Sărata I

Im Zug nach Sărata sitzen die Pendler, Arbeiter, die aus der Stadt nach Hause fahren, zurück auf die Dörfer, Tălmaciu, Avrig, Porumbacu, Sărata. Ihre Gesichter leuchten, sonnenverbrannt mit einem Film von Schweiß, die Haare flach am Kopf. Sie haben Plastiktüten vor sich, die Frauen halten sie schlafend im Schoß, Henkel über die Handknöchel geschoben, die Männer zwischen den Waden. Die Männer sitzen vornübergebeugt, Unterarme auf die Knie gestützt, die Hände frei für ein Bier oder die Mütze, die sie vom Kopf genommen haben und durch die Hände gleiten lassen, rundherum wie einen Rosenkranz. Sie rufen durch den Zug, werfen sich Witze zu. Sie fahren diese Strecke jeden Tag, jetzt sind sie auf dem Heimweg.

Im Morgengrauen auf dem Weg in die Stadt schweigen sie. Den Kopf in den Sitz oder ans Fenster gelehnt bis die Sonne sich über die Berge schiebt und in den Scheiben blendet, erst dann fangen sie an zu reden. Mit geschlossenen Augen, nur ab und zu blinzelnd. Ihre Gesichter sind zart in der Sonne, schmale dunkle Gesichter, die Körper gedrungen und sehnig. Sie schlafen wie Katzen, flach und wachsam unter der Müdigkeit.

In Porumbacu steigen Schüler zu. Noch nicht gezwungen, ihre Kräfte zu schonen, verausgaben sie sich gleich in den ersten Stunden des Tages, die Jungen ungelenk nach außen, die Mädchen kichernd nach innen. Die Energien sind zuviel in den Körpern, die Mädchen machen den Rücken rund und beugen die Schultern nach vorn, sie haben ein Gefühl, sie müssten es dämpfen, aber dass sie es aufsparen müssen, diese Erfahrung haben sie nicht. Das unterscheidet sie von den anderen im Zug, von den Müttern, den Alten, von mir und von den Männern, die nur ein paar Jahre älter sind als sie. Die Ökonomie von Kraft, die man auf den Tag verteilt, jeden Tag. Montag bis Freitag. Die Männer strecken sich in ihren Sitzen, nachdem die Schüler einsteigen, und öffnen die Augen.

Jetzt, auf dem Heimweg sind sie voller Energie, von dem, was übrig ist nach der Arbeit. Sie lachen, gestikulieren und übertrumpfen sich an lauten Bemerkungen und Scherzen, die mit den jungen Frauen im Wagen zu tun haben, die sich zu ihnen umdrehen und mitlachen. Die Energie, schon mit Müdigkeit gemischt, macht die Gesichter fiebrig. Bei jedem Halt stehen ein paar Leute auf, schwanken in dem abrupt bremsenden Zug zur Tür und steigen unter lauten Abschiedsrufen aus. In Sărata ein Mann namens Marius, er läuft neben mir her, trägt kurz meinen Koffer und ist dann froh, als ich ihn selbst schiebe, man muss ihn mit Kraft ziehen über den staubigen Weg. Vom Bahnhof ins Dorf sind es ein paar Kilometer. Marius ist Pförtner in einer Fabrik in Sibiu, um vier in der Früh geht der Zug, um sechs fängt er an zu arbeiten. Jetzt ist es kurz nach sechs, abends. Die Tage im Sommer sind zum Glück lang, man hat noch ein bisschen, bis es dunkel wird. Noch ein Bier zu Hause, Abendessen, duschen. Wenn er zurückläuft zum Bahnhof heute nacht, ist es stockfinster.

Sarata_colun

Bahnhof Sarata

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Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Sărata I

  1. belysnaechte schreibt:

    das ist ein verdammt guter ton

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