Katzen in Städten

Plovdiv ist immer Handelsstadt gewesen, eine Stadt von früh an. Mit Theater, Forum, Markt und Bädern, errichtet von den Römern, nachdem sie Thrakien erobert hatten. Der Handel blieb, als Plovdiv an Byzanz fiel und später an das Osmanische Reich. Die reichen Kaufmannshäuser am Marktplatz, die Anordnung der Altstadt, alles ist gewachsen und nicht plötzlich vollzogen. Wie wohltuend eine an den Bedürfnissen der Bewohner gewachsene, von ihnen selbst aufgebaute Stadt ist.

Die Altstadt erinnert an die Plaka in Athen oder Gjirokaster in Albanien, die steilen Gassen mit den groben, bei jedem Wetter rutschigen Steinen, die alten herrschaftlichen Häuser, von denen viele verfallen. In Altstädten wie diesen leben immer Katzen. Sie sind wie gemacht dafür, durch die Gassen zu streifen, unter Toren hindurchzuschlüpfen und auf Mauern zu sitzen.

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Es gibt Hundestädte und Katzenstädte, selten eine Stadt, in der beide Arten gleichgroße Populationen haben. In den Altstädten gibt es mehr Katzen, in den neuen, um die Industrie herumgebauten Städte mehr Hunde. Vielleicht gibt es Katzen schon so lange, wie es Plovdiv gibt, schon als die Griechen dort siedelten, noch vor den Römern. Katzen haben sich selbst domestiziert, während Hunde domestiziert wurden, habe ich neulich gelesen. Das heißt, Katzen haben sich freiwillig den Häusern angenähert, weil sie dort in den Scheunen und Speisekammern Mäuse jagen konnten. Sie haben sich also selbst so entschieden, weil es für sie bequemer war. Hunde dagegen mussten ans Haus gekettet werden. Ihr Impuls war nicht, dort zu bleiben.

Vielleicht ist das der Unterschied, der sich bis heute bemerkbar macht, in der lässigen Selbstverständlichkeit, mit der sich Katzen durch Städte wie Plovdiv bewegen. Die Hunde sehen fremd und gequält aus, orientierungslos und verlassen. Sie schlagen sich durch auf den Straßen, aber sie sind hier nur hingeraten, es ist nicht ihr Terrain. Auch Katzen sind nicht für die Stadt gemacht, aber sie lassen es sich nicht anmerken. Sie nutzen die Stadt mit Geschick und holen das Beste aus ihr heraus. Auch wenn sie mager und struppig sind, nie sehen sie so traurig aus wie Straßenhunde. Straßenhunde sind ausgesetzt, das steht in ihren Augen, ein Verlassen-Sein, das man bei Katzen, selbst wenn sie verlassen sind, nicht sieht. Vielleicht ist es der Verrat, erst ins Haus gelockt und dann aus ihm hinausgeworfen worden zu sein, den die Hunde nicht überwinden.

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Die Hunde kamen erst mit der Dorfbevölkerung in die Städte, nach Ende des letzten Krieges. Es gab auch vorher Hunde natürlich, aber nicht in den Massen. Die Leute brachten sie mit und hatten in den kleinen Wohnungen dann keinen Platz, und so landeten die Hunde im Hof, wenn sie nicht gleich weggejagt wurden. Im Hof trafen sich die Hunde aus den Dörfern und vermehrten sich unkontrolliert. Als sie zu viele wurden, vertrieben sie sich selbst von den Höfen und wurden auf der Straße heimatlos. In Plovdiv leben die Hunde in der Vorstadt, wie die Menschen, die vom Land hierherzogen. Nur wenige Hunde dringen bis in die Altstadt. Die Altstadt gehört den Katzen.

In den Gassen hängt ihr strenger Geruch, er mischt sich in der Hitze mit dem Duft von Jasmin und Blüten, deren Namen ich nicht kenne. Es ist eine Mischung, die es nur in süd(ost)europäischen Altstädten gibt. Der Geruch in Plovdiv ist noch schwerer als in Athen, an manchen Ecken süß und stechend wie das Parfum einer dicken, gepuderten, in die Jahre gekommenen Dame. Er zieht durch die Straßen, die Knyaz Tseretelev und die Tsar Ivalyo Straße hoch zum römischen Theater, zusammen mit den Touristen aus Japan, Griechenland, Frankreich, England und Deutschland, die sich in den Gassen verirren wie in einem Labyrinth.

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Plovdiv

Über Julia Jürgens

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