Yakoruda

Neben der Schmalspureisenbahn, die die Bergdörfer der Rhodopen mit Bansko und Velingrad verbindet, kräuselt sich die Straße ins Gebirge hinein. Anfangs, am Fuß der Berge, sind rechts noch Felder, Kartoffeln und eventuell Tabak. Auf dem Weg dorthin gehen die Bauern und Arbeiter, manchmal radeln sie kankelig auf uralten Rädern, aber meistens laufen sie, auf der Straße, die Frauen mit langen Röcken und Kopftüchern, viele mit den traditionellen gewebten länglichen Taschen auf dem Rücken.

Sie laufen weit in die Mitte der Fahrbahn hinein, ohne die Autos, die ihnen entgegenkommen, zu beachten. Es ist eine Erfahrung, die sie vielleicht aus ihrer Jugend hinüber gerettet haben ins Alter, aus einer Zeit, als die Straße ein ungepflasterter Weg war, der vom Hof zu den Feldern auf den Anhöhen der Berge führte. Sie liefen ihn täglich, bevor die Autos kamen, und so laufen sie ihn heute, ohne Vorsicht schieben sie sich aus den Büschen am Straßenrand über die Leitplanke, die sie nur mit Anstrengung überwinden. Man hat das Bild von alten Menschen auf dem Dorf, die auf Bänken vor den Häusern sitzen und zahnlos lächeln, aber tatsächlich laufen sie, kilometerlang, mit Sensen und Hacken, auf die sie sich nicht einmal abstützen, sondern die sie geschultert tragen.

Die Energien sind falsch verteilt, vom Auto aus, durch das Land fahrend, ist es klar zu sehen: In den Städten ballt sich die Kraft, wo sie sich entweder gewaltsam entlädt oder nutzlos verpufft bei denen, die dort ohne Aufgabe sind und vor Langeweile beginnen, Gewichte zu stemmen, um noch mehr Kraft anzuhäufen, die sie noch schwerer loswerden können. Und hier auf den Feldern stehen vereinzelt die Alten und bücken sich zum Boden wie Sysiphos. Landflucht ist nicht allein ein bulgarisches Problem, aber als ein System fehlender und überschüssiger Kräfte wird es mir hier so deutlich wie nirgend sonst.

Dann hören die Felder auf und an ihrer Stelle beginnt irgendwo ein Fluss. Ich bin in den Bergen. Eine Brücke kommt irgendwann in Sicht, Teppichrollen lehnen am Geländer, und bunte Decken stapeln sich weit darüber hinaus. Der Ort, der sich jenseits des Flusses befindet, hängt im Nebel vom Qualm grillender Würstchen. Es ist Sonntag und Markt. Die Straßen sind zugeparkt mit Autos, offene Transporter mit Kälbern und Schweinen stehen herum. Schon beim Gang über die Brücke habe ich Mühe, mit meinem Blick durch das Gewimmel von Farben und Stoffen hindurchzudringen; der Grillrauch brennt in den Augen und lässt die Menschen, die vorübergehen, wie ein Nebelwerfer in seinem Dunst verschwinden, aus dem sie sich langsam herausschälen und sichtbar werden.

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Es ist ein Defilée von Menschen verschiedener Epochen und Alter. Ältere Frauen mit Kopftüchern und gemusterten Kleidern aus den 50er oder 60er Jahren; junge, die auf den Markttag als Ereignis gewartet haben und über die Brücke laufen wie über einen Laufsteg, in pinken, tiefsitzenden Bustiers und kurzen Röcken und den gelöcherten halbhohen Stiefeln, die diesen Sommer auch in Rumänien schon alle trugen. Viele haben ihre Haare gefärbt, schwarz, manche blond. Dazwischen gibt es auch junge Frauen, die Kopftuch und lange Kleider tragen, sie gehören zur muslimischen Minderheit der Pomaken, die in den Rhodopen leben. (An die Männer des Ortes habe ich eigentlich keine Erinnerung.)

Die Menschen tragen und kaufen die Sachen, die der Markt ihnen bietet. Er hat für alle Alters- und Glaubensstufen die passende Ware. Blusen, lange Röcke mit Blumenmuster, Kunstlederjacken, verblichene und künstlich aufgeribbelte Slimjeans, die an rumpflosen Schaufensterpuppenbeinen aufgereiht sind; Tausende von T-shirts, denen lasziv blickende Frauengesichter mit langen Wimpern und Kussmund aufgedruckt sind, Sonnenuntergänge mit Delphinen, Schriftzügen wie Bonjour Paris oder Rock Girl, mit Pailletten und Fransen, Hello Kitty und Lana del Rey (das Gesicht in den Falten des T-shirts seltsam deformiert). Zu Bergen aufgeschüttete Schuhe, die in der Masse obszön aussehen und einen durchdringenden Plastikgeruch verbreiten.

