Nachtzug nach Budapest

Der Schaffner im Nachtzug nach Budapest ist immer derselbe. Er ist groß und hat einen schwarzen Bart. Er ist sehr höflich und spricht ungarisch, deutsch und englisch. In den Nachtzug zu steigen ist wie in ein Café zu gehen, das man mag. Die Sitze sind vertraut, die Strecke, die man fährt, bis kurz hinter Dresden oder so lange man eben hinausschauen kann, bis der Schaffner mit den Laken und Bettdecken kommt und das mittlere der drei übereinandergestapelten Betten herunterklappt, so dass man unten nicht mehr aufrecht sitzen und rausgucken kann, sondern sich hinlegen muss (was nur erträglich ist, wenn man oben liegt).

Indem der Schaffner die Liegen aufklappt, bestimmt er die Schlafenszeit, er steckt die Reisenden ins Bett wie Schüler auf einer Klassenfahrt, und mit dieser Autorität, die ihm Freude bereitet, und den Reisenden auch, eilt er von Abteil zu Abteil. Verteilt auf ihre Betten werden die meisten, die sich gerade noch angeregt unterhalten haben, ruhig, die Gespräche verstummen. Jeder taucht in seine Welt, betrachtet sein Smartphone oder die gewölbte Decke des Zuges über sich. Der Schaffner hat damit seine Pflicht getan und kann sich in sein eigenes Abteil setzen, das am Ende des Schlafwagens ist, direkt neben dem Technikraum, in dem die Schalter nachts bunt leuchten. Auf dem Weg zur Toilette sieht man ihn dort, im Schein einer Lampe geht er die Tickets durch, die er eingesammelt hat und macht sich Notizen, wo jeder Fahrgast aussteigt, in Prag, Bratislava oder Budapest. Nur letzteren wird er pünktlich eine Stunde vor Ankunft Kaffee bringen und einen eingeschweißten Croissant, den niemand isst, den die meisten aber einstecken (ich für die Hunde in Rumänien). Das ist der Ablauf. Er ist immer gleich.

Was nicht gleich ist, sind die Reisenden. Man kann nur ahnen, was einen erwartet. Studenten, die ein Wochenende in Budapest verbringen oder ein altes Ehepaar, das den Geruch von Kohl und Schweiß verströmt. Mit ihnen verbringt man diese Nacht. Man sieht sie ins Bett gehen, Menschen, die man nie vorher gesehen hat, sieht ihr Gesicht im Schlaf und kurz nach dem Aufwachen. Und dann vergisst man sie.

In diesem Abteil ist es ein junger Mann und eine blonde Frau mittleren Alters. Sie unterhalten sich auf ungarisch, und der Junge oder Mann setzt sich der Frau gegenüber und massiert beim Reden ihre Füße. Er streift ab und zu meinen Blick, lächelt und wendet sich dann sofort wieder der Frau zu. Die Innigkeit zwischen ihnen füllt den Raum und legt sich wie eine Hülle um sie. Es lässt sich auf den ersten Blick nicht erkennen, in welcher Weise sie verbunden sind, und auch nicht, in welcher Beziehung diese Verbindung eindrücklicher wäre, in der einer älteren Frau zu ihrem jungen Geliebten oder der einer Mutter zu ihrem Sohn. Ich beobachte sie nur aus dem Augenwinkel, mir gegenüber ist ein dritter Mitfahrer, auch ein Ungar, der mich in ein Gespräch verwickelt, dem ich immer und überall auf Reisen aus dem Weg zu gehen versuche. Ein Gespräch über Reisen. Ich muss es schnell hinter mich bringen.

