Sofija

Im Regen ist die Stadt verfallen, kaputt, eine der am wenigsten gefälligen Hauptstädte Europas. Vielleicht liegt es am Regen, vielleicht fallen im Regen die unebenen, von unzähligen Löchern und Rissen durchzogenen Gehsteige mehr ins Auge, vielleicht muss man wegen des Regens, der die Steine glatt macht, so viel nach unten schauen, so lange, bis man die Häuser nur als Verlängerung dieser bröckelnden Steinmasse sieht, wenn man wieder hochblickt.

Besonders glatt sind die gelben Steine am Boulevard Tsar Osvoboditel, die Leute laufen wie auf Eis, mit tastenden Schritten. Die Steine sind aus Österreich, sie waren ein Geschenk zur Krönung von Ferdinand I. und gefielen ihm so gut, dass er sie nachbestellte und die ganze Straße damit pflasterte. Bulgarien war gerade unabhängig geworden und der „Befreier-Zar“-Boulevard wurde in großer Pracht ausgebaut und mit dem bestückt, was eine Stadt zur Hauptstadt macht: Nationalmuseum, Zarenschloss (heute Kunstgalerie), Theater, Universität, Parlament, Platz der Unabhängigkeit. Auf diesem knappen Kilometer ist alles in bestem Zustand, gereinigter Sandstein, frische gelbe und weiße Farbe.

Die Strahlkraft hat einen Radius von etwa 100 Metern, dahinter beginnt ohne Übergang der Verfall. Es ist, als hätte man entschieden, dass nur wenige Bauten der Stadt erhalten werden können, diese aber vollkommen, während der Rest ohne jede bauliche Hilfsmaßnahme sich selbst überlassen wird. Dabei erkennt man überall viel Potential. Schattige, mit dichten Baumkronen überdachte Straßen, alte Fassaden mit Verzierungen, Erkern, Löwenköpfen und schmiedeeisernen Balkonen. Die meisten Häuser sind jedoch jenseits der Restaurierbarkeit verfallen und unbewohnt. Man fragt sich, wie die Stadt in ein paar Jahrzehnten aussehen wird. Die Dekadenz hat hier nicht den Charme anderer südeuropäischer Städte, wie Bukarest, Belgrad, oder Athen, sie ist zu real.

In der Sonne fällt das nicht so auf, es ist das Grau, seltsamerweise, das die Stadt ausleuchtet. Das ist an anderen Orten ähnlich, auch Los Angeles sieht im Regen aus wie eine Requisite aus Pappe. Aber hier ist es nicht sieht-aus-wie, hier ist es.

Am besten erhalten sind die Kirchen und zwar die aller Religionen: Die Synagoge ist gepflegt, die Banya-Bashi-Moschee mit Baugerüst umgeben, die Alexander-Nevski-Kathedrale erstrahlt in Glanz. Die Kathedrale, erbaut zu Ehren der im Krieg gegen das Osmanische Reich gefallenen russischen Soldaten, ist gewaltig, ein Multiplex sozusagen, mit fünf Schiffen und Platz für über 5000 Menschen. Der Zentralraum ist mit Marmor und Alabaster ausgelegt und hat riesige goldene Kronleuchter. Ein Luxus, in den die Bevölkerung eintreten darf wie in den Vorraum eines 5-Sterne-Hotels, weiter geht es nicht. Man kann die Verschwendung auf sich wirken lassen, sich wundern (neben der Ikonostase steht unverblümt geschichtsvergessen der Zarenthron) und wieder gehen.

Draußen leuchtet die goldene Kuppel ins Grau des Himmels und lässt den Kontrast zur Umgebung noch trauriger scheinen mit dem Wissen, dass die Kirche aus Spenden der Bevölkerung errichtet wurde, die doch bereits in der Bauzeit (1904-1912) bitterarm war.

