Granițe/ Grenzen

Noch vor den Polizisten kommt die Textnachricht: Willkommen in der EU. Dass man Grenzen überquert, merkt heute zuerst oder überhaupt nur das Telefon. Seit Abfahrt des Zuges begrüßt es im Namen jedes Landes, durch das wir hindurchfahren, mit dem gleichen Text, Willkommen in der EU, als sei man vorher woanders gewesen. Jetzt aber bin ich in Rumänien, endlich.

Die letzten Kilometer vor und hinter der Grenze versuche ich immer, Unterschiede zu sehen, vorher – nachher, Ungarn – Rumänien. Ist das ungarische Land nicht weiter, großflächiger und organisierter, die Gärten zu den Schienen hin weniger chaotisch? Nein, die Gärten sind gleich, eine kleine abgetrennte Fläche für die Hühner, ein paar Gemüsebeete, verrostete Maschinen und Arbeitsgeräte, Autoreifen, gehacktes Holz, Plastikplanen, ein struppiger Hund an der Kette. Aber die rumänischen Parzellen sind tatsächlich kleiner, das Land ein bunter Flickenteppich aus grünen, gelben und braunen Stücken. Schief aneinandergesetzt laufen sie ineinander über wie Wasserfarben.

Für die Bienen ist das ein Paradies. Seit mir jemand erzählt hat, dass sich Bienen beim Fliegen an der Bewegung des Untergrundes orientieren, also an Veränderungen der Landschaft und an Wegmarken wie Bäumen, Hügeln und Flüssen, suche ich die Felder, an denen ich entlangfahre, nach diesen Merkmalen ab. Ich bemerke Zaunpfosten und Holzhütten, den kleinen Wegstreifen mit Wiesenblumen und die Größe und den Anbau der Felder. Die Felder sieht die Biene in grau bzw. schwarzweiß, das Gelb des Weizens oder das Grün der Kartoffeln erkennt sie also nicht, aber vom Geruch kann sie sie bestimmt unterscheiden und von der Dichte der Pflanzen und dem Geräusch des Windes darin. Beim Überfliegen der Landschaft merkt sich die Biene all das, aber bei Feldern, auf denen in Kilometerlänge das Gleiche wächst, ohne Blüten dazwischen, kommt sie durcheinander. Sie verliert die Orientierung und die Kraft. Im Grunde geht es uns genauso, darum stellen wir zur Hilfe Schilder auf. Wie ließen sich Autobahnen oder  Vorstädte sonst bewältigen? (Für die Biene muss Monokultur so sein, Autobahn ohne Schilder.)

Aus Sicht der Bienen sind große Teile der Landschaft deprimierend, von Brandenburg bis Bulgarien – allein die ganze Strecke von Plovdiv bis Burgas am Schwarzen Meer, die ich später fahre werde. Das Auge hält sich an nichts fest, es irrt am ewigen Grün der Kartoffel- und Maispflanzen entlang, bis es wahnsinnig wird. Ich stelle mir eine Biene vor, die parallel zum Auto über die Felder fliegt und von Meter zu Meter müder wird, so wie ich, und die Müdigkeit, die ihre Flügelschläge langsamer werden lässt, geht in meine Augenlider, sie bewegen sich auch immer schwerer, bis sie mir zufallen und ich anhalten muss.

Umso mehr erleichtern mich die kleinen, farbig voneinander abgegrenzten Landstücke hinter Curtici. Viel Brachland und Wiesen mit blauen, gelben und weißen Blüten und rotem Mohn. Auch für den Menschen bietet das mehr Orientierung. Dann aber kommen die Vorläufer der Stadt, flache weiße und graue Lagerhallen, Parkplätze, Schornsteine, die steil und dürr in den Himmel ragen oder bauchig aus breiten Öffnungen Rauch in den Himmel blasen.

Spätestens jetzt vergesse ich die Bienen, denn hier erinnert nichts an sie. Die Gedanken fallen von der Weite der Felder auf den Grundriss der Straßen und Gebäude und dem Leben darin zusammen und fokussieren Bedürfnisse, die damit einhergehen. Wasser muss ich kaufen und eine Fahrkarte für morgen, vielleicht auch Zigaretten, ich möchte plötzlich eine, obwohl ich vor Monaten aufgehört habe.

Am Bahnhof in Arad ziehen die Menschen ihre Taschen, Koffer und Plastiktüten über die Schienen und den Schotter dazwischen. Der Anblick ist vertraut, der erste, der unfehlbar mit Rumänien verbunden ist. Die Bahnhöfe haben keine Unterführungen. Man läuft über die Schienen, links und rechts nach Zügen schauend, versinkend im Schotterbett und fluchend, ja, Reisen ist beschwerlich, wie das verdammte Leben, aber wer möchte denn auf Förderbändern nach vorn geschoben werden oder seinen Koffer auf glattem Marmor geradeaus ziehen.

An der ersten Straßenecke hinter dem Bahnhof sitzen Kinder mit verfilzten Haaren und atmen in Tüten. Die Augen dumpf und verhangen atmen sie gierig, als hielten sie ein Sauerstoffgerät vor sich. Kinder mit solchen Augen. Das sollten alle sehen, die vor Armutsmigranten warnen, die nur kommen, um Sozialleistungen zu beziehen. Nur? Sie möchten in besseren Verhältnissen leben, wie auch nicht. Auf dem Bürgersteig rutscht ein verkrüppelter Mann auf Knien über den Boden, in der Luft ist der Qualm von verbranntem Plastik. Willkommen in der EU.

Das ist der Rand, die echte Grenze, die es zu überqueren gilt. Dahinter wird es einfacher. Einige der alten Häuser sind gemacht, Vodafone und Cosmote-Shops, Banken und Cafés tauchen auf, Schilder zum Best Western und Forum Interconti. Der Rollkoffer rattert über die brüchigen Steinplatten des Gehwegs und bleibt in den tiefen Rissen hängen.

Es kommt mehr Licht und Musik auf mich zu. Das ist die Innenstadt. Vor den Restaurants auf der Straße stehen Pavillons, manche mit weißem Stoffdach, wie man es von Hochzeitsgesellschaften kennt, die hölzernen Balken mit Mustern verziert. Es scheint der neueste Trend zu sein. Ich passiere einen nach dem nächsten, die Menschen sitzen darin wie in einem anderen Universum. Frauen in pinken und blauen Satinkleidern, die Männer in knielangen Hosen und Sakko. Lackierte Nägel und rote Lippen leuchten, es wird gelacht und getrunken, es ist eine einzige große Feier, die ganze Straße entlang. Die Beats wummern, aus jedem Restaurant in einer anderen Frequenz, Herztöne der überhitzten Masse kurz vor dem Kollaps.

Es ist alles so dicht nebeneinander hier, deswegen scheint es obszön. Reich und arm, Us and Them. Aber es ist überhaupt nicht anders als bei uns, es liegt bei uns nur weiter auseinander, wie die Felder, deren riesige Flächen keine Grenzen sehen lassen und den Anschein erwecken, es gebe in diesem Raum nur dieses Eine, nur diese eine Pflanze, die alle anderen überdeckt.

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Über Julia Jürgens

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