Ringer

Auf der Fahrt nach Melnik beginne ich mich zu entspannen. Mit den Straßen werden auch die Tiere kleiner, die aus den Büschen auf die Straße straucheln: mehrheitlich schwarze Raupen, die langsam über die Fahrbahn robben und Schmetterlinge, die im Zickzack fliegend schwerer zu umfahren sind.

Vor einer Kurve sehe ich eine Schildkröte, zuerst die Bewegung ihres Kopfes am Rand, sie hebt ihn in die Höhe und dreht ihn zu beiden Seiten, wie ein Wandersmann, der den Wind prüft, bevor sie mit einem Ruck ihre Beine nach vorn setzt, vom Grasstreifen hinunter auf die Fahrbahn. Sie läuft zielstrebig, die vorderen Beine bewegt sie mit Schwung nach vorn, ein wenig höher in die Luft als nötig, ehe mit Verzögerung der Panzer und die Hinterbeine folgen, träge und dicht am Boden. Leichtigkeit und Schwere in einer Bewegung, unermüdlich fortgesetzt, wie das Lebensprinzip. Tapsige Freude von Trägheit gebremst, ausgelöst und wieder gebremst, es levelt sich nicht ein, es bleiben zwei Energien. Ich habe angehalten, um die Schildkröte über die Fahrbahn zu heben, aber jetzt beobachte ich sie durch die Windschutzscheibe. Als hinter mir ein Motorrad und ein Auto auftauchen, hat die Schildkröte die Mittellinie fast erreicht.

Der Motorradfahrer überholt und fährt knapp an der Schildkröte vorbei, so knapp, dass sie anhält und Kopf und Beine einzieht. Sie hat den Kopf wieder herausgestreckt, und ich bin gerade aus dem Auto gestiegen und gehe auf die Schildkröte zu, als auch das Auto zum Überholen ansetzt, aber anstatt auf der freien Gegenspur vorbeizufahren, fährt es dicht an mich heran, durch das offene Seitenfenster wirft mir der Fahrer einen Blick zu, er lächelt und trägt Sonnenbrille, und schneidet dann scharf nach rechts, auf die Schildkröte zu. In dem Moment, in dem er über sie fährt, habe ich das Gefühl, den erschreckten Rückzug des Kopfes noch zu sehen, bevor es einen lauten Knall gibt, und die Schildkröte, in die Luft gehoben, zerbricht. Ihr Panzer fällt in Stücken auf die Straße, dazwischen rinnt wässriges Blut die Fahrbahn hinunter.

Mir erscheint Bulgarien durch die Kategorie „Kraft“. Bei Rumänien würde mir nie „Kraft“ einfallen, Ausdauer eher, Schicksal vielleicht, Ausdauer im Sinne von ein Schicksal aushalten. Aber in Bulgarien ist es nicht Ausdauer, es ist Kraft, die ins Auge fällt. Unterarme, die Männer an Tankstellen auf die Vitrine vor der Kasse lehnen, sich aus dem Rücken in den Nacken schlingende Schultermuskeln, auf denen der Kopf ruht wie in den Körper gerammt; Oberarme, die vom Körper abstehen als seien sie angesteckte Werkzeuge. Dieser Typ von Mann ist so häufig zu sehen, dass man meinen könnte, er sei aus den wechselnden Herausforderungen der Jahrhunderte – harte Arbeit, Hitze, Prügeleien, Kriege, Armut, Arbeitslosigkeit – als Sieger hervorgegangen und habe alle anderen verdrängt, in die dunklen Ecken von Altstädten wie Plovdiv, wo sie Broschen und Aquarellbilder verkaufen, winzige Tonkrüge in den feinen Händen. Und auch dort, scheint es, haben das eigentliche Sagen die Ringer .

Ringer, so werden diese Männer genannt, borci. Der Ringer ist ein Phänomen, das in Bulgarien zu Beginn der 90er Jahren entstanden ist. Mit ihrem Zusammenbruch entließ die Volksrepublik eine Masse von bis dahin gut bezahlten Funktionären, Geheimdienstlern und Leistungssportlern – Boxer, Ringer, Karatekämpfer. Diese Masse bildete eine Allianz, eine Armee sozusagen, die Armee der Ringer. Die Funktionäre und Geheimdienstler besetzten, wie vorher auch, die oberen Ränge, während die Sportler sich als Bodentruppe formierten. In den Straßen der Großstädte bedrohten und schlugen sie die zusammen, die den Schutz ihrer „Sicherheitsfirma“ nicht in Anspruch nehmen wollten. Sie erschossen die Mitglieder der gegnerischen Gruppen und marodierten in dicken Autos durch die Straßen, bis die Politik Ende der 90er Jahre begann, gegen sie vorzugehen. Das hieß, die Fahrer der Autos bekamen Strafgelder gegen erhöhte Geschwindigkeit und mussten den Kauf ihres Fahrzeugs irgendwie herleiten können. Außerdem wurde das Geschäft der Versicherungen legalisiert. Aus den Armeen wurden Konzerne.

