Lőkösháza

Doch der Zug fährt nicht. Der Transsilvania-Express ist ausgesetzt. Es ist der einzige Direktzug von Budapest nach Sibiu. War. Die Dame am Schalter in Budapest-Keleti guckt ausdruckslos. In construction. Weitere Informationen sind nicht zu erwarten, ich versuche es trotzdem. Gibt es einen anderen Zug? Wann fährt er? Sie lässt ihre Finger langsam auf die Tastatur fallen und ringt sich dazu durch, die Ergebnisse auf ihrem Bildschirm mit mir zu teilen. Ein Zug am Abend. Nach Alba Iulia. Ankunft um sechs Uhr früh am nächsten Tag. Eine weitere Nachtfahrt, ohne Schlafwagen und jetzt ist es erst früh am Morgen. Das geht nicht. Gibt es eine andere Möglichkeit, frage ich, wann fährt denn der nächste Zug zur Grenze? Die Dame schüttelt den Kopf, ihr Blick geht von starr zu Abwehr. Es hat keinen Zweck. Die Totalverweigerung gegenüber Kunden ist König, bei allen Bahngesellschaften Osteuropas. Sich darüber aufzuregen und zu insistieren, ist verlorene Energie. Es wird nirgendwohin führen.

Ich setze mich auf eine Bank vor dem Bahnhof, die Sonne scheint hell. In meinem Kopf läuft ein Gespräch. Hast du das nicht nachgeguckt? Doch, ich habe sogar eine Mail geschrieben und gefragt, ob der Zug noch fährt. Und, was haben sie gesagt? Na, dass der Zug fährt, nur gibt es gerade Fahrplanänderungen, deshalb konnten sie nicht sagen, wann genau. Aber hast du dann nicht nochmal nachgefragt? Wieso hätte ich nochmal fragen sollen? Aber wann hast du denn gefragt, ich meine, du hättest doch kurz vorher nochmal…Ja, aber warum eigentlich ich, du hättest doch auch…Das Gespräch hätte jetzt stattgefunden und mehrere Schleifen gedreht. Sobald man zu zweit ist, hat einer Schuld. So ist das. Wer hat etwas vergessen, gesagt, nicht gesagt, nicht getan, getan. Milch, Flecken, Landkarten, Regen, Müdigkeit, oder ein Zug, der nicht fährt, man erörtert es in unzähligen Diskussionen. Vermeintlich kleine Dinge, aber es geht darum, wer Schuld hat, und Schuld ist nie klein. Liebe ist ein unaufhörliches Nachfragen, sagt Milan Kundera. Ja, es ist die unaufhörliche Nachfrage nach Schuld. Wer will darauf antworten?

Ich brauche einen Kaffee. Mit meinem Koffer und dem Rucksack laufe ich weg vom Bahnhof und biege in eine Seitengasse, in der ein Lavazza-Schild blinkt. Mit den paar Forint, die ich noch vom letzten Mal habe, bestelle ich einen Kaffee und ein Sandwich. Es ist schön, Geld in der Tasche zu haben, das passt, mit dem man einfach so etwas kaufen kann. Zu stranden ist die Kür der Reise. Es ist nicht zu planen, und wenn es passiert, hat man Glück. Abseits vom Plan entsteht diese Ruhe, wie nach einer verlorenen Schlacht. Man hat nicht den kleinsten Auftrag, nicht einmal die Stadt zu erkunden, denn man wollte ja niemals hierher. Es gibt keinen Reiseführer, keine ausgebreite Straßenkarte, Denkmäler, keine Idee von Geschichte und Befindlichkeiten. Ja, von Befindlichkeiten vielleicht doch und von Zeitgeschichtlichem, aber das spielt in Orte nicht so hinein. Es bleibt nichts zu tun, nichts zu verstehen. Die Gnade, nichts zu wissen, nichts, außer müde in die Gegenwart zu sinken. In das Geräusch des Kaffeeautomaten, die Lichtstrahlen der Sonne, die durchs Fenster scheint.