Die T-Shirts und Kleider hängen an Autos, Zäunen, Mauern, halbfertigen und einstürzenden Häusern oder sind auf Holzhaufen, Tischen und Motorhauben gestapelt. Alle Händler haben die gleiche Ware, nur ein paar alte Frauen verkaufen anderes, Blumensträuße, Honig und Einkaufsnetze.

yak_3yak_4yak_5In der Dorfmitte sind die Grillstände aufgebaut und makeshift-Bars mit Tischen und Stühlen, an denen hauptsächlich Männer sitzen und ein paar Roma-Familien, andere sitzen abseits auf Decken im Gras hinter den Ständen.

In einer anderen Straße gibt es Second-Hand-Waren, die auf dem nackten Pflaster ausgebreitet sind, Auto-Teile und Werkzeuge des landwirtschaftlichen Betriebs: Seitenspiegel, Rückspiegel, Scheinwerfer und Rücklichter verschiedener Modelle, Lenkräder, Radios, Schrauben, Schraubendreher, Zangen, Hämmer, Zahnräder, Fahrradräder. Hufeisen, Nägel, Kuhglocken und vieles, das ich in seiner Bestimmung gar nicht zuordnen kann. Ein Stand bietet Kummets und Pflüge an, Trensen und Pferdewagen. An einem Verkehrsschild lehnen neu gefertigte hölzerne Heugabeln und alte Sensen.

Das Auge ist schon nach wenigen Minuten erschöpft von diesem hochkomplexen Wimmelbild und seinen immer neuen Formationen. Die Menschen vor den Ständen verschwimmen mit den Waren, dabei ist jeder einzelne ein Porträt wert. Ich hätte sie gerne fotografiert, vor allem die Paare, in ihren so unterschiedlichen Auffassungen von Sonntagsputz, vor der Kulisse der alten Holzhäuser und der wenigen, in besseren Zeiten erbauten Wiedergeburtshäuser am Rande des Marktplatzes, vor dem baufälligen sozialistischen Arbeiterdenkmal oder dem alten Kulturhaus. Es sind Bilder, die bereits Foto sind, bevor man auslöst.

Tatsächlich fotografieren lassen sich aber nur die älteren Frauen, sie lächeln mich an oder ignorieren mich, beides auf eine freundliche Weise. Die jüngeren dagegen sehen mich aus den Augenwinkeln und notieren die Fremde, aber ohne die offene Neugier der Alten. Vielleicht wissen sie mehr um ihre Ausgestelltheit, wissen um den Vergleich, den ich ziehe, so wie sie ihn auch ziehen. Meine Gegenwart bringt die Ordnung durcheinander, bringt den Vergleich vielleicht erst in die Welt. Für einen Moment kommt eine Ahnung auf von der Schäbigkeit der Waren, eine Ahnung, dass sie Repliken sind, für die es ein Original geben muss. Vielleicht sehen sie, dass sie nachahmen, was sie eigentlich darzustellen glauben (eine Idee, die im Westen weniger schmerzhaft ist, insofern sie dort jemandem kommt), und ihre paradehafte Souveränität verschwindet im Nichts. Deshalb schauen sie weg, gedemütigt und stolz.

Auf dem Rückweg kommt mir an der Brücke ein Transvestit entgegen, in einem abgewetzten Nadelstreifen-Hosenanzug und High Heels, langen Haaren, klimpernden Armreifen. Niemand guckt ihm nach. Da denke ich, es könnte auch alles Maskerade sein, eine Parodie einstudiert von den Bewohners eines pomakischen Bergdorfs in den Rhodopen.

Ich bin bis Plovdiv benommen. Das ist es, was man vor Augen hat, wenn man an den Balkan denkt: Völkergemisch, bunte Waren, Handel, Bratengeruch. Das ist es, was es immer gewesen ist, für den Westen. Ein Bazar am Rande Europas, noch europäisch genug, um ihn zu verstehen, aber orientalisch genug, um exotisch zu sein. Nur, dass der Bazar früher eine Auswahl von Fremdem bot und nicht eine Imitation westlicher Waren. Einen Reisenden wie Patrick Leigh Fermor konnte das noch begeistern. Kostbares wie Seide, Teppiche, Salze und Gewürze, die aus der Türkei und Asien ins Land kamen, – vielleicht auf den gleichen Routen wie die Waren heute.

Beim Wegfahren schaue ich auf das Ortsschild, um zu wissen, wo ich hier war. Yakoruda.

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                                      Dies ist der 100.ste Beitrag auf euromania !

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Über Julia Jürgens

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