schwierigkeit, mehr als das Eigene in den Blick zu bekommen, welche nirgends so eigentümlich ist wie in einem Reisebericht. Störend. Paradox. Einem Gedicht gesteht man zu, um das Selbst zu kreisen. Dafür ist es da. Der Reisebericht aber behauptet das Gegenteil, er nimmt sich das Fremde zum Gegenstand, – und bekommt doch nur mehr das Eigene zu fassen. Die Frage ist: Was wäre daran verwerflich, außer darum nicht zu wissen?

Nichts, sagt Handke. Handke reist durch Serbien, beobachtet und verteidigt das Land. Politisches außer acht lassend fallen ein paar sehr schöne Landschaftsbeschreibungen auf. Im Grunde geht es aber selbst darin um Handke. Die ganze Reise handelt von ihm (nicht von Donau, Suave, Morawa). Handke erklärt sich über Serbien, als Serbien, er ist das Land, das man danach keinen Deut besser versteht, nur ihn, Handke, lernt man ein wenig kennen. Serbien ist eine Figur, der er sich einschreibt, wie sich jeder Autor seinen Figuren einschreibt, und ob er sie dann Ich oder Adrian Leverkühn oder Serbien nennt, ist relativ egal.

Aneignung ist erlaubt, vielleicht sogar nötig. Handke ummantelt alle Dinge und macht sie sich zu eigen. Das darf er, als Autor. Aber es ist doch sehr enttäuschend. (Was genau, kann ich seit Wochen nicht fassen. Am Ende einfach das Schreiben selbst.))

II

Doamna Livia gehört das Haus am obersten Ende der Mittelgasse, hinter der Kirche. Sie hat es mit Arbeitskräften aus dem Dorf renoviert. Das heißt, sie hat die Renovierungsarbeiten, die das alte Bauernhaus dem Fortschritt angepasst hatten, wieder rückgängig gemacht. Sie hat die Heizungen und die Termopan-Fenster herausgerissen und Kachelöfen und Holzfenster eingebaut. Sie hat neue Dachbalken eingesetzt, den betonierten Innenhof freilegen lassen, Rasen gesät, einen Weg aus hellen Flussteinen gelegt. So wie es früher war. Alle Möbel sind siebenbürgisch-sächsische Originale oder von Ikea.

Das Haus gehört zu den Musterbeispielen der Gegend. Eine britisch-rumänische Organisation, die sich für Architektur und Denkmalschutz einsetzt, hat dazu beigetragen. Prinz Charles steht ihr vor. Er ist regelmäßig zu Besuch, auch in diesem Haus. Es ist das Schönste, das man irgendwo hätte finden können. Ich habe es für fünf Tage gemietet, die letzten Tage der Reise. Es hat eine Veranda mit einer Schaukel und einen Garten mit einem langen Holztisch und Bänken davor.

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Unterhalb des Hauses ist der alte Tanzplatz, inmitten von Bäumen, Linden bestimmt. Mittags liegen hier die Schafen und Ziegen des Dorfes und suchen Schutz vor der Hitze. Es ist der einzige schattige Platz. Früher wurden hier die Feste gefeiert, die Feste der Deutschen. Wenn die Sonne tiefer sinkt, wandern die Tiere dorfabwärts, wo sie unterhalb der Häuser grasen. Dann kommen die Kinder und Jugendlichen. Sie sitzen eng gedrängt auf der Brüstung, die rings um den Platz verläuft und knoten ihre schlaksigen Beine um die Metallstreben. Sie spielen Verstecken und Fangen und lachen und rufen Namen laut in die Dunkelheit, bis kurz vor Mitternacht. Es sind Ferien, die Tage endlos.

Nicu sitzt jeden Mittag am Tanzplatz und später, wenn die Tiere hinunter ins Dorf laufen, auf einer der Bänke vor den Häusern. Er hütet die Schafe und Ziegen von Meschendorf. Er trägt jeden Tag einen Wollpullover, darüber ein Jacket, eine Cordhose, einen Hut und Gummistiefel. Es ist der casual look des britischen Landadels, möglich, dass er ihn sich bei Prinz Charles abgeguckt hat. Nicu grüßt alle, die vorübergehen, bei Älteren und Frauen hebt er den Hut. Einmal frage ich ihn, ob ihm nicht zu warm sei. Es sind über 30 Grad. Es sei kalt, sagt er, er habe sogar ein Unterhemd an. Er spricht mühsam, in seinen Mundwinkeln schäumen Spuckebläschen. Wäre Nicu in England, lebte er in einem Heim.

