Melnik

Melnik liegt inmitten von Hügeln aus Sandstein nahe der griechischen Grenze. Die Straßen sind schmal und mit großen ovalen Pflastersteinen ausgelegt. Die Häuser haben Fensterläden und Dachbalken aus dunklem Holz und könnten in dieser Art auch im Breisgau stehen, Emmendingen vielleicht. Tatsächlich sind sie Teil der Wiedergeburtsarchitektur, die in Bulgarien selbst als „Nationale Wiedergeburt“ bezeichnet wird und einen Stil meint, der sich Mitte des 18. Jahrhunderts herauszubilden begann. Er ließ die Häuser kleiner und bunter werden als bis dahin, die Fassaden blau, lachsfarben oder gelb, manche mit Mustern bemalt. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Osmanische Reich, dem Bulgarien angehörte, schon angefangen zu schwächeln, und in der Farbe und Bauweise der Häuser erkannte man das Erwachen von etwas Neuem, das das Eigentliche sein sollte, im Nachhinein.

Plovdiv_1

Haus in Plovdiv

Erzählungen von Ländern und deren Selbstfindung ähneln Erzählungen von Künstlern und ihrer Selbstfindung. Erst sind sie in in einem größeren Verband oder einer Gruppe, aus der sie sich irgendwann herauslösen, um etwas „Eigenes“ zu machen, und dieser Wendepunkt ist in den Geschichten oft schwer nachvollziehbar. Das kann an der Sache selbst oder an der Erzählung liegen – wer könnte das je herausfinden. Woher kommt das Eigene? Wie beginnt es? Merkt man selbst, wenn es da ist, oder nur die anderen, und merkt man es, wenn man es merkt, sofort, oder immer erst später?

An den Erzählungen, die ja die einzige Grundlage sind, auf der sich solche Fragen prüfen lassen, fällt auf, dass die Biographien von Ländern (die von Künstlern spielen jetzt keine Rolle) auch im Vergleich untereinander sehr ähnlich sind. Es scheint ein eigenes Genre zu geben, coming of nation könnte man es nennen, das die Struktur und Motive vorgibt. Nationale Identität wird immer auf die gleiche Weise gesucht und gefunden: In alten Schriften in abgelegenen Klöstern, die so zur „Wiege“ der neuen Nation werden; in Märchen und Liedern, die plötzlich gesammelt und publiziert werden; in einer Revolution gegen die bestehende Kirche und der Gründung einer neuen (die dann in der Landessprache predigt); im Ausland, wo die Jugend studiert, in Paris, Wien, Istanbul oder Odessa.

Es werden Schulen gegründet und Verlage, es wird eine Geschichte der „Nation“ geschrieben, die Geschichte der Slavobulgaren zum Beispiel, es entsteht eine plötzliche Solidarität mit den Bauern, die bisher verachtet worden sind, jetzt aber irgendwie dazugehören müssen, wenn die Nation alle umfasst. Während die Trennlinie der Welten auf dem Balkan bis dahin zwischen Bojar und Bauer und zwischen Christ und Muslim verlaufen war, so gehörten ab Mitte bzw. Ende des 19. Jahrhunderts Bauer und Bojar sowie Christ und Muslim nun jeweils einer bulgarischen, rumänischen, serbischen oder türkischen Welt an.

Die Auflösung der alten Grenzen von Religion und Stand hat im nation-storytelling nie funktioniert, das Setzen der neuen ethnisch-nationalen Grenze dagegen schon. (Allein vom literarischen Standpunkt aus betrachtet ist es erstaunlich, wie lange sich eine Erzählung hält, die durch ihre Wiederholungen nicht besonders überzeugt. Wobei sie mal besser und mal schlechter erzählt ist.)

Als interessanteste Figur der verschiedenen Varianten dieser Erzählung berührt mich immer der Bauer. Das gilt besonders für die rumänische und die bulgarische Geschichte. Bei der Erfindung der Nation spielt der Bauer eine entscheidende Rolle. Als Figur, nicht aktiv. Er ist die stumme Verkörperung des Bodens, den er urbar gemacht und dazu gebracht hat, jetzt dieses Land (im Sinne von Nation) zu sein. Dafür wird er verehrt.

Er ist eine wichtige Figur in der Kultur Rumäniens, Bulgariens und anderer Balkan-Länder, aber in der Ansicht vieler ist er auch das Gegenteil von Kultur. Verbunden mit der Natur bewegt er sich im Kreislauf der Jahreszeiten und verändert sich nicht; dafür wird er verachtet. Der „zeitlose Bauer“ in seiner „negativen Ewigkeit“ ist der Stachel im Fleisch der Moderne (so ähnlich sagt es der ewig negative rumänische Philosoph Cioran). Das ist der Zwiespalt, den man spürt, in der Erzählung und ihrer Ausbreitung in der Realität.

Eine weitere Ambivalenz: Der Bauer lebt real in meist einfachen oder armen Verhältnissen. (Diese berühren Einheimische unangenehm, Touristen aus dem Westen manchmal auch, aber meistens finden sie sie, im Gegensatz zu Armut in der Stadt, romantisch.) Symbolisch lebt der Bauer in der Folklore, in der Musik, in Restaurants, in den Volkstanzgruppen in Trachten, die bei Stadt- und Dorffesten auftreten. Die Folklore gefällt den Einheimischen wie auch den Touristen gut. Auch die Touristen verehren den Bauern. Er ist so weit weg von ihnen und ihrer Erfahrung, dass sie uneingeschränkt Gutes mit ihm verbinden können. Daheim machen sie die Stadt zum Dorf oder ziehen aufs Land, weil sie zurück zur Natur und zu den Tieren wollen. Das Dorf ist Utopie.

