Sărata II

Für die Arbeiter im Zug ist es ein Witz. Sie lachen und schauen sich an, schweigen und sehen fast ein bisschen ärgerlich aus. Eine Woche in Sărata, Ferien? Sie mustern mich, immer noch mit gutmütigen Augen. Meinen Koffer, den Rucksack, die Plastiktüten, die auch ich auf dem Schoß halte. Sie arbeiten in Sibiu, beim Straßenbau, Häuserbau, in der Hemdenfabrik, als Pförtner, sie pendeln jeden Tag vom Dorf in die Stadt. Zeiten ohne Arbeit kennen sie gut, Ferien von früher. Hätten sie jetzt Ferien, würden sie nach Mamaia fahren ans Schwarze Meer oder in die Maramuresch, es gibt viel zu sehen in Rumänien (mult, mult), was suche ich in Sărata?

Sie verstehen nicht, aber ein paar fragen, und ich antworte: Ich habe keine Verwandten in Sărata, bin nicht dort geboren, ich werde bei Elice wohnen, sie hat einen Hof, auf dem helfe ich. Sie sagen nichts dazu. Sie fragen untereinander, ob einer Elice kennt, einer kennt sie, die Holländerin, vor ein paar Jahren ist sie gekommen, lebt auf dem Hof von soundso. Sie reden untereinander, ihre Blicke streifen mich nur noch kurz. Das Stück Land, das sie selbst besitzen, wirft nicht genug zum Leben ab, sie arbeiten dort nicht mehr, wie noch ihre Eltern und Großeltern, das haben sie aufgegeben.

Rechts sind jetzt die Berge zu sehen, ein schmaler Wolkenstreifen geht quer durch ihre Mitte wie ein weißes Band. Zu ihren Füßen, unterhalb der dicht bewaldeten, zehenförmigen Ausläufer, tauchen ab und zu Häuser auf, davor Felder und Äcker. Die Luft ist frisch in Sărata, sagt einer der Männer zu seinem Nachbarn, der nickt. Es gibt nirgends solche Luft wie auf dem Land, sagt er zu mir, die Schultern schicksalshaft hebend und mit der Zunge schnalzend. Die Luft kommt von den Bergen, sagt ein anderer, man kann von Sărata direkt auf die Berge gucken. Sie nicken mir zu und lächeln.

Vom Bahnhof, das heißt von den Schienen – es gibt nur die Schienen und ein Schild HALTA SARATA COLUN, – läuft man zwei Kilometer ins Dorf. Der Weg geht direkt auf die Berge zu, überquert die Europastraße, macht eine Kurve, und gibt den Blick auf die ersten, vereinzelten Häuser frei. Rechts und links liegen Felder, die meisten brach. Einige davon gehören Elice. Einer der Arbeiter, der mit mir ausgestiegen ist und ins Dorf läuft, macht mich darauf aufmerksam. Immer wieder auf dem Weg hebt er den Arm, das gehört ihr, und dieses hier und das dort auch, viel mehr redet er nicht. Er war schon im Zug distanzierter als die anderen, mit einem freundlichen, feinen Gesicht. Er ist hier geboren. Was sie wohl vorhat mit dem ganzen Land, sie ist allein, sagt er und lächelt ein wenig spöttisch, man kann nicht allein Felder bewirtschaften. Auf dem kurzen Stück der asphaltierten Straße zieht er meinen Koffer, als der steinige Weg beginnt und ich ihm anbiete, den Koffer selbst zu tragen, sagt er ohne zu zögern ja.