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die Heilige Sofia (Sweta Sofia)

Am Eingang der Kirche stehen eine alte Frau und eine junge mit einem Pappbecher, ich werfe eine Münze bei der älteren ein und laufe bei stärker werdendem Regen die Stände der Straßenverkäufer auf dem Alexander-Nevski-Platz ab. Ich kaufe zwei überteuerte Armreifen, einen aus Messing (Blech?), einen aus Elfenbein (Plastik). Um den Verkäufer nicht zu kränken und weil ich nicht weiß, wie man aus dem Rollenspiel des Verkaufs mit Würde herauskommt, handele ich ein wenig und mime Freude über die Ware, die ich zu diesem vergünstigten Preis kaufen darf. Der Verkäufer lächelt müde. Sein Erfolg, das weiß er, hängt nicht von der Dummheit, sondern der Barmherzigkeit der Käufer ab. Der Handel ist faul, ein Almosen. Wir spielen dagegen an, er mit der Ehre des Schlitzohrs (tapfer), ich mit dem Gesicht der ahnungslos Getäuschten (täuschend echt), wir geben unser Bestes.

Meine nassen Schuhe rutschen über die Steine, rutschen und stolpern über den Befreier-Zar-Boulevard und den Vasil-Levski-Boulevard und die Graf-Ignatiev-Straße und die Straße des 6. September, und hier ist es, wo es mir auffällt. Das Pflaster wechselt ständig das Muster. Steine, die in Form und Größe völlig unterschiedlich sind, liegen aneinander wie ein schlechtes Puzzle. Die Risse verlaufen meist zwischen zwei ungleichen Steinen, die wahrscheinlich auch unterschiedlich dick sind. Es passt nichts zusammen. Außer in der freien Natur habe ich nie so viele in Farbe, Musterung und Oberfläche verschiedene Steine nebeneinander gesehen, so willkürlich zusammengefügt. Es gibt:

Rauten aus grobem Beton

kleine mosaikartige Steine mit glatter Oberfläche, von denen einzelne schief und tief abgesunken und wacklig sind.

Steine, die strahlenförmige Linien haben und zu viert das Muster einer Sonne ergeben,

Steine, die aussehen, als hätte man sie in ein Waffeleisen gepresst,

weitere aus kleinen Rechtecken, die zusammengesetzt einen Kreis ergeben und

andere aus Quadraten, die zusammen ein großes Quadrat ergeben.

Steine wie Landkarten, mit ungleichmäßigen Linien darin, die Muster aus Erhebungen und Vertiefungen im Stein, geometrische Formen, flächig und geriffelt.

Dann gibt es Variationen, die Waffeleisen-Steine mit eingestanzten großen Kreisen, die groben Rauten mit tiefen, geraden Furchen etc. Es gibt raue Oberflächen und glatte, rötliche und graue und die gelben Pflastersteine vom Befreier-Zar-Boulevard.

Ich kann meinen Blick nicht heben, auf dem Boden tut sich eine Welt auf, ein Rätsel an Formen und Mustern. Auf der etwa 800 m langen Straße liegen über zehn verschiedene Pflaster, die alle paar Schritte unterbrochen sind. Sie scheinen alle aus der gleichen Zeit zu stammen. Warum haben die Straßenbauer, wenn sie offensichtlich verschiedene Sorten Steine hatten, nicht nacheinander jeweils eine bestimmte Länge mit einer Sorte gepflastert und sind dann zur nächsten übergegangen, warum das Durcheinander? Der Versuch von Kontinuität ist erkennbar, aber mitten darin sind immer plötzlich ein paar andere Steine eingefügt, scheinbar ohne Not, manchmal jeder von einer anderen Sorte, bevor das begonnene Muster weitergeht.

Haben die Pflasterer mit großem Zeitdruck gearbeitet und die Palette der Steine, die gerade gebraucht wurden, stand zu weit entfernt, war es vielleicht zu beschwerlich, sie zu holen, der Pferdewagen oder Lastkarren war gerade anderswo, und wurde da vielleicht einfach die nächststehende Palette von Steinen geöffnet, egal ob sie passten oder nicht? Wurde vielleicht nach gepflasterten Metern bezahlt, ganz gleich, wie diese aussahen, weswegen es den Arbeitern egal war, dass sie auf zwei Quadratmetern fünf verschiedene Sorten Steine benutzen (schwer vorstellbar)?

