That’s not the story

Der Text beginnt mir langweilig zu werden: Die Straßen nach so und so sind mit Kopfsteinpflaster ausgelegt/ winden sich in die Hügel hinein/ sehen so und so aus. Wie viele Straßen, Hügel, Katzen, Hunde kann man beschreiben?

Das Prinzip einer Reihe ist ja, Ähnlichkeit in Wiederholung herzustellen, mit jeweils einer Besonderheit. Beides muss sichtbar sein. Im Text. Oder schon vorher, in der Wirklichkeit. Oder danach, in der Wirklichkeit. Nach dem Text ist vor dem Text. Ich sehe immer mehr Ähnlichkeit und immer weniger Besonderheit. Schreibe ich, was ich sehe, oder sehe ich, was ich schreibe? Schreibe ich noch oder imitiere ich schon? Weisheit des Schreibens: Erst wenn die letzte Straße und der letzte Hügel beschrieben, die letzte Katze und der letzte Hund erzählt sind, wirst du verstehen, dass man…Worte nicht essen kann?

Ich weiß nicht, wo soll die Reise hingehen.

Als erstes zurück nach Sofia…

Ich fuhr noch einmal nach Sofia zurück. Die Sonne schien. Der gelbgepflasterte Befreier-Boulevard, den ich schon beschrieben habe, glitzerte im Zentrum. Wie ein heller Fluss. An seinem Anfang steht das Osttor von Serdica. Serdica, die römische Stadt, die unter der jetzigen begraben liegt, weshalb das Osttor, das versteht man nicht gleich, unter der Erde zu finden ist, inmitten einer Metrostation. Die Reste der alten Stadtmauern sind hinter Glas, zwischen kleinen Shops, von Halogen-Lampen erleuchtet. Der Bau der Metro bot vermutlich die einzige finanzierte Ausgrabung für das Osttor. Auch in Plovdiv finden sich römische Baureste, dort ein Amphitheater, integriert in eine unterirdische Shopping-Mall.

Die Spuren der Antike sind in Bulgarien seltsam verbaut. Das älteste und schönste Gebäude von Sofia, die Sveti Georgi Rotunde aus dem 4. Jahrhundert, liegt im Hof des aktuellen Präsidentensitzes, in den ich auch nur mit Mühe hineinfand, weil ich nicht glauben konnte, dass man dort überhaupt hineindarf. Die Rotunde liegt dort erhaben. Souverän. Alte Gebäude strahlen das aus, sie haben alles hinter sich und nichts mehr zu fürchten. So weit bin ich noch nicht.

sveti

Sveti Georg Kirche

Am anderen Ende des Boulevards spielte ein Musiker auf einem Platz. Er spielte ein Instrument, das aussah wie ein geschultertes Tier. Es hatte einen runden Körper und mehrere Schläuche, die wie Beine aus ihm ragten und die der Mann abwechselnd drückte und zuhielt. Es war eine Art Dudelsack, der Körper aus Leder, ein sehr altes Instrument, das vielleicht mit den Römern kam, vor fast 1500 Jahren, aber eigentlich noch älter ist.

Der Mann spannte die Backen auf und blies in den Körper, er lief über den Platz, leicht geduckt und von einem Bein aufs andere tanzend. Es kamen irritierende Töne, von unten und oben, heulend, in schnellen Rhythmen einige, andere lang durchziehend. Irgendwo am Bein hatte der Mann auch noch eine Trommel, auf die er ab und zu schlug. Musik, die so gespielt wird, mit ganzem Körpereinsatz, erfüllt mich immer mit Scham. Dass sich das jemand so traut, öffentlich. Ich könnte das selbst in einem Raum ohne Fenster nicht. Deshalb muss ich stehenbleiben und gucken.

Der Mann wankte von einem Bein aufs andere und begann sich dabei zu drehen. Seine Wangen waren so mit Luft gefüllt, dass sich die Adern aus der Haut wölbten. Die Augen hell und klar, wie bei Menschen, die lange intensiv etwas praktiziert haben, eine Religion oder Drogen. Ich stellte mir vor, wie er irgendwo auf einem Felsplateau spielt, in den Rhodopen, mit dem Echo der Berge um ihn herum, vor Hunderten von Schafen als Zuschauern.

Dann kam der Mann auf mich zu und sagte etwas auf Bulgarisch. Tut mir leid, ich bin Deutsch, sagte ich auf Deutsch, und er drehte sich um und tanzte kurz auf der Stelle. Dann kam er wieder, beugte sich zu mir und sagte: Es gibt keinen Zweifel an der unsichtbaren Welt. Er zog die Worte so ineinander, dass ich nicht sofort merkte, dass sie in meiner Sprache waren. Friedrich Nietzsche, sagte er, und ging rückwärts bis zur Mitte des Platzes. Dort verneigte er sich und spielte die Ode an die Freude und dann, über den ganzen Platz laufend und sich dabei drehend, Oh Tannebaum. Ein paar andere Menschen waren stehengeblieben. Der Mann hielt seine Augen bei den Drehungen auf mich geheftet.

Nach Oh Tannenbaum zog er das Instrument von den Schultern und verstaute es in einem Kasten. Dann schlenderte er auf mich zu.

So you are from Germany? Where from, fragte er. Berlin, sagte ich. Oh, I’ve just been there, sagte er, the Karneval der Kulturen, we played there on the water on some crazy wooden boat that floated down the river, all lighted with candles. You can check it out on youtube.

Seine Augen durchbohrten mich, auf so eine konzentrierte und dabei gelangweilte Art, mit der Sicherheitsleute am Flughafen auf die Inhalte von Taschen schauen. Es machte mich nervös, und mit einer Stimme, die ich manchmal am Telefon habe, sagte ich: This instrument you play is really interesting! How long have you been practicing and where did you learn to play?

Und der Mann lächelte und sagte: But that’s not the story. Where did you learn it, how long have you been playing, – that’s not the story. I have been playing music for a thousand years.

Er guckte noch einen Moment, seine Augen waren jetzt nicht mehr durchdringend. Er schulterte sein Instrument und sagte good luck oder good-bye, und dann war er verschwunden.

Über Julia Jürgens

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