Märzchen

Ein roter und ein weißer Faden ineinanderverschlungen, das ist ein Märzchen. Es hängen oft noch Glückssymbole daran, Kleeblätter, Marienkäfer, Hufeisen. In Rumänien, Moldawien und überall dort, wo Rumänen leben, verschenkt man es zum 1. März. Das Märzchen, rumänisch marțisor, ist ein Symbol aus heidnischer Zeit. Es steht für den Frühling, die Fruchtbarkeit, das Erwachen des Neuen. Der rote Faden wird der Sonne, dem Feuer und der Frau zugedacht, der weiße Faden dem Himmel, dem Wasser und dem Mann. Miteinander verzwirbelt bringen die Fäden Stärke und Glück.

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In Rumänien gibt es Ende Februar überall Märkte nur für Märzchen, Stand neben Stand, die Anhänger werden in kleinen Plastiktüten verkauft. Man verschenkt sie an Freunde, Bekannte und Kollegen, die Frauen stecken sie sich an wie Broschen und tragen sie mindestens bis zum Frauentag am 8. März. Früher trugen Männer wie Frauen sie den ganzen März über und hängten sie am letzten Tag des Monats in einen blühenden Obstbaum. So sagt es der Brauch. Für das beginnende Jahr sollte einem so Kraft und Gesundheit zuteil werden. (Für die Thraker, zu deren Zeiten es den Brauch wahrscheinlich schon gab, war der 1. März der Beginn des neuen Jahres). Ob es Bräuche wirklich so gab, wie man sie heute erzählt? Waren Menschen einmal so poetisch?

Manchmal, wenn ich so etwas lese, halte ich es für ausgedacht. Vielleicht sind solche Symboliken erst viel später entwickelt worden, als die Welt schon komplex und unverständlich war. Wehmütig zurückblickend haben Menschen ein System erdacht, in dem alles klar und verbunden ist. Zwei Prinzipien, die zusammenwirken und dabei etwas Gutes hervorbringen. Feuer und Wasser, Sonne und Mond, Mann und Frau. Beides gehört zusammen und bedingt einander. Das war ein kompaktes Modell. Ich bin nicht sicher, ob man zu sehr viel mehr Komplexität überhaupt in der Lage ist. (Vielleicht einzig zu verstehen, dass sich auch Feuer mit Feuer, Wasser mit Wasser, Mann mit Mann und Frau mit Frau verbinden kann).

Wie ist es heute? Vor lauter Ausdifferenzierung sind die Grenzen, auch die Verbindungen zwischen den Dingen verschwunden, und Systeme gibt es nur noch in der Wissenschaft (aber da versteht man sie nicht). Den praktischen Gebrauch hat man sowieso verlernt. Was Feuer ist, weiß ich nicht besser als ein Thraker, aber entfachen kann ich es im Unterschied zu ihm nicht. Ich weiß, dass sich die Erde um die Sonne dreht, aber beim Mond bin ich schon unsicher. Für einen Moment. Bei Mann und Frau wird mir gleich schwindelig.

Denken muss einfacher gewesen sein, als es so klare Bilder gab. Analogien, die allgemeingültig waren und nicht die Lyrik eines einzelnen.

Darüber habe ich nachgedacht, als ich Anfang März bei einer Veranstaltung in der Rumänischen Botschaft war. Der Abend wurde zu Ehren des Frühlings und des Märzchens ausgerichtet. Es gab einen kurzen Vortrag zur Geschichte des Märzchens und seiner ursprünglichen Bedeutung, dann wurden Körbe durchs Publikum gereicht, darin lagen die rotweißen Anhänger, frisch importiert. Nur den Frauen wurden die Märzchen gereicht, die Körbe gingen langsam durch die Reihen, Tüten knisterten, die Frauen steckten sich die Märzchen an, nahe des Herzens, wie es sich gehört. Ich saß in eine der hinteren Reihen neben einem alten Mann, der den Korb mit dem letzten Märzchen darin bekam. Er überlegte einen Moment und ließ es in seine Brusttasche gleiten.

Dann gab es Musik. Ich hatte an eine Folklore-Gruppe gedacht und mich gefreut, ich mag rumänische Volksmusik. Aber es trat ein Trio auf, die Sängerin mit kurzem Bubikopf, sie spielten moderne rumänische und französische Songs, mit der Gitarre. Ein bisschen Maria Tanase konnte ich erkennen. Natürlich, auch Rumänien ist weltoffen, war es zeitweise immer, dachte ich, empört über meine eigene Enttäuschung. Aber wie das Märzchen denkt man es zweifädrig in den immer gleichen Kategorien.

Seltsam, dachte ich dann beim Hinausgehen, seltsam, dass man zu wissen glaubt, wie Länder sind, seltsam, dass es überhaupt Länder gibt (und Botschaften von Ländern). Nationen mit bestimmten Eigenschaften, die sie selbst hervorheben und die man ihnen zuschreibt, wobei sich beides nicht immer deckt.

Länder sind auch wie ein alter Brauch. Und auch erst spät erdacht. Vielleicht eben erst in dem Moment, in dem die Realität schon viel zu komplex für das Konzept war. Aber vielleicht war es auch niemals einfach. (In einem Film, den ich letzte Woche sah, erzählte eine aus Czernowitz stammende Jüdin: Als sie geboren wurde, gehörte die Stadt zu Österreich, wenig später zu Rumänien, im Zweiten Weltkrieg wurde sie von den Deutschen besetzt, dann war sie lange Zeit russisch, heute ist sie ukrainisch).

Der Mann an der Garderobe bringt mir meinen Mantel, kommt umständlich mit ihm um den Tresen herum und hält mir die Ärmel auf. Oh, mulțumesc, sage ich und bin einen kurzen Moment froh. N-aveți pentru ce, sagt er, keine Ursache.

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Über Julia Jürgens

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