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IV

An einem Morgen gehe ich die Mittelgasse hinunter, klopfe an eine Hoftür und frage nach Milch. Eine alte Frau macht auf und ruft nach einer jüngeren. Die jüngere spricht fließend Englisch und lacht, weil ich eine einzige Flasche Milch kaufen möchte und das am späten Morgen, wo die Kühe schon auf der Weide sind. Sie ist nach Meschendorf zurückgekommen, erzählt sie. Über zehn Jahre hat sie in Dubai gelebt, auch geheiratet. Der Mann lebt dort, sie hier, mit ihrem kleinem Sohn. Jedes Jahr verbringt sie ein paar Wochen in Dubai. Aber lieber ist sie hier. Sie hat Kühe gekauft, von dem Geld, das sie gespart hat. Der Sohn winkt vom Innern des Hauses durch die Scheibe, ein pausbäckiger arabischer Rumäne.

V

Ein kleines dickes Mädchen hütet auf der Mittelgasse vor den Höfen nachmittags auch Schafe. Es heißt Cassandra.

VI

Die Häuser standen einmal Wand an Wand, in einer Linie. Heute lichten sich die Reihen, es gibt faulige Stümpfe und Lücken wie in einem alten Gebiss. Die Bauernhäuser der Sachsen, in denen niemand mehr wohnt, werden abgetragen, manche bis auf die Grundmauern. In einer neuen Straße, die sich parallel zur Obergasse am Ausgang des Dorfes gebildet hat, werden Ziegel und Steine neu verbaut. Je weiter vom Zentrum des Ortes, desto ärmlicher die Häuser, die letzten sind Baracken.

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Die wenigsten Häuser im Dorf haben fließendes Wasser. Es gibt ein paar Autos, aber die meisten können sich nicht einmal ein Pferd leisten. Weniger Trotz oder Gesinnung halten Veränderungen aus Meschendorf fern als Armut. Deshalb kann man den alten Mann, der seinen verbeulten Eimer in den Brunnen gleiten lässt und beim Emporziehen gleich ein Viertel verschüttet, nicht im Licht der untergehenden Sonne fotografieren.

VII

Aber die Alten, die abends auf den Bänken sitzen. Ihr Blick geht durch die Kinder, die auf den Wiesen spielen und durch die Kühe und Schafe, die dort grasen, hindurch. Vor 60 oder 70 Jahren haben sie selbst hier gespielt und mit den gleichen Stimmen gerufen, vor der gleichen Kulisse. Andere Alte saßen auf den Bänken. Die Erinnerung ist Wiederholung, die sich weiter und weiter fortsetzt, vor den Augen derer, die dort sitzen. Sie blicken zurück und das, was sie dort sehen, passiert gleichzeitig jetzt, hier. Sie sind jenseits der Zeit und doch mit ihr verbunden.

VIII

(Mein Gesichtsfeld hat eine Ausdehnung von 180 Grad, im besten Fall. Alles, was ich darin sehe, bewegt sich in der Differenz von Beschränkung und Freiheit. The white man’s burden. So kommt mir das Leben bedauerlich, rückschrittlich, fortschrittlich, faszinierend vor, je nach Blickwinkel, wobei es natürlich nicht um den Winkel, sondern die Stimmung geht.)

IX

Am Ende des Gartens ist ein Hund, Doamna Livia hat ihn gekauft, als sie hier einziehen wollte mit ihren drei Kindern. Sie wohnt in Sighișoara, 20 km entfernt. Einige Freunde von ihr wollten mit aufs Land ziehen. Die Häuser kosten kaum etwas. Aber nur Doamna Livia hat eins gekauft. Als es fertig renoviert war, wollte sie nicht mehr herziehen, allein. Der weite Schulweg, das viele Gefahre. Jetzt ist nur der Hund hier und manchmal Gäste.

