Shugar

Calafat ist eintönig und flach wie ein Feld. Sonnenverbrannte Straßen, Frauen in Sonntagskleidern, Ödnis und Geschäftigkeit in dem seltsamen Gleichklang, der für Grenzorte typisch ist. Calafat ist Endpunkt am Ufer der Donau, die natürliche Grenze und gleichzeitig Durchfahrtsstraße, von West nach Ost und umgekehrt.

Ich hatte mir Minarette gedacht und Männer mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, die in Baumschatten Schach spielen, aber Vorstellungen von Städten, die auf Namen gründen, sind die am wenigsten stimmigen Vorurteile (der Name kommt nicht von Kalifat, sondern von Kalfatern, vom Schiffbau, lerne ich später)

Ich fahre im Taxi über die riesige Brücke, darunter der Fluss, weit und träge, in der Mitte irgendwo beginnt Bulgarien. Der rumänische Taxifahrer flucht über die Schlaglöcher, aber erst nachdem wir die Grenze passiert haben. Er behauptet, schon öfter in Vidin gewesen zu sein, kann den Bahnhof aber nicht finden. Er lässt sich die Fahrt einiges kosten.

Vidin

In Vidin habe ich zwei Stunden Zeit. Ich laufe mit all meinen Sachen, die ich nirgends einschließen kann, ins Innere der Stadt. Der Fluss hängt hier schon in der Luft, ein Geruch von Schlamm und Sex am Morgen, ich laufe ihm nach über den Bdintsi-Platz, die Gradinska-Straße hinunter, und dann ist er da, hinter einem flachen Deich aus Asphalt. Die Donau ist anders als andere Flüsse. Weil sie so breit ist? So mächtig? Immer erstaunt mich die Farbe, das Grün, das einem anderen Klima zugehörig scheint, Urwald und tropischer Vegetation. Wie seltsam sich dieser Strom durch die Städte schiebt, wie er in Bratislava hinter den Plattenbauten von Petržalka auftaucht in flaschengrün, unstimmig und sehnsuchtsvoll wie eine Südsee-Tapete in einem Wohnzimmer der 80er Jahre.

Am Ufer stehen Männer mit breiten Nacken und angeln. Ein dünner alter Mann schwimmt gegen die Strömung, er krault und kommt minutenlang kein Stück voran. Die Männer gucken ihm träge zu. Ich werde unruhig, bis er irgendwann aufschaut, sich zurückfallen lässt und an einer anderen Stelle wie von selbst ans Ufer gleitet. In meinem Rücken steht die Festung Baba Vida, die in dem Roman, den ich lese, vorkommt. Vor ihr sitzen zwei Teenager und küssen sich. Der alte Mann stellt sich neben die anderen Männer, sie lachen zusammen. Alles hat seine Ordnung.

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An Ampeln und Strommasten hängen Anzeigen von Verstorbenen, mit Foto und einem kurzen Text, in Klarsichtfolien. Von weitem sehen sie wie Vermisstenmeldungen oder Werbeflyer aus, aber an den Masten hängt nichts außer den Bekanntmachungen der Toten von Vidin. Wahrscheinlich war es einmal Brauch, eine Trauermeldung am Haus des Verstorbenen anzubringen, inmitten der Wohnblocks findet sich Platz aber nur hier, auf der Straße. Die Blocks sind heruntergekommen und tragen Nummern, 12, 11, 10, 9, 8, 7, 6,… Die Namen der Toten, die dort zu Hause waren, hängen überall wie zum Trotz, mit glatten erwartungsvollen, müden und ernsten, alten, freundlichen, und auf den Bildern niemals lachenden Gesichtern.

Irgendwo zwischen den Häusern steht eine Synagoge, alles um sie herum überragend. Eine Ruine, majestätisch noch im Verfall, wie ein gesunkenes Schiff, Bäume wachsen im Innern.

In Vidin sehe ich mehr als in Calafat. Ich bin aufmerksamer. Ich bin das erste Mal in Bulgarien und sehe Dinge, die mir sonst nicht auffallen. In einem Café am Bdintsi-Platz kommt der Kaffee mit kleinen Tüten, auf denen Shugar steht. Im Zug nach Sofia flüstern die Menschen, die alten Menschen, sie unterhalten sich mit mühsam unterdrückten Stimmen als seien sie in einer Kirche. Sie flüstern mit Ehrfurcht, man weiß nicht wovor, ob vor der Reise in die Hauptstadt oder vor dem, was sie einander erzählen. In der Abendsonne leuchtet der Weizen wie Raps, und die Schatten des Zuges auf den Feldern werden länger und länger, bis sie sie ganz bedecken.

Vidin_Todesanzeigen

Vidin_Baba_Wida

Baba Vida

Vidin_Synagoge

Synagoge von Vidin, die renoviert und ein Konzerthaus werden soll

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Über Julia Jürgens

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