La ţară

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Ganz so ist es nicht.

Die Kühe stehen auf der Weide, aber wo sind die Kälber. Hat man hier auf den Wiesen schon Kälber gesehen? Man sieht die Kühe im Grünen und freut sich. Abends trotten sie zurück, mit halbgeschlossenen Augen und von einer Seite zur anderen schwankend wie Schlafwandler. Wem fällt auf, dass die Kälber fehlen? Die Kälber sind im Stall, den ganzen Tag. Für jede Kuh ein Kalb, sonst würde ja keine Milch fließen. So war es hier immer. Weil es immer so war. Die Kälber bleiben im Stall.

Auch die Schweine. Das fällt weniger auf, man ist es nicht gewohnt, Schweine zu sehen, auch bei uns nicht (ist einem das schon aufgefallen?). Man sieht sie jedenfalls nicht, aber jeder hat eins, jeder, der es sich leisten kann, am besten gleich ein paar. Die Schweine leben in kleinen Verschlägen, finster wie ein Kellerverlies. Sie kommen nie ans Tageslicht, außer einer hat Mitleid, wie Ilie, er lässt sie abends in den Hof, aber das ist die Ausnahme.

Man hat die Kühe im Blick, die Schafe und die Hühner. Die Schafe, die wie Maden an den Hügeln hängen, den Hahn auf dem Misthaufen. Wie im Wimmelbuch.

IMG_3302 Die Tomaten wachsen in Gärten vor Häusern, die so schief sind wie die Saatreihen, und sie schmecken, wie Tomaten schmecken sollen. Vom Geschmack der Tomaten hat jeder, der nach Rumänien kommt, eine Vorstellung. Auch wie sie einmal ausgesehen haben, (wann war das noch), manche wie uste, manche wie Herzen, aber keine wie die andere. So sieht man sie auf dem Markt auf kleinen Tischen, neben den paar Zwiebeln und Gläsern Zacuscă. Die alten Babas dahinter haben Runzeln unter dem Kopftuch. Sie haben auch schon immer so ausgesehen. Seit Jahrhunderten stehen sie so auf dem Markt und verkaufen ihre Tomaten, ihre Gurken und Paprika, Auberginen und Zucchini, den Blumenkohl, Weißkohl und den Mais natürlich und nichts verändert sich.

Das macht nicht nur uns, es macht auch die Rumänen nostalgisch. Wir alle kaufen am liebsten bei den Babas, ihre erdigen Hände sind das Gütesiegel. Aber die Werbung für Pestizide läuft im Fernsehen rauf und runter, auch im Radio, sagt Agnes. Und jeder kauft. Niemand kann produzieren, ohne sein Gemüse zu spritzen, schon gar nicht die Kleinen. Pestizide sind günstig, und das Unkraut sprießt, besonders wenn es so viel regnet wie in den letzten Wochen. Der Mais ist anfällig für Schädlinge und die Kartoffeln, der Colorado-Käfer frisst ganze Felder leer. Und auch sonst, wer hat die Kraft und die Zeit, die Woche einmal zu jäten? (Jetzt ist man schuldbewusst, wie sollten sich die alten Frauen denn so tief bücken?)

Neben ihr auf dem Markt steht eine alte Frau, sagt Agnes, die kauft ihre Tomaten an einem großen Stand und legt ein paar davon bei sich auf den Tisch. Sie verkauft sie teurer als alle anderen, und alle kommen zu ihr. Sie muss gar nicht sagen, alles Bio, die Leute glauben es einfach. Sie würden sich gar nichts anderes erzählen lassen. Dabei müssten sie nur mal nah genug an ein Maisfeld gehen, da wächst nichts mehr, außer Mais, und der oft mit gelben Blättern, man nimmt es nicht immer genau mit der Dosierung. 

Natürlich Bio, das stellen sich alle so vor, aber eine Bio-Lizenz kostet pro Jahr ein Monatsgehalt, das kann sich niemand leisten. (Auch weil niemand mehr für Tomaten ausgeben würde, die ein Bio-Siegel haben, ein europäisches womöglich?) Die Vorschriften sind für die Kleinbauern gar nicht zu erfüllen. Das interessiert die Rumänen aber nicht, und wir haben nicht nachgedacht darüber. Wir haben im Blick, wie es mal war. Aber nicht wie es war, und auch nicht, wie es ist. 

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Über Julia Jürgens

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2 Antworten zu La ţară

  1. hansvn@t-online.de schreibt:

      Liebe Julia,   gerade habe ich deine Mail bekommen mit der Mitteilung, dass es eine neue Geschichte gibt namens „La tara“. Leider fuktioniert den Link nicht, und auch über deine Homepage komme ich nicht rauf.   Schöne Grüße   Hans van Neutegem  

    • Julia Jürgens schreibt:

      Lieber Hans, tut mir leid, vorhin ist alles abgestürzt – ich bin noch in Bulgarien unterwegs, und da war die Verbindung nicht so besonders…herzlichen Gruß – und Dank für das große Kompliment vom letzten Mal

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