Wie unangenehm es ist, in die Reiserouten und -pläne fremder Menschen eingeweiht zu werden. In ihre Vertraulichkeit, die der von alten Menschen ähnelt, die sich im Wartezimmer ihre Krankheiten präsentieren, eifrig und immer einen Tick altklug. Im Zug oder in Hostels, die ich deshalb meide, sind es die Jungen, die ihre Reisegeschichten erzählen. Das Unangenehme ist nicht, dass diese Geschichten privat wären – ganz im Gegenteil haben sie fast gar nichts Eigenes – sondern dass sie das Profane am Reisen hervorkehren, um ausgerechnet daraus etwas Besonderes machen. Wie kommt man von A nach B? Das ist der Kern dieser Unterhaltungen, in denen es darum geht, ein scheinbar geheimes Wissen über die besten, kürzesten und günstigsten Wege preiszugeben, mit denen diese und jene Orte zu entdecken sind, diese und jene Strände etc.

Der Ungar, dessen Gesicht ich schon wenige Minuten später vergessen haben werde, breitet die Länder, in denen er war und die, die er in den nächsten Monaten besuchen will, in Reihenfolge und Wegführung vor mir aus wie einen Schlachtplan. Anbieter von Flügen und Busreisen und eine Website über Frachtschiffe, die neben Containern auch Passagiere über die Meere fährt. Freight-cruising, hitchhiking, couchsurfing, das ist die Grundausstattung des Reisens seiner Generation. Sie reist schnell und informiert und überall vernetzt. Die Welt steht ihr auf eine besondere Weise offen, sie rückt für sie zusammen, scheint es, und ist ihr nirgendwo fremd. Was stört mich daran? Es ist die Welt, durch die ich auch reise. Es gibt nur eine. Ich muss sie teilen mit dem Ungarn und allen anderen, die sie bereisen und wie bei allen Dingen, die man als privat betrachtet, ist es unerträglich, dass andere sie im gleichen Maße tun, in gleicher Weise. Vielleicht sogar besser? Während der Ungar von Südamerika erzählt, schaue ich auf mein Gepäck vor mir. Meine Reise schrumpft mit mir zu etwas Kleinem, Lächerlichem zusammen. Die pinken Turnschuhe, die ich mir für die Reise gekauft habe. Lächerlich. Der Strohhut, der an einem Band an meinem Rucksack baumelt. …nach Chile, Buenos Aires, und von Rio direkt nach Japan… Dummerweise unterbreche ich ihn.

Have you ever been to Romania? Er lächelt mit weißen Vorderzähnen, auf denen noch hellere Calciumflecken leuchten. No, why should I? Tell me. It’s a beautiful country, sage ich. Yeah sure, that’s the problem, all countries are beautiful. Er lacht. But it’s wild, sage ich und spüre, wie mir das Blut ins Gesicht schießt, wild and beautiful. Es ist zum Ersticken heiß im Abteil. Ich lehne mich zurück und schließe die Augen. Die Haut glüht. Mit geschlossenen Augen kicke ich die pinken Schuhe unter den Sitz. Wild. And. Beautiful? Ich höre den Ungarn das Abteil verlassen und dann, wie er ein paar Worte mit dem anderen Ungarn wechselt. Als ich die Augen wieder öffne, ist er weg, und der andere lächelt mich an. Er hat ein anderes Abteil gefunden, sagt er auf deutsch, dort sitzt eine Freundin von ihm.

Nicht nur die Choreographie des Textes, auch die einer Fahrt im Nachtzug an sich steuert auf diese Begegnung zu. Es liegt im Wesen des Nachtzugs. In der Zufälligkeit, in der man in einem winzigen Raum zusammengebracht wird und in der Intimität, die sich daraus ergibt. Es liegt in der Zeit und in der Dunkelheit, in der Ortlosigkeit und der Bewegung, die einen aus allen bestehenden Gegebenheiten heraushebt. Die Sehnsucht danach bringt man mit. Auf der Ebene der Geschichte ist es so, dass andere Geschichten etwas erwarten lassen, man muss sie gar nicht kennen, um davon beeinflusst zu sein. Die Erwartung allein führt nicht dazu, dass etwas passiert. Aber sie tut alles dafür. Also wende ich mich dem Jungen zu, der im selben Moment die Hülle, die ihn mit der Frau umgeben hat, verlässt, und sich einen Platz weiter von ihr weg und näher zu mir hinsetzt. Also lächeln wir uns an, und ich bemerke, dass es natürlich seine Mutter ist und er älter ist, als ich dachte.