Es gab auch ernsthafte Versuche und spektakuläre Prozesse (gegen Petar Stojanov, einstigen Sumo-Ringer von Weltrang, der den Geschäftsmann Juri Galev bewiesenermaßen im Auftrag mit einer Kalaschnikow erschoss), aber viele der Firmen, die sich damals gegründet haben, existieren heute noch, SIC, Security Insurance Company, und deren Gegner VIS-2 zum Beispiel. Sie machen etliche Millionen Jahresumsatz.

In Vladimir Zarevs Roman „Weltbrand“ gibt es vier Brüder. Zwei davon, Jordan und Ilija, haben eine außergewöhnliche körperliche Stärke und ein undefinierbares Verlangen, mit dem sie in dem kleinen Städtchen Vidin nicht wissen wohin. Sie haben alle Gefühle im Übermaß und alle enden in der Form irgendeines Kraftaktes (Sex, Faustkampf, der Bau einer Herberge, Mord). Dich wird noch deine eigene Kraft brechen, sagt Jordans Schwester, die in die Zukunft sehen kann, zu ihrem Bruder. Es ist zuviel davon da, und das Zuviel und die Ziellosigkeit der Kraft ist das Schicksal der Brüder. Sie übermannt sie wie eine Naturgewalt und gibt ihnen größenwahnsinnige Ideen. „In diesen Momenten kam etwas über ihn, von dem Jordan nicht wusste, ob es Leid oder brachliegende Kraft war. Er wollte etwas ergründen, mit Haut und Haaren für etwas leben und dabei Stolz und Erniedrigung auskosten. Gott, wie viel Müdigkeit und Ungeduld sammelt sich an nur einem einzigen Tag im Menschen an! dachte er, versteckt in duftenden Gräsern liegend, deren Spitzen trocken über seinen Augen im Wind zitterten“. Mäßigung oder irgendeine Form der Verfeinerung stellt der Roman nicht zur Disposition.

Jordan kämpft sich im Balkankrieg in den Tod, Ilija pulverisiert seinen Zorn in einer Kalkfabrik. Ihr ständiger Hunger auf Fleisch, zum Essen und Anfassen, – es mag stereotyp sein, die ganze Beschreibung, aber interessant ist daran doch, dass die Idee des Tragischen hier dem Körper entwächst, dessen Stärke. Anders als in der deutschen Literatur, in der die männlichen Helden mindestens schmächtig, zart, oder in irgendeiner Weise krank und verwachsen sind und in der sich Kraft allein auf den Geist konzentriert. Großes will auch dort vollbracht werden, darin unterscheiden sich die Helden nicht, aber die Quelle der Kraft ist eine ganz andere. Gibt es in der deutschen Literatur eine einzige vitale Figur mit breiten Schultern, die tragisch wäre? Die Leidenschaft verausgabt sich im Schreiben von Briefen und Traktaten. Das ist unsere Kraft-Semantik, – zerstörerisch kann auch sie sein.

Das ist hier keine Feststellung, wie bulgarische und wie deutsche Männer sind. Bei einem Klischee ist nicht die Frage, ob es wahr ist oder nicht. Interessant ist, wie viele Menschen (hier Männer) das Angebot einer Semantik (denn das ist das Klischee) annehmen. Und natürlich auch, wie Nicht-Betroffene (hier Frauen) es für sich beanspruchen. Das spielt eine Rolle.

Aber Kraft kommt nicht nur von innen, sie wirkt auch von außen. Welche Kräfte entstehen wann und warum? Wenn man die Ringer betrachtet, sieht man, wie Veränderungen Kräfte freisetzen. Diese Kräfte müssen neu gebunden werden. Jahrzehntelang sind sie in einem gewachsenen Zustand verankert und funktionieren als System, wie die Vorder- und Hinterbeine einer Schildkröte, und plötzlich geraten sie durcheinander, verlieren ihr Ziel und wabern in der Luft.

