Bansko

Reisen hat diesen Effekt: Man sieht etwas, eine alte Häuserzeile zum Beispiel, und sofort hat man das Bild einer anderen Häuserzeile vor Augen, die der ähnelt, die man gerade sieht. Wie sich ein Fernsehbildschirm in zwei Hälften teilt, um Geschehnisse an zwei Orten gleichzeitig zu zeigen, so teilt sich das Sehen in zwei Bilder und der Moment ist nicht mehr so schmerzhaft einzigartig. Es heißt, ich werde diese Häuser, diesen Himmel in diesem Licht noch einmal sehen, es sind Anordnungen, die an anderen Orten in ähnlicher Weise auch entstehen, Bilder, die mit anderen Bildern verbunden sind, wie ein endlicher Film, der in unendlichen Schleifen an mir vorbeiläuft. Reisen hat dieses Versprechen. Es kommt alles irgendwann wieder.

Wenn ich von meinem Balkon auf die Häuser der Badstraße schaue, jenseits der Panke, dann sehe ich die wiederaufgebauten Häuser am Pregelufer in Kaliningrad vor mir. Als ich nach Sandanski komme, nahe der bulgarisch-griechischen Grenze, und auf die Kette von Hochhäusern sehe, die die Stadt umgeben, habe ich auch das schon gesehen, so oder ähnlich, in Bansko, in Borșa, in Žabljak im Durmitor-Gebirge und vielleicht auch anderswo.

Sandanski

Sandanski, Bulgarien

Es ist also gar nicht die Einzigartigkeit von Orten und Menschen, die einem beim Reisen bewusst wird. Es ist das Gegenteil. Wenn man etwas erkennt, dann die Ähnlichkeit und Gleichzeitigkeit. Mich macht das froh. Die Straßen von Sandanski, die Hotels, die neu gebaut aber selten vollendet sind und Spa im Namen haben, Rohbauten manche, die Plattensiedlungen am Rand des Gebirges – sie ähneln den Straßen, den Hotels in Borșa und Bansko und Žabljak (Bansko und Žabljak ähneln sich am meisten). Ich habe solche Straßen, Hotels und Hochhäuser an Gebirgshängen an mehr als vier Orten gesehen. Dennoch war ich nur einmal in Borșa und Bansko, nur einmal in Žabljak und Sandanski, und ich werde nur einmal an diesen Orten gewesen sein. Es ist dieser Widerspruch, den man beim Reisen balanciert: der Augenblick gegen die Serie, das Einmalige gegen das Vertraute, Wiederholbare.

Das helle Gebell eines Kettenhundes, das aus dem Tal die ganze Nacht hindurch in Salven kommt und gen Morgen immer heiserer wird. Der Kellner im Adjev Han, der meinen Tisch morgens in die Sonne schiebt, bevor ich etwas sage. Ich sehe, was Sie wünschen, 20 Jahre Erfahrung. Nichts davon kehrt wieder, aber meine Augen sehen etwas anderes, sie verlängern den Moment, ziehen die Straßen von Sandanski mit denen der anderen Orte zusammen, stellen alle Hotels und Gebirge nebeneinander.

Sandanski, Bansko und all die Dörfer, aus denen der Tourismus Städte machen wollte. Schon beim Hineinfahren möchte man umkehren, die Straßen führen Richtung Centara oder Centru und werden dabei zu kleinen Gassen, aber ein Zentrum findet sich nicht (wie es auch in Planstädten nie eines gibt). Der alte Stadtteil von Sandanski ist verfallen und hat vernagelte Fenster und Brachen. Es gibt eine Fußgängerzone mit Imbiss-Ständen und Souvenir-Läden, schummrig selbst im Tageslicht, die Bäume wachsen von beiden Seiten der Straße in der Mitte zu einem Dach zusammen. Dahinter schließt sich ein aus EU-Töpfen gestalteter Park an, die Wege von grünen, gelben und blauen Bänken gesäumt, es gibt Spielplätze und ein Schwimmbad, Kinder werden auf Plastikdreirädern herumgeschoben, die man in diesem Sommer überall sieht, die Älteren stützen ihre Arme unsicher auf den Lenkern zu großer Mountainbikes ab.