Ich laufe wieder zum Bahnhof zurück. Ich werde kein Auto mieten und auch nicht bis abends hier sitzen, ich werde zur Grenze fahren, mit dem Zug. Es dauert ein wenig, bis ich herausgefunden habe, welcher Ort ihr am nächsten liegt und noch länger, um zu wissen, welcher sich hinter der Grenze anschließt, von dem ich weiterkomme. Ich kaufe ein Ticket nach Békéscsaba.

Ich fahre nach Békéscsaba und von Békéscsaba nach Lőkösháza. Der Tag zieht mit den Landschaften vorbei. Riesige Felder, auf denen nichts passiert außer Farben. Lőkösháza ist der letzte Ort vor der Grenze. Warten, fahren, aussteigen und wieder warten. In Békéscsaba warten Unmengen von Menschen, sie sitzen auf dem Bahnsteig in dem schmalen Schatten, den das vorstehende Dach des Bahnhofsgebäudes wirft. Sie sitzen auf Bänken, Blumenkästen und Mauervorsprüngen, sie besetzen jeden Fleck des Bahnsteigs und warten. Das Warten sieht anders aus als bei uns, man wartet auf den Zug wie auf den nächsten Tag, regungslos, geduldig.

In Lőkösháza warten nur noch wenige. Hinter dem kleinen Bahnhofsgebäude führt eine schmale Straße in den Ort, der eher ein Dorf ist. Ein Auto mit platten Reifen steht herum. Kinder fahren Fahrrad. Als ich mit meinem Koffer ein Stück in die andere Richtung vom Ort weglaufe, kommen zwei Polizisten, die vorher träge am Bahnhof herumgelaufen sind, hinter mir her. Sie sind verlegen, aber das ist hier eine Aktion, der sie nachforschen müssen. Wohin gehe ich? Ich gehe einfach ein bisschen, sage ich. Also: Ich wollte gucken, welche Straße zur Grenze führt. Ich benutze das Wort highway, das sie sichtbar verwirrt. Sie beraten auf ungarisch und telefonieren. Ihr Chef wird kommen, informieren sie mich. Sie sind Mitte Zwanzig und unsicher, welche Pflicht sie hier erfüllen müssen. Der Chef kommt, sie straffen sich und erklären ihm etwas. Where are you going, fragt er und legt die Hände an die Hüften. Your passport, please. Die beiden anderen gucken ihn ehrfürchtig an. I was looking for the road that leads to the border, to Romania.  No road, sagt er, und blättert durch meinen Pass wie durch ein Bündel Scheine. You go back to the gara. You take the train.

Die Forint reichen noch genau für ein Bier. Borsodi. Der kleine Bahnhof ist wirklich hübsch, ich sitze unter einem Baum auf einer Holzbank, der die vorderste Leiste fehlt. Die Sonne ist kurz davor unterzugehen, ich könnte auch gut verschwinden hier. Es bewegt sich nichts vor meinen Augen bis auf die beiden Polizisten, die noch einige Male um den Bahnhof herumlaufen und in das kleine offenstehende Büro des Schalterbeamten hinein und dann zum Kiosk. Und dann kommt der Zug nach Arad.

Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Lőkösháza

  1. Helmut zell schreibt:

    Liebe Julia Jürgens,
    Wollte Ihnen nur sagen, dass ich Ihre einfühlsamen und scharf beobachtende Texte gerne lese. Auf Ihren Blog bin ich letztes Jahr gestoßen, als ich für einige Wochen durch Siebenbürgen mit den Fahrrad gefahren bin. Beim Lesen schwingt bei mir etwas schwermuetiges und trauriges an, aber vielleicht ist das ja auch mein Zutun.
    Herzliche Gruesse
    Helmut Zell

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