Wann wurden die Straßen gepflastert, vor etwas mehr als hundert Jahren vielleicht, im schon freien Bulgarischen Königreich, aber noch vor den Balkankriegen, befohlen vom deutsch-bulgarischen König? Oder sind sie erst nach dem Krieg gelegt worden, in der zerbombten Stadt, die jetzt zur Volksrepublik gehörte? War es Hunger, Kälte, schlechte Bezahlung, Alkohol, Abtrünnigkeit dem König bzw. den Herrschenden gegenüber, ein Akt der Sabotage oder einer von Gleichgültigkeit, einer Müdigkeit vielleicht. (Eine Müdigkeit ähnlich der, mit der die Menschen heute durch diese Straße gehen.) Eine Müdigkeit gegenüber diesem Boden, der nicht zu glätten war, der sich hügelig und schief gegen die Walzen legte, der von unten gegen die Steine drückte und sie emporhob, mit einer Kraft, die die Arbeiter verstanden und die sie in ihrer Arbeit noch mehr lähmte.

Der Boden selbst wehrte sich wie sie vielleicht gegen die Steine, gegen die Begradigung, gegen das Ersticken, er bäumt sich bis heute auf, schiebt von unten herauf und das Pflaster auseinander, bis es Risse bekommt und bricht. Es gilt für alle Städte, dass sie einmal Natur waren, aber man hat das Land, das dort war, bevor es Stadt wurde, nicht vor Augen. In der vertrauten Ordnung aus Straßen, Straßeninseln und Parkanlagen ist es unsichtbar. Der Asphalt überlagert alles, was dort war, bis es fremd ist. In Sofia aber sieht man durch den Boden und die löchrigen Gehsteige, man sieht die Erde, die die Stadt duldet wie ein Joch. (Diese Stadt mitten im Gebirge, umrandet von bewaldeten Bergen).

Vielleicht haben das die Arbeiter gespürt. Sie selbst wollten diese Stadt nicht, sie wollten keine Großstadt bauen. Sie wollten in ihre Dörfer zurück, aufs Land, sie sahen keinen Sinn darin, die Straßen zu pflastern und den Boden einzumauern wie einen noch lebenden Hund. Es wird mir in Sofia so deutlich wie in keiner Stadt vorher, dass sie auf Erde liegt und etwas begräbt (in diesem Fall sogar eine andere Stadt, die zu den ältesten Städten Europas zählt und vor über 7000 Jahren hier stand, das alte Serdica). Und unter diesen Überresten ist der Wald, der Boden, der Stein, auf dem diese Stadt gebaut wurde. In wie vielen Schichten wird sich alles irgendwann übereinander legen? Auf den rissigen, löchrigen Steinen laufend, scheint es jedenfalls nicht anders möglich, als dass auch diese Stadt untergehen wird. Städte, so erinnert man sich hier, sind dem Verfall geweiht. Immer, irgendwann, fallen sie, versinken wie Babylon und Uruk. Auch Sofia wird vergehen, denke ich.

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Straße 6 Septemvri (alle folgenden Bilder)

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Über Julia Jürgens

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4 Antworten zu Sofija

  1. Hans schreibt:

    Tolle Bilder!

    • Julia Jürgens schreibt:

      Lieber Hans,
      danke und liebe Grüße und eine schöne Adventszeit!
      Ab 1. Dezember gibt es übrigens auch wieder den „Rumänienadventskalender“, den Bekannte gestalten, den Link werde ich hier in die Blogroll stellen. Liebe Grüße Julia

  2. tobias schreibt:

    Der Eintrag hat mir auch sehr gefallen, Julia! Ein neuer Blick auf Städte, auf den ich noch nie gekommen war …… toll.

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