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Links steht eine Scheune, frisch aus Backsteinen hochgezogen, und daneben, auf freier Fläche, eine Schafherde, zur Schur zusammengetrieben. Die schon geschorenen Tiere drängen sich in den Ecken des Hofes zusammen, sie sehen zart und agil aus ohne Fell, mit schmalen, langen Körpern und Beinen, wie Antilopen fast. Die dumpfe Trägheit, die man an den ungeschorenen Tieren noch sieht, haben sie mit dem Fell abgestreift. Sie sind ganz verwandelt. Masse und Trägheit verwechselt man schnell mit Dummheit, bei Menschen auch. Während ich ein Foto dieser Entdeckung mache, zeigt der Mann, der mit mir stehengeblieben ist, in die andere Richtung. In einiger Entfernung läuft eine Frau hinter einem Handpflug über einen Acker. Man kann auch von weitem sehen, mit welcher Kraft der Pflug in die trockene, harte Erde gedrückt wird, aber die Frau läuft schnell und leicht, als würde sie von ihm gezogen. Das ist Elice, sagt Marius und als er sie ruft, hört sie ihn nicht, sondern läuft noch eine weitere Furche über den Acker, und wir stehen und sehen ihr zu. In ihren Bewegungen ist eine ausgreifende, fröhliche, eine unglaubliche Energie.

Das Haus von Elice ist von dem hellen alten Blau, dessen Farbe man heute nicht mehr nachmachen kann, es hat grüne Fensterläden wie das Gästehaus gegenüber. Im Gästehaus wohnen die Gäste und die Helfer, es gibt ein Zimmer unten und die Küche, die früher die Sommerküche war, eine Art Esszimmer und das Dachgeschoss, wo ich schlafe. In Elices Haus wohnt Elice und ihr Mann, wenn er hier ist, er arbeitet in Holland. Es gibt einen einzigen großen Raum darin, Werkzeugkisten, Bücherstapel, Berge von Papieren und einen riesigen Schreibtisch. Leben statt wohnen, eine offene Baustelle, an der gearbeitet wird. (Man muss Dinge ertragen können, die nicht fertig sind, mir machen sie Angst, wie die fertigen Dinge auch). Elice strahlt darin. Sie hat den Hof vor ein paar Jahre gekauft. Nur den Hof, mit dem Garten hintendran und der Scheune und der Obstwiese dahinter. Das Land ist nach und nach dazugekommen. Elice hat es verschiedenen Leuten abgekauft. Hier ein Stück, dort ein Stück, insgesamt zwei Hektar, die nicht zusammenhängen, soviel braucht man, auch für eine kleine Landwirtschaft (ökologisch, sie steht noch ganz am Anfang).

Die meisten wollen nicht verkaufen. Sie bauen nichts an, aber hängen an dem Grund, der den Eltern gehört hat. Es ist seltsam, das Land ist kostbar, und trotzdem verdient man nichts damit. Es liegt da, ein Besitz wie ein Stück Gold im Tresor. Der Wert ist nicht klar, er wird steigen, sicher. Aber er ist nicht zu fassen, nicht wie ein Sack Mais, Kartoffeln, Weizen. Der Wert ist symbolisch, aber ein Symbol wofür? Für all die Frucht, die darauf wachsen wird in den nächsten Jahrzehnten, oder mehr? Aber wie berechnet man die Frucht, auch Mais und Kartoffeln haben schwankende Werte, Geld am Ende auch, also scheint am sichersten doch der Boden. Die Leute verkaufen nicht mehr, schon gar nicht an Ausländer. Viel ist ohnehin nicht mehr wegzugeben, die großen Stücke sind in den 90ern aufgekauft worden, von Betriebe aus Österreich, England etc, für Geld, das heute kaum etwas wert ist.

