Stoffe

Die meisten Läden in der Altstadt von Plovdiv verkaufen alte Stoffe: Teppiche, Decken, Kissen und Trachtenstücke – Schürzen, Blusen, Gürtel, Tücher. Viele davon sind staubig und vom vielen Gebrauch abgenutzt. Wenn man sie anhebt, verströmen sie einen warmen Geruch nach Stall.

Welche Vielfalt an Farben und Mustern! Eingewebt sind die bunten Windungen, die das Leben nimmt, eine Idee von Schönheit, die vom Leben draußen kommen muss, Umrisse von Bergen, Blumen, der Sonne, Pferden. Gold- und Silberfäden für das Besondere und immer wiederkehrende Muster, die regelmäßig sind wie die Tage der Menschen damals gewesen sein müssen. Der Stoff, aus dem das Leben war, der wie das Leben war.

Ich kann für Stunden nicht aufhören, Decken und einen Teppich nach dem anderen auf dem Boden auszubreiten (in immer anderen Läden, um die Besitzer nicht zu strapazieren). Ich kann keinen auslassen, in jedem ist eine neue Idee und Phantasie, die es zu würdigen gilt. Ich gehe in alle Geschäfte. Es ist erschöpfend, so wie es erschöpfend ist, Tiere zu retten. Es nimmt kein Ende. Hinter den Verkaufsflächen sind Lager, in die mich die Verkäufer führen, und dort sind immer noch weitere Berge von Teppichen, Läufern und Decken. Sie liegen da, endlos wie die Fliegen und Käfer im Wasser, die ich an Land bringen muss, wenn ich mir vorstelle, wie sie um ihr Leben kämpfen und niemand es sieht. Es ist aber unmöglich, alle Stoffe zu sehen, und sie zu sehen, bewahrt sie nicht davor zu verschwinden. Wie ist das auszuhalten?

Die Teppiche, Kissen und Kleider kommen aus verschiedenen Häusern, aus verschiedenen Dörfern, aus verschiedenen Teilen Bulgariens. Die Verkäufer wissen nicht genau woher, obwohl sie die Sachen selbst abholen, nur bei manchen Stücken merken sie es sich. In den Häusern, aus denen sie sie abholen, liegen die Teppiche doppelt und dreifach übereinander, auf den Sitzbänken am Boden die länglichen Kissen, und auf den Betten die Überwürfe, auch mehrere übereinander. Ich habe das auf Fotos gesehen. Die Sachen wurden früher vererbt, aber die Erbfolge hat aufgehört, in den Stadtwohnungen ist kein Platz und keine Verwendung dafür.

Die Stoffe müssten eigentlich in einem Museum sein, die schönsten in Vitrinen, die anderen in einem Archiv. Es müsste vermerkt sein, wer sie gewebt hat und wann und wo das war. Dann wären sie gerettet.

Nach dem Tod von Maria Callas wurde ihr gesamtes Eigentum versteigert, das Mobiliar, ihre Kleider, ihr Geschirr, alles. Ich habe einmal den Katalog der Auktion gesehen. Louis-XIV-Möbel, die aussahen wie aus Versailles, verschnörkelte Sofas mit türkisfarbener und hellgrüner Seide bespannt, aus dem gleichen Stoff genähte Pyjamas, Porzellanfiguren, Bilder, Teppiche, Kämme, Kleiderbügel. In dem Katalog war alles aufgelistet, mit Hochglanz-Bildern aller Gegenstände. (Es war ein sehr schicker Katalog, er lag auf dem Couch-Tisch im Wohnzimmer einer Wohnung, in die ich über eine Freundin geraten war.)

Alles, was man besitzt, verstreut sich. Ob es für Millionen versteigert oder für 250 € Abschlag abgeholt und auf dem Sperrmüll entsorgt wird, es macht keinen Unterschied, die Dinge bleiben nicht bei uns. Sie bleiben übrig. Sie gehen zu anderen Menschen über, werden bei Wohnungsauflösungen und in Kramläden verkauft. So viele Dinge, von denen nichts vermerkt ist, nicht einmal der Name von demjenigen, dem er gehört hat. Könnte man nicht wenigstens einen Zettel an sie heften.

Eigentlich müsste es, so wie es für Maria Callas einen Katalog gab, für jeden einen geben. Für jeden Toten, von jedem Toten, müsste man einen anfertigen, mit einem Foto von allen seinen Dingen. Die Sachen selbst müsste man gar nicht aufbewahren. Vielleicht sollte ich daraus ein Projekt machen.

Der Katalog der Dinge eines unbekannten Toten.

Pferd

Ich habe gekauft: Ein blaues Sitzkissen mit einem Schimmel, eine Tischdecke, eine Schürze aus Samt, ein Tischtuch mit Spitze.

Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Stoffe

  1. Martin Väterlein schreibt:

    In unseren Schulbüchern klebten gelbe Zettel auf der Innenseite des Buchdeckels. Da waren alle „Vorbesitzer“ vermerkt. Ich habe mich immer gefreut, wenn ich eines bekam, in dem der Name eines Bekannten aus den höheren Klassen stand.

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