Der Hund heißt Rex. Er liegt an der Kette. Er ist ein Hirtenhund, sehr groß und springt mit mächtiger Kraft nach vorn, wenn jemand den Garten betritt. Der Instinkt ist zu stark, der Hund vergisst die Kette jedes Mal. Er kennt nichts anderes, er ist so aufgewachsen, sagt Cristi, um mich zu beruhigen. Frei herumlaufend würde er die Beete zerstören.

Cristi ist bei Doamna Livia angestellt. Er wohnt am Ende der neuen Straße und kommt täglich, um sich um den Garten zu kümmern. Morgens kommt er allein, abends mit der Familie, seiner Frau, Dorina, und den zwei Mädchen, sieben und neun Jahre alt. Ich setze mich in den Garten, wenn sie kommen, um sie nicht zu stören. Cristi gießt die Beete, Dorina kocht (ich brauche eigentlich nur Lebensmittel, weil es im Dorf nur wenig gibt, aber Dorina besteht darauf, sie wird dafür bezahlt, sagt sie).

Die Mädchen nesteln an den Zöpfen und beobachten mich. Scheu halten sie die Fragen, die sie bedrängen, zurück (Wo wohnst du? Hast du wirklich so blonde Haare? Wo sind deine Eltern?) und sind von dieser Anstrengung, die sie noch nicht gewohnt sind, aus dem Takt gebracht. Mit ernsten Gesichtern bringen sie Teller, Geschirr und Essen zu mir in den Garten, rennen zurück und kichern. Nach dem Essen räumen sie lange auf, ich höre sie drinnen klappern und singen. Cristi guckt dann manchmal vom Jäten hoch und lächelt. Manchmal kommt er auch und zeigt mir etwas, ein Kraut, irgendeine Pflanze. Wenn er mit seiner Familie weg ist, ist es still. Kurz darauf dämmert es und wird kalt.

In der Dunkelheit mache ich die Kette ab. Rex rast los, durch den Garten, an einem Ende angekommen, wirft er sich herum, springt in die Luft und rennt wieder zurück. Er ist außer sich, bellt, wälzt sich, fetzt über die Salate hinweg. Er nimmt meine Schuhe zwischen die Zähne und wirft sie in die Luft. Morgens bevor Cristi kommt, lege ich ihn wieder an die Kette und bringe das Beet in Ordnung, jeden Tag, bis ich fahre.

X

Cristi erzählt vom Pârâul Dracului, dem Teufelsbach. Er sei nicht weit und einen Ausflug wert. Was genau es dort zu sehen gibt, verstehe ich nicht, aber es scheint etwas Besonderes zu sein. Cristi schickt die Mädchen, um mir den Weg zu zeigen. Sie sind sehr aufgeregt. Es hat sich im ganzen Dorf herumgesprochen, dass wir zum Teufelsbach gehen, eine Schar von Kindern läuft hinter uns her, verliert uns aber auf dem Weg. Nach zwanzig Minuten sind wir da. Der Teufelsbach ist eine Erosion, ein Erdrutsch im Wald. Ein einfacher Graben, gefüllt mit Sand. Wir springen eine Zeitlang von einem Ufer zum anderen, dann gehen wir. Die Mädchen zeigen mir, wie man Maikäfer, die sie „mai“ nennen, hoch in die Luft wirft, und wie sie im Fall, erst kurz vor dem Boden ihre Flügel ausbreiten und fliegen.

Als Doamna Livia mich abholt, um mich zum Bahnhof in Sighișoara zu bringen, erzähle ich vom Teufelsbach. Sie lacht. Der Bach beginnt jenseits des Grabens, direkt hinter seinem steilen Ende. Das Besondere sind seine Steine, man nennt sie Trovanten. Es gibt sie nur in Rumänien. Bei Regen wachsen sie und beginnen zu wandern. Die Kinder haben Angst vor dem Teufel und gehen nie bis zum Bach. Schon ihre Eltern haben sich als Kinder nicht getraut, sagt Doamna Livia. (Ich erinnere mich, dass ich die Mädchen gefragt habe, was hinter dem Graben noch kommt. Nichts, haben sie gesagt.)

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