Koprivshtitsa

Nationale Wiedergeburt in Koprivshtitsa

Das geht für Rumänen und Bulgaren nicht. Das Leben auf dem Land ist für die meisten elend, und im Gegensatz zu Westtouristen weiß man, wie es sich anfühlt, elend zu leben. Bescheidenheit und Armut können keine Ideale sein für die, die mit Bescheidenheit und Armut aufgewachsen sein. Das ist einfach zu begreifen.

Schwerer zu erklären ist die Abneigung, die man in Rumänien und Bulgarien beobachtet. Als ich noch in Rumänien lebte, warnten mich Freunde immer, Milch oder Käse auf dem Land zu kaufen oder vom Markt, sie selbst kauften dort nie. Es seien Keime in den Produkten, Keime, die gefährlich krank machten, und die kämen von dem Dreck, der überall sei, in den Ställen, den Häusern, in den Küchen und an den Händen der Bauern. Keiner aß je den frischen Schafs- oder Kuhkäse, den ich von Ausflügen auf den Dörfern mitbrachte. Stattdessen wurde mir geraten, Hochland-Käse zu kauften, der werde auch in Rumänien produziert, aber sauber, in Fabriken. Es ließ sich nicht diskutieren.

Der Dreck und der Geruch und die Einfachheit. Die Angst, dass es einem anhaftet, irgendwie. Mir scheint, je kürzer die Zeitspanne, die es her ist, dass eine Familie vom Land in die Stadt gezogen ist, und je enger die Verbindung, die über die Eltern oder Großeltern zum Land gehalten wird, desto größer die Abneigung. (Aus dem Grad der Abneigung ist dann vielleicht wiederum die Höhe der Geschwindigkeit abzuleiten, in der Rumänen und Bulgaren mit ihren Autos über die Dörfer brettern, ohne Rücksicht auf das, was sich ihnen in den Weg stellt.)

Das ist die Verachtung für das Reale. Demgegenüber steht der Stolz auf die Folklore. Folklore entstanden aus dem, was im Realen ganz oder fast verschwunden ist. In diesem Sinne besucht man die Dorfmuseen, die es in jeder größeren Stadt in Rumänien gibt, in weit größerer Zahl als Kunst-, Waffen- oder Historische Museen. Riesige Freiluft-Dorf-Museen in Bukarest und Sibiu, in denen alte Bauernkaten, Pflüge, Mühlen, Wasserräder, Kirchen und Kutschen aus dem 18. und 19. Jahrhundert zu sehen sind, in Bulgarien gibt es das auch; Häuser, die an ihrem ursprünglichen Standort abgebaut und im Dorfmuseum wieder aufgebaut wurden.

Die Idee, ein Dorf auszustellen, entstand in Rumänien im national-faschistischen Klima der 30er Jahre, das Muzeul Satului in Bukarest eröffnete 1936. Die Bauern, die als politische Partei nach dem Ersten Weltkrieg kurzzeitig stärkste Kraft im Land waren, auch in Bulgarien, verloren ihre Bedeutung ab diesem Moment in dem Maße, in dem sie als Symbol vereinnahmt wurden. Zuerst von den Faschisten, dann von den Kommunisten. Sicher haben sich die Bauern auch vereinnahmen lassen. Aber tragische Figuren in der Geschichte sind sie doch.

In der weiteren Entwicklung der Nation (der Industrie vor allem) haben sie ihre Rolle verloren, in der Erzählung sind sie zum Problem geworden (Scheitern an EU-Richtlinien etc.) und real kaum sichtbar, ein paar krumme Rücken links und und rechts der Landstraßen, auf dem Weg zu den Feldern.

In Melnik habe ich darüber nachgedacht. Eigentlich wegen der Schildkröte, die überfahren wurde, absichtlich, bevor ich sie über die Straße tragen konnte, von einem Mann, der wie ich auf dem Weg nach Melnik war, einem kleinen touristischen Dorf am Ende der Straße. In Melnik muss dieser Mann herumgelaufen sein, an den vielen kleinen Restaurants vorbei, die alle gleich aussahen, und in eines von ihnen wird sich der Mann hineingesetzt haben. Er wird sich auf ein gewebtes Sitzkissen gesetzt und seine Hände auf eine rot-weiß-schwarze Tischdecke gelegt haben, auch gewebt, im typisch ländlichen Stil.

Der Mann wird etwas zu trinken bestellt haben und auf die Heugabeln oder Sensen, die an den Hauswänden hingen, geschaut haben. Vielleicht hat er ein Foto gemacht, von der Fassade, so wie viele Männer mit Sonnenbrille die Häuser fotografiert haben, vielleicht habe ich ihn auch dabei beobachtet, so wie ich vorher die Schildkröte beobachtet habe, wie sie über die Straße lief. Es sah so anachronistisch aus. Eine Schildkröte auf einer Landstraße, ein seltsames Wesen von vor der Zeit, mit ihrem Panzer und den Schuppen und der schleppenden Fortbewegung.

 

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Über Julia Jürgens

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