Der Tag beginnt um acht mit gemeinsamem Kaffee. Wir trinken ihn draußen, am Brunnen, die Tassen auf der Holzabdeckung des Schachts, Elice, Liviu und Petruța. Elice holt sie jeden Morgen vom Bahnhof ab, sie kommen aus Avrig und arbeiten hier, seit Jahren schon. Sie wirken vertraut, Elice hört ihnen lächelnd zu, sie sind ihre tägliche Gesellschaft, Schützlinge und Gefährten. Liviu, so alt wie ich, schmal, mit abstehenden Ohren und großen, runden Augen, redet schon morgens ohne Pause, immer Elice zugewandt, über die anstehende Arbeit und wie sie getan werden soll, wie man im Detail vorgeht und was man dafür braucht. Er redet schnell und beflissen, wie ein guter Schüler, der weiß, dass er etwas sagt, was Lob ernten und von niemand angezweifelt werden wird. Elice unterbricht mit Fragen und kurzen Einwürfen, Liviu lacht, und in seinem Mund leuchten die glatten, rosafarbenen Gaumen zwischen den wenigen Zähnen. Einer ist entzündet und Livius Wange geschwollen, in einer Plastiktüte hat er ein Antibiotikum mitgebracht. (Elice sagt, Antibiotikum sei hier billiger als eine Zahnbürste, attraktiver jedenfalls. )

Auf dem Feld am Dorfanfang pflanzen wir Bohnen. Elice läuft mit dem Pflug voraus, und auf dem umgegrabenen Stück spannt Liviu ein Seil von einem Ende des Ackers zum andern und befestigt es an Stöcken. Die gerade Linie des Seils zieht er als Furche in die Erde. Wir laufen hinter ihm her, Petruța bohrt mit einem Stock alle halbe Meter ein Loch, und ich lasse drei, vier Bohnen hineinfallen. Die Löcher sind tief, ich bin sicher, dass sie zu tief sind, aber so macht es Petruța vor, sie nimmt einen Stock, fasst ihn vorsichtig mit ihren langen, lackierten Nägeln und bohrt ihn in die Erde. (Elice hat sie gebeten, uns zu zeigen, wie man Bohnen pflanzt, Petruța ist Expertin, hat sie gesagt.) Die Löcher sind über 20 cm tief, wie soll sich ein Keim so weit nach oben bohren, durch verkrustete harte Erde? (Im Urban-Gardening-Workshop im Botanischen Garten Pankow habe ich gelernt, dass die richtige Tiefe so tief ist wie das erste, höchstens das zweite Fingerglied. Aber wen interessieren hier Workshops, und wie soll Petruța ihre Finger in die Erde stecken.)

Sie und Liviu unterhalten sich ununterbrochen, über das Fenster, das sie vielleicht offengelassen haben im Haus, über den Regen, der kommen könnte, wann es das letzte Mal geregnet hat, wie viel Regen es letzten Sommer gab, wie viel Regen der Boden braucht, und wie der Regen Jahr für Jahr mehr wird, sie spricht im Singsang und mit den selbstgewissen Weisheiten eines alten Menschen, dabei ist sie nicht mal dreißig. Beim Sprechen runzelt sie die Stirn, als würde sie sich beständig über etwas ärgern, und vielleicht ist es so. Als sich vom Bohren in ihrer Handfläche Blasen bilden, tauschen wir, ich bohre Löcher, und sie wirft Bohnen hinein, mit kritischem Blick, die Stirn in Falten. Ich sage, es geht nicht tiefer, und sie sagt nichts. Die Bohnen fallen dicht unter die Erdkruste.

In den Pausen sitzen wir am Rand des Ackers, an die weiche Wand des Grüns gelehnt, das hinter uns zu wuchern beginnt. Zwischen den Gräsern liegen unsere Wasserflaschen, die mit den Stunden warm werden. Es gibt keinen Schatten, die giftgrüne süße Limonade, die Liviu mitbringt, bleicht in der Sonne zu milchigem Sud.

Liviu zeigt mir auf seinem Smartphone Fotos, seine und Petruțas Söhne, Zwillinge, sie gehen in die zweite Klasse. Neffen, Onkel, Tanten, alle wohnen in Avrig. (Seine Mutter, erzählt Liviu, hat bis ’89 bei der Bahn gearbeitet, sie gehörte zu einem Trupp, der täglich entlang der Schienen laufen und prüfen musste, ob die Holzbohlen zwischen den Schienen noch fest waren, oder ob Leute, auf der Suche nach Holz, sie gelockert oder sogar mitgenommen hatten. Ab und zu brachte die Mutter ein vom Zug angefahrenes Tier nach Hause, so überlebte man.)

