Satelliten

Die Welt ist voller Missverständnisse. Manche klären sich irgendwann auf. Ich habe zum Beispiel früher geglaubt, dass Satellitenfernsehen im All entsteht. Ich war gar nicht mehr so jung. Es war die Zeit, als die schmale Fernsehwelt plötzlich weit und bunt wurde. RTL, Sat 1, Tutti Frutti und California Clan kamen ins Haus. Ich dachte nicht weiter darüber nach, aber als ich mit meinem Bruder einmal Nachrichten auf Sat 1 sah, fragte ich ihn, wie es eigentlich möglich sei, dass die dort oben immer so gut frisiert seien. In dem Moment, in dem ich die Frage aussprach und vor mir eine kleine Raumkapsel sah, in der die Nachrichtensprecherin saß, merkte ich die Dummheit. Mein Bruder auch. Dort oben? fragte er, wie meinst Du denn das? Ich konnte selbst nicht glauben, was ich bis dahin geglaubt hatte. Dass die Moderatoren in einer Rakete in die Luft geschossen werden, um in einem Fernsehstudio in der Umlaufbahn zu kreisen und von dort die neuesten Nachrichten zu senden. Genau hatte ich darüber wie gesagt nie nachgedacht. Es war eine Annahme, die ohne Bewusstsein in mir entstanden ist. Satellitenfernsehen war eines von vielen unerklärlichen Phänomenen, die man in die begrenzte Dimension der eigenen Welt übertragen musste.

Das Unbewusste von Erklärungen verliert sich irgendwann. Für fremde Phänomene, die mir später begegnet sind, habe ich keine eigene Vorstellung mehr entwickelt. Das Denken setzte lieber aus als sich noch einmal so lächerlich zu machen. Ich sammele sie jetzt stattdessen auf einer Liste in meinem Kopf: Alle Begriffe, unter denen ich mir nichts oder nur wenig vorstellen kann. Manchmal sind es Fremdworte wie idiosynkratisch. Manchmal sind es Landstriche wie die Kurische Nehrung.

Manche Dinge googele ich gleich, andere nicht. Ich möchte ihnen die Chance geben, sich selbst zu erklären, so wie Menschen auch. Menschen zu googeln, bevor man sie kennenlernt oder während man sie kennenlernt, erschwert das Verhältnis zu ihnen, es ist distanzlos. Bei Dingen ist das nicht viel anders. Warum sie nicht ein bisschen kreisen lassen wie die Satelliten im All. Kurische Nehrung habe ich zum ersten Mal vor Jahren auf einem Filmplakat gesehen, als Titel. Es klang nach einem seltsamen Wortspiel, einem Versprecher, bei dem die Vokale vertauscht und in dieser Form erstarrt waren. Wie der Begriff ursprünglich hieß, grübelte ich und was er wohl benennt.

Irgendwann löst es sich von selbst. Es kann ein lichtheller Moment sein oder eine Enttäuschung. Die Gefahr einer Enttäuschung vergrößert sich, je länger etwas Rätsel bleibt, die Erwartungen werden zu groß.

Dann fahre ich in einem Bus eine gerade Straße entlang, rechts und links ist dichter Wald. Die Straße ist sehr schmal und schnurgerade. Sie führt knapp 100 Kilometer von Selenogradsk, das früher Cranz hieß bis nach Klapeida, das früher Memel war. Heute verbindet sie die Kaliningrader Oblast mit Litauen. Am Straßenrand zeigen Kilometerzähler den Standort an, um die Ortschaften, die man durch den dichten Wald nicht sieht, erkennbar zu machen. Bei Kilometer 34 steige ich aus. Unter dem Asphalt ist Sand. Das sehe ich nicht, weiß es nur. Die Kurische Nehrung ist ein schmaler Sandstreifen, eine aufgewehte Sandbank, an einigen Stellen nur ein paar hundert Meter breit. Trotzdem sehe ich außer Wald nichts. Nicht das Meer. Keine Düne. Einfach eine lange gerade Straße.

Ich laufe drei Kilometer dort entlang, zu beiden Seiten Wald. Dann steht rechts ein Schild „Dancing Forest“. Es führt in den Wald hinein. Ich sehe es nicht gleich, aber dann ist alles wie in einem Zerrspiegel. Die Bäume wachsen in Biegungen, manche winden sich in kompletten Loops einmal um sich herum, verknoten sich und strecken sich dann nach oben. Manche wachsen anfangs fast parallel zum Boden, als wären sie sich über die Richtung unsicher und wollten eigentlich in die Erde zurück, dahin, woher sie gekommen sind. Aber dann schießen sie nach ein paar Schlenkern doch plötzlich sehr gerade zum Licht. Was für eine Perfektion ein Wald hat, normalerweise, sieht man erst in diesem Taumel der Bäume (trunken nennen sie die Einheimischen, tanzen tun sie nur für die Touristen). Warum das so ist, weiß man nicht. Es könnte eine genetische Anomalie der Bäume sein oder eine magnetische Strahlung des Bodens.

Die Kurische Nehrung wurde zuerst von den Kuren besiedelt. Später verbrachte Thomas Mann ein paar Sommer hier, jedes seiner Kinder hatte in dem Sommerhaus ein eigenes Zimmer. Irgendwo gab es eine Künstlerkolonie. Und irgendwo eine Vogelschutzwarte. Die gibt es noch. Das ist es also.

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Der taumelnde Wald

Auf dem Rückweg sehe ich am Straßenrand einen Fuchs. Er ist nur ein paar Meter von mir entfernt und läuft nicht weg, als er mich sieht. Er kaut etwas. Ich stehe ganz nah vor ihm und sehe in seine grünen Augen, während er angestrengt die Schnauze kraust. Ein Fuchs ist eine seltsame Mischung aus einem Hund und einer Katze. Das ist mir noch nie aufgefallen. Ich beobachte ihn eine Weile, dann gehe ich auf ihn zu, um ihn in den Wald zu treiben, damit er nicht überfahren wird. Er trabt los, fedrig und leicht zwischen den Bäumen. Ich folge ihm ein paar Meter und sinke tief ins Moos, es bedeckt den gesamten Boden des Waldes. Ich bin zu schwer, aber für die Tiere muss es sich anfühlen wie Watte. Wie auf Wolken, der Wald ist für die Tiere ein Himmel.

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Der Fuchs auf Kilometer 35

Über Julia Jürgens

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2 Antworten zu Satelliten

  1. Hans schreibt:

    ’sehr schöner Beitrag (mal wieder)! Als alter Holländer konnte ich mit „Kurischer Nehrung“ (bis zu deinem Beitrag) auch wenig anfangen. Seit einigen Jahren dachte ich dann aber vor allem an Sand und Stille. Ich bin grundsätzlich zu faul um nachzuschauen. Deswegen weiss ich immer noch nicht was meine Büronachbarin als Logopädistin den ganzen Tag genau treibt. Auch wenn man mir das mal erklärt hat. Im Kopf bleibt immer noch das verankert was ich gedacht habe als ich das Wort zum ersten Mal im Leben hörte: jemanden der Hornhaut von Füßen schrapt…ich dachte wohl an „Pede“ und damit an Füße!

    • Julia Jürgens schreibt:

      Lieber Hans,

      vielen Dank, das freut mich sehr!
      Ein paar Geheimnisse der Welt lassen – das kann doch auch gut tun! Und Logopädie klingt tatsächlich nach Füßen. Wort-Füße übersetzt man, Griechisch und Latein durcheinanderwirbelnd… (: Alles Gute Dir und bis bald!

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