Anfang des 20. Jahrhunderts ist Bulgarien das agrarischste Land Europas, noch vor Rumänien, bis der Zweite Weltkrieg beginnt, arbeitet über 80% der Bevölkerung auf dem Land. Bulgarien widersetzt sich allen westlichen Investitionen, die in Rumänien oder Serbien wenigstens rudimentäre industrielle Wurzeln legen, anders gesagt sind die westlichen Investoren an Bulgarien auch am wenigsten interessiert, es ist die letzte hinterwäldlerische Kolonie des Balkans, Holzpflüge noch in den 30er Jahren. Seit Jahrhunderten plagen sich die Kleinbauern auf ihren Höfen in derselben anstrengenden, sich selbst gerade so am Leben haltenden Art, 4/5 der Bevölkerung sind Kleinbauern. Drei Balkankriege fordern das ihrige, der vierte Krieg mehr als das, dann kommt der Kommunismus, und die Modernisierung beginnt.

47 % der Investitionen im ersten Fünfjahresplan gelten dem Aufbau der Industrie…Bulgarien macht einen „Entwicklungssprung“…Rekordwachstum, das in den 60er Jahren nur von Japan überboten wird…Metallwerke von Kremikovci, Chemie-Kombinate, Raffinerie Neftochim bei Burgas…Atomkraftwerk Kozloduj…soziale Revolution: Zwischen 1948 und 1968 fällt der Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft von 82 % auf 39 %…: “Jeder zweite bulgarische Bauer wechselt den Beruf, die Industrie wird zum Magneten, und eine ganze Generation erlebt ihren sozialen Aufstieg als Umzug in die Stadt“.

Und da beginnt das Problem, also die Freiwerdung der Kräfte: Als die Familien in die Städte pilgern, ausgestattet mit einer Kraft, die dort von nichts erschöpfend konsumiert werden kann. Einigen gelingt es, urban zu werden, Sinne und Körper zu verfeinern (die Kraft einzudämmen, also). Die meisten werden Fabrikarbeiter, einige Leistungssportler. Nach der „Wende“, diesem Totalzusammenbruch, wird auch diese Kraft wiederum frei und sucht sich andere Bereiche. Es ist gewissermaßen der Lauf der Dinge. Die Kräfte strömen immer weiter, wie Wasser. Etwas hat ihnen den Anstoß gegeben vor Urzeiten, und jetzt sind sie da, durch Entwicklungen explosiv geworden, wogen durch die Städte, immer bereit, ihre Form und Stoßrichtung zu ändern, sich den neuen Verhältnissen anzupassen und zu überleben. Der Mensch ist dazu fähig, wie die Tiere auch.

Die Schildkröte, das haben japanische Forscher jüngst herausgefunden, hat ihren Panzer aus dem inneren Knochenbau heraus ausgebildet. Er ist quasi ein nach außen gelagerter Brustkorb, der statt Rippen zum Schutz eine durchgehende Hornschild bildet. Die Schildkröte hat damit auf Gefahren von außen reagiert und Reptilien mit einer weichen Körperhülle gegenüber einen Vorteil entwickelt. Sie konnte nicht mehr von Raubvögeln und -tieren erfasst werden. Dem Menschen, natürlich, war sie nicht gewachsen.

Evolution kann man nicht als gleichmäßige Entwicklung betrachten. Sie ist kein innerer Automatismus, der Organismen einem besseren oder effizienteren Sein zuführt. Sie geschieht auch nicht freiwillig. Leben passt sich nur unter Zwang Änderungen an. Die Änderungen müssen gewaltig sein, sie müssen drohen, das Leben zu vernichten. Nur um dem zu entgehen, aus einem blinden Erhaltungstrieb heraus, kommt es zu Mutationen. Warum sollten Hälse gewachsen sein, Zähne und Muskeln, wie sollten sich Vierbeiner aufgerichtet und Pflanzen gelernt haben, nur mit Tau zu überleben, wenn die Umwelt ihnen das nicht abverlangt hätte. (Solange etwas genug Nahrung findet und nicht bekämpft wird, bleibt es, wie es ist, das wissen wir von uns selbst). Ein Klimaeinbruch oder das Aufkommen neuer Feinde zum Beispiel sind Zwänge, die Veränderung in Gang setzten. Evolution ist also eigentlich eine Reaktion auf den Feind, der in Form äußerer Umstände, einer anderen oder auch der eigenen Spezies tödlich wird.

Schildkröte

Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Ringer

  1. Frank schreibt:

    Mutationen passieren ständig, Selektion findet immer statt – der Selektionsdruck (manchmal Autos mit grinsenden bulgarischen Boxern) sucht die fitten Genotypen aus, kleine Änderungen (zu klein und zu langsam für unsere Vorstellungskraft) manifestieren sich. Und irgendwann hat man dann Aliens, die wie Schildkröten aussehen. Schöner Blog – traurig fand ich die Hunde in Rumänien …

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