Das Zentrum, in der Vorstellung das Alte, Ursprüngliche einer Stadt, ist den Touristen übereignet. Die Einheimischen wohnen drumherum, in den Siedlungen an den Hängen. Die Hochhäuser heben sich hoch und dicht aneinanderstehend aus den Hügeln heraus. Seltsame Idee, in einer so weiten Landschaft in die Höhe zu denken.

Das „wunderschön am Fuße des Pirin-Gebirges eingebettete Sandanski“.

Borșa, „diese herrlich zwischen Rodna- und Maramuresch-Gebirge gelegene Kurstadt“.

Hier, in Tälern und auf Plateaus haben sich Menschen einst niedergelassen, weil das Gebirge sie schützte, es ließ die Wolken über dem Land abregnen, machte den Boden fruchtbar und die Luft kühl. Die Sommer nie zu heiß, nur die Winter schwer. Irgendwann kamen die Städter. Sie kamen, um ihre Lungen zu erfrischen, zu wandern und in der Sonne zu liegen, und auch dem Winter konnten sie etwas abgewinnen, als das Skifahren populär wurde, in welchem Jahr auch immer das war. Da bauten alle Hotels, die Leute aus dem Ort kleine, Leute von auswärts größere, und die Leute aus dem Ort, die zu Geld gekommen waren, noch größere. Aus dem Ruder lief es aber erst in den 90er Jahren, als es plötzlich Kredite gab. Im Goldrausch des Ostens schwärmten alle in die Berge und an die Küste und zogen Häuser hoch. Der Rausch hinterließ, wie in Kalifornien auch, Geisterstädte. Betonruinen mit gähnenden Fenstern, mitten im Bau liegengelassen, Ziegel und Werkzeuge liegen davor mit Planen überdeckt, an denen der Wind reißt.

Borsa

Borșa, Rumänien

In diesen verunglückten Städten gibt es immer Hunde, oder man fürchtet sich vor Hunden, weil es so viel leeren Raum gibt, in dem sie leben können. Man hört von überall ihr Gebell. Ich traue mich nicht, herumzulaufen, aber spazierengehen kann man ohnehin nicht. Man ist umgeben von Bergen und Wäldern, die man vom Hotelfenster sehen kann, aber aus dem Ort heraus sind sie scheinbar unerreichbar. Wenn ich wandere oder mit dem Auto fahre, ist es, als bewegten sie sich mit mir mit, während ich auf sie zufahre oder -laufe, wie die Sonne. Es gibt keinen Eingang in die Aussicht. Mit dieser Beobachtung mache ich, seit ich klein war, keinen Fortschritt. Man kommt in etwas anderes hinein als das, was man vor sich sieht, und erkennt es deshalb nicht. Ich bin enttäuscht auf einem Panorama-Parkplatz am Rand eines Fichtenwaldes, der dunkel und dicht von pieksendem Unterholz ist, oder auf einem Bergplateau, von dem nur Klippen und die Straße als Weg wieder hinunterführen.

Zabljak_1

Zabljak, Montenegro

In meinem Kopf schmilzt alles ineinander, aber jeder Ort hat ein Detail, das ihn hervorhebt und von den anderen unterscheidet, auch in der Erinnerung. Sandanski hat 290 Sonnentage im Jahr und Spartacus ist hier geboren (beides nicht sicher nachweisbar). In Borșa geschah eines der schlimmsten Umweltunglücke Rumäniens. Žabljak ist die höchstgelegenste Stadt Montenegros, und bei einem Spaziergang um den Schwarzen See folgte mir ein krummbeiniger Hund mit glucksendem Bauch.

Die Dusche im Hotel Dumanov in Bansko ist ohne Tür oder Kabine, nur ein Schlauch mit Halterung, direkt über der Toilette angebracht. Der einzige Abfluss neben dem Waschbecken am anderen Ende des Raumes fängt das Wasser nicht auf, dafür hätte der Boden eine Schräge haben müssen. Das Wasser sammelt sich stattdessen in der Mitte des Badezimmers in einer Kuhle.

Vom Fenster aus sieht man das Rila-Gebirge.

Die Tagesdecke hat das gleiche Muster wie mein T-shirt.

Am Zimmerschlüssel hängt eine Billard-Kugel in lila mit der Nummer 5. Ich lege ihn am Morgen auf den Rezeptionstresen, erleichtert und wehmütig. Ich war in Bansko und werde nicht mehr hierher kommen.

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Hotel Dumanov, Bansko, Bulgarien

 

Über Julia Jürgens

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