In Kaliningrad

Breite Straßen, exakt gereihte Blocks zu beiden Seiten. Überdimensionierte Denkmäler und weite, leere Plätze. Sowjet-Architektur hat etwas Erhabenes. Sie ist für etwas gemacht, das so offensichtlich größer ist als man selbst. Eine Architektur, die sich fahrend, von der Straße aus erschließt. Kaliningrad braucht Geschwindigkeit. In Bewegung, durch ein Autofenster hindurch, ist das Totalitäre grandios. Den Moskovskiy-Prospekt hinunter, kilometerlang, dehnen sich die Häuserblocks ineinander und neigen sich nach vorn, auf eine immer schmaler werdende Passage hin, die sich wie gerade vor einem zum Horizont entrollt. Die Katharsis kommt beim Laufen. Zu Fuß, die gleiche Strecke. Langsam kommt man an einem Block vorbei, dann am nächsten. Der Beton ist grob, von nahem ohne Grazie. Vor einem türmen sich die Häuser ins Unendliche und machen einen klein. Der Mensch auf dem Moskovskiy-Prospekt ist winzig.

Die Maße gelten dem Kollektiv, der einzelne ist in dieser Architektur ein trauriger Unfall. Los Angeles macht zu Fuß ein ähnliches Gefühl. Da liegt es allerdings am Auto. An der Stadt, die für Autos gemacht und nur mit Auto erfahrbar ist, buchstäblich. Hier fehlt nicht das Auto. Es fehlen die Menschen. Ich wünsche mir einen ganzen Korso hinter mir, eine Menge, die mich durch die Straßen schiebt.

Kaliningrad ist die erste russische Stadt, die ich besuche (es ist eine russische Stadt, ja).

Kaliningrad_Moskovskiy

Moskovskiy-Prospekt, ziemlich am Anfang

Königsberg ist etwas Eigenes. Es taucht zwischen Plattenbauten auf und plötzlich an einer Straßenecke, fremd und oft ein wenig plump in rotem Klinker. Es ist auf Häuserwände gemalt, sepiafarben, und hängt als Fotografie in allen besseren Hotels und Restaurants der Stadt. Es kommt als Grundriss in den staubigen Mappen der Heimatforscher im „Russisch-Deutschen Haus“ zum Vorschein, in hunderten von Skizzen der historischen Viertel, Löbenicht, Kneiphof, Altstadt mit Schloss. Es gibt nichts mehr davon, das hat man gelesen, aber von Anfang an hält man in Kaliningrad Ausschau nach Königsberg.

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Haus im „Fischdorf“ am Hundegatt

Man entdeckt den Wrangel-Turm (W r a n g e l steht tatsächlich in dicken Buchstaben darauf geschrieben) und andere klobige Türme aus Backstein und wundert sich über die Präsenz dieser Bauten von so eindeutig militärischer Widmung. Die Sowjets, die das Königsberger Schloss als „Symbol des preußischen Militarismus“ gesprengt haben, haben die Forts und Bastionen der deutschen Befestigungsanlage rund um die Stadt stehen lassen und teilweise sogar restauriert. So gehören sie mit den ehemaligen Stadttoren heute zur wenigen originären Bausubstanz Königsbergs. Die Schutzwälle unbeschadet, der Kern komplett vernichtet. Es muss der Sarkasmus der Sieger gewesen sein, oder die Dicke der Mauern, die ihr Bestehen gesichert haben. Heute sind in den Forts Cafés und Souvenirgeschäfte untergebracht.

Was sonst noch steht, ist überschaubar. Der Dom, der wiederaufgebaut wurde, das Grabmal Kants, das Denkmal Kants, die Luisenkirche, die in ein Puppentheater umgebaut wurde, die Alte Börse, die heute ein Clubhaus ist, die Stadthalle, der Tiergarten. Der Zoo wurde im Krieg stark beschädigt, samt der Tiere, von denen laut einer Broschüre des Tourist Office nur vier überlebten. Ein Reh, ein Dachs, ein Esel und ein verwundetes Nilpferd, das sieben Schusswunden hatte. Dank der Bemühungen eines russischen Tierarztes überlebte das Nilpferd Hans und war damit das erste große Tier im neu aufgebauten Kaliningrader Zoo.