Also unterhalten wir uns, über Geschwister und Heimat und Väter, und ich sehe, wie sich aus seinem Gesicht, das mir wie das Gesicht eines Jungen vorkam, etwas Männliches herausschält. Es stellt sich neben das Kindliche, verdrängt es aber nicht. In beidem leuchtet etwas, eine Kraft, die mich an Märchen erinnert oder Fantasy-Romane, die ich eigentlich gar nicht lese. In Verfilmungen sind deren Helden aber genau solche Zwischenwesen, Kinder wie Erwachsene können sich darin erkennen. Sie haben diese Gestalt, den gedrungenen Körper, der sich für kein Alter entscheidet und den Ausdruck im Gesicht, ein wenig staunend, die großen Augen und die irgendwie schiefe Nase. Während er spricht, werden die Augen schmaler, es bilden sich Falten um den Mund, die ich vorher nicht gesehen habe und die Hände sehe ich überhaupt erst jetzt. (Keine Bürohände, sie bringen reale Dinge in Form, nichts Abstraktes.)

Bühnenbau, er hat lange in Berlin gelebt und ist nach Ungarn zurückgegangen vor drei Jahren, in eine kleine Stadt in der Nähe von Budapest. Manche Leute, die er kennt, haben das immer noch nicht gemerkt, sie rufen ab und zu an und sagen, wir müssen uns mal wieder treffen, und er sagt dann, ja, diese Woche geht nicht so gut, ich melde mich. Er lacht. Er meldet sich dann, wenn er das nächste Mal in Berlin ist, ab und an, wenn er seine Geschwister besucht oder hier einen Job hat. Er hat zwei Geschwister, zweieinhalb sagt er. Vor ein paar Jahren wurde sein Vater von einem Fernsehteam kontaktiert, von einer Show, wie Kai Pflaume sie mal moderiert hat. Sie sagten ihm, er habe einen Sohn, der ihn kennenlernen wolle und sie wollten vorbeikommen und ihn dabei filmen. Das erlaubte er nicht, aber dem fremden Sohn konnte er nicht verbieten zu kommen. Es war dessen Traum, von klein auf, seinen Vater zu finden. Es hatte gedauert, er selbst war schon über vierzig, ein Vertreter für Damenschuhe aus Düsseldorf, und jetzt fuhr er zum ersten Mal nach Ungarn, um seinen Vater zu sehen.

Der Vater war davon nicht angetan, er hatte sich dafür entschieden, von ihm nicht zu wissen. Er war auch bereits sehr müde, als der Sohn aus Deutschland ankam. Es war spät, er konnte kaum die Augen offenhalten. Außerdem sprach er kein Deutsch und nur wenig Englisch. Es wurden wenig Worte gewechselt. Erst als der Vater zu Bett gegangen war, erzählte der Sohn, von einem verwickelten Leben und Problemen und vor allem von der Vorstellung, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er seinen Vater gekannt hatte. Er redete die ganze Nacht, bis auch sein Halbbruder müde war. Der Vater hatte gefehlt, damit hing alles zusammen. Aber ich weiß nicht, sagt der Mann jetzt, ob es ihm geholfen hat, unseren Vater zu sehen. Er hatte sicher ganz andere Vorstellungen. Was kann es ihm gebracht haben? Bis jetzt konnte er denken, dass alles daran liegt, dass er keinen Vater gehabt hat. Jetzt aber wisse er, dass der, auch wenn er ihn gehabt hätte, sich nicht für ihn interessiert hätte. Das müsse seine Probleme doch noch größer machen.