Mittags kocht Elice. Es ist schön, vom Feld nach Hause zu laufen, und sich an einen gedeckten Tisch zu setzen. Es gibt warmes Essen mit Gemüse aus dem Garten. Suppe als Vorspeise, Hauptgericht, für Liviu meistens mit Fleisch, das er ohne zu kauen schluckt, Salat und Erdbeeren. Nach dem Essen wieder zum Acker, gegen fünf ist der Tag zu Ende, Elice fährt Liviu und Petruța zum Bahnhof, ich laufe ins Dorf und hole ein Bier.

Am liebsten bin ich im Garten. Im Gemüsebeet hinter dem Haus oder bei den Stachel- und Himbeeren hinter der Scheune. Das Unkraut zieht man aus dem Boden wie böse Gedanken aus dem Kopf. Es gibt kleine Triebe, die man ganz leicht herauszupfen kann, die aber zu Hunderten um die gesäten Pflanzen herumwachsen, so dass einem schwindelig wird und man das Gefühl hat, dass während des Zupfens schon neue nachwachsen und es nie weniger werden. Es gibt robuste, sich am Boden wie mit Widerhaken festbohrende Gräser, die sich um die Stachelbeerstöcke herumschlingen, und es gibt große dornige Gewächse, die man vorsichtig greifen muss. Alle saugen an der Wurzel der Pflanze, die wachsen soll. Es ist ein Kampf um Ressourcen, ein leiser Krieg. Hinter mir türme ich die herausgerissenen feindlichen Gräser auf einen Haufen, in der Sonne fallen sie in wenigen Minuten zusammen. Die Pflanzen, die wachsen sollen, stehen irgendwann frei. Wir haben gewonnen.

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Dann beginnt es zu regnen. Der Regen beginnt nachts, als leises Klopfen aufs Dach, unter dem ich schlafe. Er beginnt unregelmäßig auf verschiedene Stellen des Dachs zu fallen, jeden Tropfen kann man zuerst verorten, bis es ein gleichmäßiges Fallen ist, das schneller und heftiger wird, manchmal in Wellen kommt und dann wieder abflaut, aber es hört nicht auf. Es regnet den ersten Tag ohne Pause und den zweiten auch. In der zweiten Nacht kann ich den Regen nicht mehr hören gegen das Rauschen des Baches, der vorher gar kein Geräusch hatte und jetzt klingt wie ein reißender Fluss. Dazu wird es kalt. Es sind nur noch 12 Grad, ich schlafe in der einzigen klammen Jacke, die ich mithabe. Am Tag gibt es nichts zu tun im Regen. Ich bin im Haus und Elice drüben bei sich, nur mittags kommt sie mit warmem Essen rüber. Ich lese und schaue dem Regen zu, den endlosen, schräg fallenden Wasserfäden, die eigentlich einzelne Tropfen sind.

Vor der Tür unter der Spüle hocken die Hühner, sie scheinen Regen nicht zu mögen. Sie sitzen auf meinen Turnschuhen, weil sie auch kalte Füße nicht zu mögen scheinen. Sie riechen ein wenig. In den wenigen Regenpausen gehe ich zum Beet und rupfe ein wenig Unkraut, und dann folgen sie dicht hinter mir und recken die Köpfe nach Würmern, die ich vor ihnen zu verstecken versuche.

In der dritten Nacht tritt der Bach über die Ufer und überschwemmt die Dorfstraße. Direkt vor dem Haus fließt ein schlammiger, brauner Strom, der durch die Hoftür in den Vorgarten sickert und sich dort ausbreitet. Ich höre das Rauschen und denke an das Bohnenfeld und die Erde, die der Regen dort wegschwemmt. In den tiefen Löchern werden die Samen sicher sein und bald keimen.

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Hoefe zum Arbeiten in Rumaenien findet man unter Wwoofing Romania, http://www.wwoof.ro

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Über Julia Jürgens

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