Sibiu Revisited

I

Die alte Frau im Zug nach Sibiu redet ohne Pause. Erzählt, was ihr einfällt, setzt irgendwo an, verliert den Faden, macht anderswo weiter. Ihr Strom von Worten nimmt alles mit, das Land, das draußen vorbeizieht, und ihr Leben, wie es anfängt, mit Pferden auf dem Dorf, und Jahre später weitergeht, in einer Fabrik in der Stadt, und ein Mann kommt und ein Kind, und der Mann geht und das Kind auch. Das Land ist darin, das Heu, das auf den Feldern in runden Ballen steht, der Mais brusthoch, die Wälder am Horizont, und die Kinder in Spanien und die Alten in Deutschland, die Kühe und eine Herde Schafe, ein Schäfer, zu dick angezogen in der Hitze. Die neue Autobahn neben den Gleisen, die Religion, der Glauben und der Aberglaube, die Revolution, die keine war, und der Stolz auf die Schönheit von alldem, wer ist so stolz auf ein Land, Land im Sinne von Erde, von Feldern und Bergen?

Bei mir steht alles einzeln, Zug, Landschaft, damals, heute, Stadt, Park, Menschen.

Zug

II

Sibiu ist Bekanntes, pis of shet steht noch immer silbern in der Bahnhofsunterführung, die Strada 9 Mai ist neu gepflastert, die ganze Unterstadt, und das Grand Plaza renoviert. Nur von oben ist es älter denn je, ein Mosaik aus alten Ziegeln, deren Rot zu unterschiedlichen Schattierungen verwittert. Uneben wie Kopfsteinpflaster führen sie bis zu den neuen Häusern jenseits des Cibin. Die alten Holztore in der Strada Mitropoliei, das rote Tor der Post. Die Lügenbrücke mit Blumen, vor der sich jetzt im Sommer die Brautpaare drängeln, ein Foto hier oben und eins unter der Brücke, mit Blick auf den Turm am Rathaus, immer den Moment abgepasst, in dem kein Auto kommt.

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II

Abends ist Lichterfest. Im Erlenpark stehen Lampions, 6000 Laternen aus Papier. Altpapier, einseitig bedruckt und gefaltet, darin ein Teelicht. Die Wege im Park sind gesäumt von Lichtern wie Flugbahnen, sie führen bis in die Mitte des Parks, wo sonst die Ponys stehen. Dort leuchtet das Wahrzeichen der Pfadfinder und in großen Buchstaben SIBIU 2014. Es ist das Festivalul Luminii, eine Installation so einfach, dass niemand bei uns je darauf kommen könnte. Die Pfadfinder aus Nocrich haben es organisiert, sie sitzen auf den Mauern und auf dem Boden, und als sie Adi sehen, winken sie. Eigentlich beginnt das Fest, als Adi kommt. Darauf scheinen alle gewartet zu haben, die Älteren, die Kinder und die freundlich aussehenden Mädchen mit strammen Waden. Jemand bringt eine Gitarre, und Adi singt. Seine Stimme bringt aus der Tiefe etwas Altes, von allen Durchlebtes. Die Mädchen rücken an ihn heran und singen laut und sicher mit Blick auf ihn und wiegen sich in der Taille. Vinovații fără vină / cer să se facă lumină; die schuldlos Schuldigen erbitten sich/ Licht zu machen.

Lagerfeuer in Ferienlagern, auf Zeltplätzen und am See, mit Mücken und vom Feuer erwärmten Gesichtern. Immer sang einer inbrünstiger als die anderen, und die Mädchen daneben waren auserwählt und die drumherum still (vielleicht sangen sie auch mit, aber abwesend, denn sie dachten: Ich singe mit, und vergaßen sich dabei nie).

Adi singt selbstvergessen.

IV

Adi war in Pungești und in Roșia Montana, überall, wo demonstriert wird, findet sich sein Gesicht zwischen den Transparenten. Er hat gegen Chevron protestiert, als sie nach Siebenbürgen kamen, um Sonden ins Erdreich zu bohren. Es gibt ein Foto, da ist er umschlungen von orangenen Kabeln, die Kabel hatte Romgaz unerlaubt auf privatem Grund ausgelegt, für unerlaubte Gasbohrungen, und Adi und andere haben sie aufgespürt und weggetragen. Auf dem Bild gehen sie mit diesen Hunderten von Metern Kabel vor dem Licht einer auf- oder untergehenden Sonne einen Feldweg entlang wie Träger eines geheimen Rituals.

Auf einem anderen Foto ist er mit blutigem Hinterkopf, das war im Norden, in Pungești, die Polizei hatte losgeschlagen, weil Adi und andere mit den Bewohnern von Pungești gecampt hatten, auf dem Feld, wo die erste Schiefergassonde gebaut werden sollte. Das Foto ging durch die Netzwerke, die Bohrungen wurden nach wochenlangen Protesten abgebrochen. Adi ist die neue Generation. Er hat die Kraft und das Gesicht, das eine Bewegung trägt, ebenmäßig, mit der überirdischen Symmetrie von Statuen.

V

Das Freibad ist leer, die grünen Liegestühle verblichen und noch ohne Polster. Es ist noch keine Saison, das Wasser kalt, mit Schlieren von toten Insekten am Rand. Meine Hände ziehen sie in die Tiefe, aber sie treiben wieder nach oben. Der Sommer kommt. Ich sitze auf dem nackten Stuhl und weiß, der Sommer beginnt gleich wie ein Theaterstück, dann stehen die Menschen Schlange vor den Drehtüren, es gibt Musik und Eis. (Damals war die Saison vorbei, das Wasser im späten Oktober so still wie jetzt und noch kälter, so kalt, dass mich der Bademeister in sein Büro vor die Heizung setzte und einen Schnaps brachte.)

VI

Ana ist immer noch in ihrer Wohnung in der Timotei Popovici. Ihr Gesicht ist schmaler, die Augen darin größer. Sie lebt gesund, sagt sie, dreimal in der Woche Joggen im Erlenpark und im Küchenschrank ein Arsenal von Schachteln, pflanzliche Präparate, die sie vor mir ausbreitet, Echinecea, Aloe Vera, Propolis, Ulei de catină. Für die Darmflora, das Immunsystem, das basische Gleichgewicht (besonders wichtig, sagt sie).

Ana ist müde, nicht von der Uni und den Studenten, die Nachhilfe macht sie kaputt. Sie hat acht Schüler, vier davon sind Kinder von Freunden, von denen kann sie kein Geld nehmen. Deshalb muss sie mehr arbeiten, auch am Wochenende. Manche Schüler sagen erst kurz vorher ab, dann ist sie auf dem Weg oder schon vor der Haustür. Manche ihrer Freunde sind auf Dating-Websites, everything is a network, also love, do you want love like that? Sie lächelt mit den Augen auf die Tischplatte. Wenn sie Geld gespart hat und ihre Doktorarbeit fertig (hybride Identitäten in Kanada), dann kommt sie nach Berlin. Ihre Augen, wenn sie hochguckt, sind schräg und schön.

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Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Sibiu Revisited

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