Im Zug

[Budapest – Sibiu]

PLUS. Backsteinschornsteine, Backsteinruinen der alten Industrie mit Graffitti, Emblem des Ostens: Betonfundamente mit Schrift in sattem Grün.

Blätterrauschen. Werden Beschreibungen mit den Fortbewegungsmitteln schneller, ungenauer? Oder kommen nur andere Dinge in den Fokus? Eher das Ferne als das Nahe? In der Schnelligkeit kann man Nahes nicht scharf sehen, nur auf Entfernung, das ist Teil eines der Gesetze, die ich nicht zuordnen kann, Erdanziehungskraft, Lichtgeschwindigkeit, Relativitätstheorie.

Man sieht Dinge nur kurz, dann sind sie weg. Die Dinge sind nicht wesentlich, man vergisst sie. Das ist Zugfahren.

Ein Mann mit einem Golden Retriever auf einem Feldweg, der auf sein Telefon guckt. Rapsfelder in Länge. Wiesen mit Bäumen, die Bäume verteilt. (Bei uns stehen Bäume nicht so, einzeln. Sie stehen in Reihe, in einer Allee, einer Ansammlung am Waldstück.)

Vier Stunden Fahrt, sieben Stunden Fahrt machen nervös. Man will die Zeit nutzen. Zwölf Stunden sind unüberbrückbare Weite, wie die Felder, bis zum Horizont. Man schaut darauf wie aufs Meer, nur dass auf der Linie weit hinten keine Schiffe sind, sondern Bäume. Aber sonst die gleiche Fläche, die den Blick nach hinten zieht. Man kann ewig darauf blicken.

Wenn man Menschen beobachtet, die aus dem Zugfenster schauen, sieht man die Augen fokussieren und ein Stück mitgehen und dann wieder zurückspringen, ganz schnell,  unwillkürlich. Die Augen stellen scharf, aber es gibt keinen Fokus, und das Ganze können sie nicht erfassen. Augen sind nicht fürs Zugfahren. Auch die Gedanken. Wer hat nicht die Wahrheit gesagt, wer hat mich nicht geliebt oder doch, wo hat die Liebe angefangen und aufgehört. Man greift immer etwas, hält es fest, aber es zieht weiter. Und man greift wieder und denkt, es ist noch dasselbe, aber es ist schon wieder etwas anderes. Das ist die Landschaft. Weit hinten sind Formen, aber vorn nur Rauschen, es fließt und verschwindet.

Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Im Zug

  1. Martin Väterlein schreibt:

    Wunderbare Beschreibung. Meine nächste Zugfahrt wird anders sein als die bisherigen.

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