Ich sage, ich habe immer davon geträumt, meinen Vater nicht zu kennen und mir vorzustellen, er lebe irgendwo in einem Dorf, mit einem grauen Bart und sei Maler. Das sei sein Vater, sagt der Mann, Maler, mit Bart. Nicht ganz unbekannt. Kurz ist Spott in seiner Stimme, und ich spüre, dass er Interesse an seinem Vater gewohnt ist, aber Fragen nach ihm schon zu oft beantwortet hat. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Es ist dunkel geworden draußen. Es gibt andere Dinge, die man nicht fragt. Nach Namen und anderem Unmittelbaren, aber genau deshalb fallen einem die Sachen ein, die auch ohne Zusammenhang sind. Das sind viele, von früher und von jetzt. Man kann sie sagen, wie sie sind. Ich war mal in Amerika, das war immer mein Traum, aber ich war dort so einsam! Ich lernte niemanden kennen, und ich hatte Angst vor den Highways und meinem Auto, durch dessen verkratzte Windschutzscheibe ich so schlecht sehen konnte. Dann bin ich allein in die Wüste gefahren, einfach so, nach 29 Palms, wegen des Namens. Ich habe in einem Motel übernachtet. Das Gefühl von Freiheit und der Angst davor hielten sich genau die Waage. Am nächsten Tag war ich im Joshua Tree Park, diese Bäume vom Plattencover von U2. Ich bin nur kurz ausgestiegen und eine kleine Runde gelaufen, aus Angst, dass ich den Weg zurück nicht finde. Es war heiß, und ich hatte Kanister von Wasser im Auto, weil ich ja in der Wüste war. Allein, und die Euphorie war riesig.

Es ist auch im Abteil sehr warm. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, sie sind verschraubt. Oben, unter der Decke kann man kaum atmen. Die Liege ist schmal, ich strecke beim Reden meine Füße nach oben gegen den Gurt, an dem sie von der Decke hängt. Er lässt von seiner Liege die Arme herunterhängen. Baggerseen fallen mir ein, die Fahrten dorthin im Auto von irgendwem, mit offenen Fenstern. Ich wünschte, man könnte die Fenster öffnen.

Er schwingt sich hinunter und kommt mit dem Schaffner wieder. Sie reden ungarisch, es klingt freundlich und seltsam, als ob sich zwei Trolle unterhalten. Ich werde schläfrig. Mit einem Vierkantschlüssel schraubt der Schaffner das obere Fenster auf. Es ist verboten, übersetzt der Ungar und klettert die Leiter hoch. Wir strecken von der Liege oben erst die Füße raus und dann die Hände. Und den Kopf. Die Luft bläst hart ins Gesicht und wirbelt an die Decke, frisch und mit dem Geruch von Heu. Durch den Fensterspalt kann man die Schienen sehen, sie verzweigen sich nach links und rechts, laufen zusammen und wieder auseinander, wie eine Animation auf einem Bildschirmschoner, einschläfernd gleichförmig und schön.

Seltsam. Ich liege auf einer knapp unter die Decke gehängten Pritsche in einem winzigen Raum und nur ein Stück entfernt liegt ein Mann, den ich nicht kenne und unter uns liegt seine Mutter, die schon lange schläft. Wir liegen in einem Zug, der die ganze Nacht fahren wird. Ich kann sein Gesicht im Dunkeln nicht mehr erkennen. Wir werden jetzt auch einschlafen und morgen früh in Budapest sein.

Wir werden den Kaffee trinken, den der Schaffner bringt und uns mit vom Fahrtwind rotgeränderten Augen kurz und grundlos verlegen streifen. Wir sind so konzentriert, die Stadt, die sich nähert, zieht die Zeit ins Jetzt und verlinkt uns mit unseren Bedingungen (Wohnort, Beruf, Status) und den Handlungen, die diese vorgeben. Und den Fragen. Aber ich fahre von hier weiter, nach Rumänien, das ist der Plan.

Image

„I rather take a walk“, Copyright: Andras Wahorn

Über Julia Jürgens

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