Das Preußische wird gepflegt, als Konzertraum, Denkmal und Museum. Immerhin zieht es Touristen an, und das Tourismus-Marketing hat gerade erst begonnen. Noch wird Königsberg nur schwach gefeaturet, es gibt Postkarten und Tassen, aber keine Bustouren, die deutsche Sehenswürdigkeiten abfahren, keine deutschen Speisekarten, und nirgends entdecke ich Klopse (vielleicht entgehen sie mir im Kyrillischen allerdings auch).

Gullideckel

Gullideckel der Waggonfabrik Steinfurt von Königsberg aus dem Jahr 1936 (zu finden auf der Dominsel)

Das wird sich ändern. Das Königsberger Schloss, erzählt mir eine alte Dame, soll wiederaufgebaut werden. Es gibt einen deutschen Heimatverein, der sich dafür starkmacht, das Signal komme aber vor allem von den Bewohnern Kaliningrads, betont sie. Sie wollen nicht in einer geschichtslosen Stadt leben. Geschichte heißt Preußen. Schon in Berlin ist es nicht zu verstehen, und von dort muss die Idee kommen. Wie hat sie hier bloß gezündet? Im Königsberger Schloss ließen sich die Friedrichs zu Königen krönen, in und von Preußen. Der letzte von ihnen erklärte Russland den Krieg und brachte ihm horrende menschliche und ökonomische Verluste. Vom 2. Weltkrieg gar nicht zu reden. Die Menschen, die heute hier leben, kamen erst danach. Russen, Weißrussen, Ukrainer, Litauer und andere, die nach dem Krieg hier angesiedelt wurden, die meisten in Not, weil sie Hab und Gut verloren hatten und viele unter Zwang. Sie kamen in eine Stadt, die aussah wie eine Wüste aus Stein. Das ist ihre Geschichte.

In Jahrzehnten haben sie die Reste der alten Stadt, mit der sie nichts zu tun hatten, beseitigt und eine neue aufgebaut. Wenn man Bilder der ausgebrannten Stadt sieht, ist das eine schwer fassbare Leistung. Im Bereich der Innenstadt standen nur noch eine Handvoll Häuser. Die neuen Bewohner haben die Wüste planiert und breite Straßen hindurch gezogen, den Leninskiy-Prospekt, den Moskovskiy-Prospekt, den Sovetskiy-Prospekt. Die neuen Machthaber haben die Schlossruine gesprengt und auf dem Grund das Rätehaus gebaut, das heute wiederum Ruine ist. Jetzt soll das Schloss wiederaufgebaut werden, und das Rätehaus vielleicht abgerissen, wie der Palast der Republik. Irgendwann wird dann vielleicht das Schloss wieder abgebaut. Und das Rätehaus wieder aufgebaut. Wer weiß.

Rätehaus

Rätehaus („Haus der Sowjets“)

Dabei sollte alles bleiben, wie es ist. Königsberg-Kaliningrad ist eine Stadt des 20. Jahrhunderts, eine Topographie des Terrors, die von Krieg und Zerstörung, vom Aufbau und Scheitern der Ideologien des letzten Jahrhunderts erzählt, besser als jedes Museum es könnte. Diesen Wahnsinn stellt Kaliningrad aus, und es ist unmöglich zu sagen, die Stadt sei schön oder hässlich. In diesem Sinne ist ihr Wiederaufbau, im Widerspruch zu allem, was man liest, gelungen. An manchen Stellen schön.

