Victoria

Am letzten Tag der letzten Reise war ich in Victoria. Victoria am Fuße der Karpaten, la poalele munților, wie es in allen Ortsbeschreibungen heißt, was wörtlich bedeutet: im Schoß der Berge. Von Sibiu aus kommend ist links das Olt-Tal, rechts die Ausläufer der Berge. Dort, wo sie sich aus dem Boden herauszuwölben beginnen, sehen sie aus wie die entspannt ausgestreckten Pfoten eines riesigen Tieres.

Victoria oder Orașul Victoria, Victoria-Stadt, liegt mitten darin. Die Stadt wurde dort hineingesetzt, im Jahre 1949, mit Absicht hier, in dieses pastorale Stillleben im Herzen des Landes. Nirgendwo konnte die Vision des neuen Rumäniens so klar und brutal aufscheinen. Hier am Fuße der Berge, wo der Legende nach die Daker, die Vorfahren der Rumänen, Jahrhunderte als Hirten überdauerten, nachdem die Römer das Gebiet geräumt hatten. Hier wo der Mythos des lateinischen Ursprungs Siebenbürgens liegt, hier entwarfen die Sowjets Victoria, die erste Planstadt der Volksrepublik Rumänien.

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Im Zug von Sibiu nach Ucea

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Karpaten zwischen Sibiu und Ucea

Monostadt sagt man heute, monogorod im Russischen, daher kommt das Wort und auch die Idee, eine Stadt um einen Großbetrieb zu bauen, aus dem Nichts heraus. Die Idee ist überkommen, die Großbertriebe bankrott, aber die Städte, die darauf basierend gegründet wurden, stehen noch. In Russland sind es über 400, 40 % aller Städte überhaupt! Über Rumänien finde ich keine Zahlen, aber in Siebenbürgen kenne ich gleich im Umkreis von Victoria zwei weitere Städte (in der ersten habe ich ein Jahr gewohnt), Făgăraș und Copșa Mică. Beide haben allerdings schon vor dem Bau der Fabriken existiert, sie wurden wie fast alle Städte im Mittelalter gegründet. Ein paar Siedler stellten eine Kirche auf und bauten Häuser drumherum, so war es üblich. Das Besondere an Victoria ist, dass alles mit der Fabrik begann.

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Vacation land, Victoria

Die Fabrik aber haben nicht die Sowjets gebaut, die Fabrik gab es schon vor dem Krieg, sie war in tschechischem Besitz und wurde 1937, nach der deutschen Okkupation der Tschecheslowakei, von den Nazis übernommen, von der Firma Ferrostaal. Ferrostaal ließ Zwangsarbeiter, zu denen auch das Jüdische Arbeitsbataillon Ucea zählte, für sich arbeiten und auch Baumaßnahmen an der Fabrik vornehmen. (Diese Informationen kann man sich von rumänischen Websites zusammenklauben, die deutsche Internetpräsenz von Ferrostaal berichtet nichts darüber. Ferrostaal kennt man bisher durch den Schmiergeldskandal von vor ein paar Jahren, das Archiv scheint weitere bereit zu halten).

Nach dem Krieg wird die Fabrik zum Chemiekombinat I.V. STALIN. Das Kombinat produziert Methanol, Formaldehyd und andere Chemikalien für die holzverarbeitende Industrie. (Industrie ist das Ziel an sich. Ein industriell-agrarischer Staat soll es werden.)

Die Arbeiter leben zunächst in Holzhütten auf dem Fabrikgelände. Colonia Ucea und Ucea Roșie, Rotes Ucea, nennen sie den Ort, der noch keine Stadt ist und am Dorf Ucea liegt. Nach sowjetischem Maß werden dann Häuser gebaut, Straßen, ein Kulturhaus. Die neue Stadt ist 1954 fertig, man tauft sie Victoria. 2700 Einwohner hat sie, 20 Jahre später fast viermal so viel. Aus allen Teilen Rumäniens kommen Menschen, um hier Arbeit zu finden. Die Utopie, ganz neu beginnen zu können, an einem Ort ohne Geschichte, scheinbar. Hier gab es keinen Blick zurück. Keine Schlachten, keine Ahnenfolge, keine Denkmäler. Keine Reichen-, keine Armenviertel. Keine Traditionen. Man brachte alles mit. Erfand alles neu. Der neue Mensch. Der Blick nur nach vorn.

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Victoria

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Casa de Cultura

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Victoria

Der Reiz muss groß gewesen sein nach dem Krieg, auch die Not. Der Großvater meiner Freundin Anamaria war einer derjenigen, die Victoria mit aufgebaut haben. Einer der Pioniere sagt Anamaria. Sie hat mir von Victoria erzählt. (In keinem Reiseführer, Geschichtsbuch habe ich davon gelesen) Sie ist dort aufgewachsen, in den 70er Jahren. Am besten erinnert sie sich an die Stille. Tagsüber war es ganz still in den Straßen. Alle waren in der Fabrik, auch die Frauen. Gegen fünf Uhr hallte die Sirene durch die Stadt, von überall konnte man sie hören, und dann plötzlich waren die Straßen voller Menschen, wie bei bei einem Volksfest. Es war sehr schön, sagt sie.

Die Straßen in Victoria sind breiter als in anderen Städten. (Breit genug für die Menschenströme von vier- bis fünftausend Menschen, die morgens zum Kombinat und abends wieder zurückgelaufen sind.) Zwei oder drei baumgesäumte Alleen führen schnurgerade in Richtung Berge, am Ende der langen Straßenfluchten türmt sich das Karpatenmassiv wie eine Vorstadt des Himmels. Victoria ist ein unwirklicher Ort. Auch die Häuser sind ungewöhnlich, sie sehen mitnichten nach Planbau aus und auch nicht nach rumänischem Stil, nirgendwo in Rumänien habe ich solche Häuser gesehen. Sie könnten in britischen oder amerikanischen Vorstädten stehen, roter Backstein, weiße Fenstersimse und haushohe bay windows, Erker, die die ganze Hausfront einnehmen und mit Holzschnitzereien versehen sind. Nach welchem Vorbild sie wohl entstanden sind? Es sind sehr hübsche Häuser.