In den zerstörten Stadtteilen hat man viel Leere gelassen und darin Grün gepflanzt. Kaliningrad besteht zu weiten Teilen aus Parks. Viele Gebäude stehen einzeln. Auf der Dominsel, früher eng gebaut, ist heute inmitten von Grün der Dom. Sonst nichts. Auch die Nordufer des Pregel, an denen einst das emblematische Königsberger Panorama aufragte, sind fast unbebaut. (Ich sehe das als Mahnmal.) Erst zur 750-Jahr-Feier von Königsberg-Kaliningrad  – über den Titel wurde gestritten – hat man vor knapp zehn Jahren ein paar Häuser gebaut, in frei historisierender Anlehnung an die alten Giebelhäuser. „Fischdorf“ heißt das Ensemble und ähnelt wahrscheinlich nicht zufällig dem Nikolaiviertel, das zur 750-Jahr-Feier Berlins errichtet wurde.

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„Fischdorf“am ehemaligen Fischmarkt

Giebelhäuser

Neue Giebelhäuser am Hundegatt

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Die Alte Börse

Dort, wo die wenigen alten Gebäude von Königsberg nicht einzeln stehen, hat man sie mit Geschick integriert. An die Alte Börse schließt eine Riege von Plattenbauten an, die sich in gleicher Traufhöhe eingliedern. Obwohl sie nicht offensichtlich eine Ähnlichkeit herzustellen versuchen, sind sie von weitem nicht als etwas Fremdes wahrnehmbar. Dass die Stadt vor Brüchen nicht völlig auseinanderfällt, liegt an den Plattenbauten. Sie haben eine Eleganz, die sich erst im Hintergrund der historischen Baumasse entfaltet. Selbstlos treten sie hinter das Alte zurück und ducken sich in den Himmel hinein. Sie sind eigentlich kaum sichtbar in ihrer Anspruchslosigkeit an Aufmerksamkeit. Ich verstehe deshalb nicht, weshalb so viel von ihnen die Rede ist – in meinem Reiseführer auf jeder Seite, abwechselnd als „trostlos“ und „brutal“.

Brutal wirken die Blocks am Rande der Stadt. Sie stehen dicht nebeneinander und sind völlig zerfallen. Gleichzeitig wird hier, im Betongrau, Kaliningrad auf einmal dörflich. Wie in Rumänien auch, haben die Menschen das Dorf, aus dem sie kamen, mitgebracht. Zwischen den Häusern sind Gemüsebeete, Alte sitzen auf Bänken und Hunde streunern herum. Was genau heißt trostlos? Kaliningrad hat weniger Bausünden als jede westdeutsche Innenstadt. Wieso sind Hochhäuser mit Glasfassaden niemals trist? Wer nennt die Banken-Tower von Frankfurt je brutal? Es ist die unhinterfragte Weiterführung der Kalte-Kriegs-Ästhetik, die Ost und West bewertet. Und immer hält die Architektur her. Ich bin für eine kritische Bearbeitung aller Reiseführer Osteuropas.

Man kann feststellen: Kaliningrad ist keine Stadt geworden, nicht wie Königsberg eine war. Sie hat keine Struktur und kein Zentrum. Kein Rahmen hält sie zusammen. Sie ist eine posturbane Anhäufung von Häusern und Shopping-Malls, so wie amerikanische Städte oder Dubai. Die nonlineare Stadt.

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Siegesplatz mit Christi-Erlöser-Kirche

 

Post scriptum

Ich muss noch die Verliebten erwähnen. Die Verliebten in Kaliningrad fallen auf, obwohl sie so unauffällig sind wie die Plattenbauten um sie herum. Man wird erst auf den zweiten Blick auf sie aufmerksam, aber dann sieht man sie überall, Kaliningrad ist voll von jungen Verliebten, Teenager viele noch. Sie laufen fast immer Hand in Hand und sind schmal und blass. Sie sind wenig expressiv (ich sehe sie nie gestikulieren oder laut lachen) und verliebt ohne den jugendlichen Überschwang, den selbst Erwachsene noch an den Tag legen, auch wenn sie zum hundertsten Mal verliebt sind. Die Verliebten in Kaliningrad sehen konzentriert aus, nicht auf den Moment, sondern auf etwas, das vor ihnen liegt. Sie laufen mit feierlichem Ernst durch die Straßen, so ob sie die Tragweite ihres Vorhabens tatsächlich schon ermessen hätten.

 

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Über Julia Jürgens

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