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Victoria

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Victoria

Im Zentrum rahmen dreigeschossige Verwaltungsgebäude den Platz, es ist eine historischen Städten nachempfundene Ansicht, hier traute man dem Neuen wohl nicht. Ein Rechteck Rasen mit einem Wasserspiel, davor das baushauswürdige Kulturhaus. Die Blumenkästen haben Zickzackmuster.

Reißbrettstadt sagt man immer abfällig, aber wie und wo entstehen denn Städte besser als am Reißbrett? Wenn man sie einfach wachsen lässt, wird es nicht natürlicher, nur unübersichtlicher. Mir gefallen die Klarheit, die gerade gezurrten Alleen. Und überall die Berge im Blick.

Die Fabrik steht noch. Ein Teil ist stillgelegt. Der andere läuft, mit amerikanischem Kapital. Es werden immer noch Dünge- und Holzverarbeitungsmittel hergestellt, und Pharmazeutisches, die Amerikaner haben einen neuen Zweig eröffnet. Die Menschen klagen, es gäbe seitdem einen unerträglichen Geruch in der Stadt und viele Krankheiten. Aber es ist der beste Arbeitgeber.

Die Straßen sind still und leer. Sie füllen sich auch abends nicht. Die Menschen gehen weg, zum Beispiel nach Italien. Ein großer Reisebus mit Anhänger hält in Victoria, als ich dort bin, Marius Tours – Cu noi ești mai aproape de Italia (Mit uns bist du näher an Italien) ist darauf geschrieben. Zweimal in der Woche hält er hier.

Auf dem Sportplatz, gestiftet vom Chemiekombinat Viromet, kickt ein Junge seinen Ball in den blauen Himmel. Auf dem Eingangstor zum Platz steht: Glorie den Siegern, Ehre den Verlierern.

Am Eingang der Stadt steht ein großes V. V wie Victoria. Es wurde noch zu Ceaușescus Zeiten aufgestellt. Am Ende der Stadt steht Lidl. Mit Bergblick. Eine der spektakulärst gelegenen Filialen Europas.

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Lidl, Victoria

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Sportplatz

Vor drei Jahren hat Siemens einen Wettbewerb ausgeschrieben, Victoria 20.20. Für nachhaltige, grüne Projekte. Die Siegerprämie betrug 2000 Euro. Über das Siegerprojekt habe ich im Internet trotz großer Mühe nichts finden können. (Es ist offensichtlich nie realisiert worden.) Gefunden habe ich aber einen Kommentar, den ich hier unter diesen Titel stellen möchte. Der Autor heißt Ovidiu Stoica.

Victoria 20.20

M-am născut și eu in acest oraș,
am învățat, m-am format și am muncit vreo 7 ani aici.
Am asistat la revoluția din decembrie aici,
am fost tânăr entuziast aici,
am făcut politică aici,
am fost consilier local aici,
m-a înjurat lumea aici.
Am iubit ce-i frumos aici și înca mai iubesc o imagine a copilăriei mele aici
M-am saturat de tot ce-i aici,
am vândut tot ce am avut aici.
Am plecat de aici
Aș reveni oricând aici
Iubesc munții de aici
Sunt trist de tot ce văd acum aici
În final eu cred că nu va mai fi nimic aici
Vreau sa trec pe aici, inima îmi tresaltă
Am trecut pe aici și tristețea mă apasă.

Auch ich wurde geboren in dieser Stadt,                                                                                       bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und habe gute sieben Jahre hier gearbeitet.
Ich habe bei der Dezember-Revolution mitgemacht hier
Ich war jung und begeistert hier
Ich habe Politik gemacht hier
Ich war Stadtrat hier
mich verfluchte die Welt hier.
Ich liebte, was schön ist hier, und ich liebe noch immer das Bild meiner Kindheit hier
Ich habe alles satt hier,
Ich habe alles verkauft, was ich hier hatte.
Ich bin weggegangen von hier
Ich würde immer wiederkommen hierher
Ich liebe die Berge hier
Mich macht alles traurig, was ich jetzt sehe hier
Am Ende, denke ich, wird nichts bleiben hier
Ich möchte vorübergehen hier, mein Herz springt
Ich bin vorübergegangen und Traurigkeit traf mich.

(Es handelt sich um einen Leserkommentar auf http://www.hbo.ro zu dem Dokumentarfilm „Victoria“, der 2010 von HBO finanziert und gedreht wurde. Es brauchte nur Absätze, um daraus dieses Gedicht zu machen. Es sei mir erlaubt gewesen hier)

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Glorie den Siegern, Ehre den Verlieren!

Am Ende ein seltener Leser-Aufruf: Fahrt nach Victoria! Besucht Victoria, den ersten lebensgroßen Nachbau des sowjetischen Stadtmodells, mit dem die Transformation vom Agrar- zum Industriestaat angestrengt wurde. Hier ist ihr Grundstein und ihr Grab. Was noch fehlt: Ein paar Schilder zur Geschichte der Stadt. Ein Museum. Die ganze Stadt als Museum. Zeitzeugen, die herumführen. Das könnte werden, wenn jemand einen Plan hätte, einen Plan für Victoria, die erste Planstadt Rumäniens.

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Restaurant in Victoria

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Über Julia Jürgens

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