Sibiu Revisited II

Ana sagt, es liegt am Moment. Alles konzentriert sich darauf, lebe im Hier und Jetzt, die Buchhandlungen sind voll von Ratgebern. Nur der Moment zählt, sagt Ana, und in dem Moment ist alles wahr, vielleicht sind sie sogar verliebt. They feel they want to hug you and kiss you and fuck you, it’s all in the moment, and it’s true. In that moment they are true. Who might expect anything from any moment after?

Es ist alles offen, sagt Ana, und alles möglich. Es ist möglich, dass man sich wiedersieht. Und auch wenn man sich nicht wiedersieht, wäre es möglich gewesen. Auch wenn es von vornherein feststeht, dass man sich nicht wiedersieht. Der Moment hat alle Möglichkeiten, das macht ihn so besonders. Auch wenn er sie nicht einlöst, es ist einfach schöner, wenn es möglich scheint, sagt Ana. Das ist die Philosophie des Moments.

Niemand sagt, ich will dich nur einmal treffen oder zwei- oder dreimal. Das würde es banal machen und eine Grenze setzen, und es soll grenzenlos sein, sagt Ana. Also ist es eine freie Ebene, ein offener Raum. They wouldn’t say sex, because they don’t have sex, they’re having encounters. Sex ist ein Spielverderber. Wer das sagt, kann nicht träumen. Es soll romantisch sein, sagt Ana. Es kommen verliebte Nachrichten, vor dem Treffen und kurz danach. Alle Zeichen von Zweisamkeit, Gute-Nacht-Nachrichten, Guten-Morgen-Nachrichten, es ist so vertraut. Es fühlt sich gut an, vertraut, verliebt.

Aber das ist keine Strategie, sagt Ana. Es ist eben kein Trick, sie sagen das nicht so, sie glauben es. Sich verlieben und Sehnsucht haben, das ist nicht kalt. Es ist normal. Nobody wants to be a bad person. No one wants guilt. So wie die Männer der alten Generation, sagt Ana. Seine Frau hintergehen, sich Lügen ausdenken, heimlich die Geliebte treffen, …sich verteidigen müssen, vor der Ehefrau und der Geliebten. Das ewig schlechte Gewissen. They don’t want that. So they say it’s the moment. It felt so right. The moment is the way out, it’s above morals. You just have to live it, it’s an obligation.

Zukunft, sagt Ana, das Wort würdest du nicht benutzen. Zukunft klingt wie Unternehmensberatung, etwas, das einen Plan hat und Kalkül, ideenlos und ökonomisch. Zukunft, das ist der Markt und vielleicht Kinder, es ist der Mann im Blazer und seine Frau im Kostüm, die vor ihrem Anlageberater sitzen, in der Werbung, an einem großen Schreibtisch. It’s the opposite of that wide and open space, disturbingly restrictive.

Es gibt keine Anhaltspunkte im nachhinein, sagt Ana, nichts, das man nehmen könnte und sagen: Aber du hast doch geschrieben, du hast doch gesagt…-

Es sei ein Word-Dokument von 120 Seiten, sagt Ana, sie habe jeden Satz umständlich herauskopiert, jeden Satz, den sie in das Chat-Fenster hineingetippt haben. 120 Seiten, und auf keiner könne sie irgendetwas finden, woraus sie ihm einen Vorwurf machen könnte. Eigentlich könne sie im nachhinein gar nichts finden, sagt Ana. Es sei so schnell hin und hergegangen, sechs Sätze in einer Minute, 300 in der Stunde. Diese Masse. Es sei ein Rausch gewesen.

Seine Sätze hätten sie getroffen wie Kugeln, ihr seien manchmal Tränen gekommen, vor Überraschung. Jedes Wort sei ihr unbekannt und in der Bedeutung noch nie dagewesen erschienen, es habe sie wie durchbohrt. Es sei in ihr Inneres gedrungen, und habe sich irgendwie mit dem gedeckt, was sie habe sagen wollen, bevor sie es hätte denken können. Es sei seltsam, sagt Ana. Wenn sie es jetzt lese, scheine ihr, dass jeder Satz immer das Eine oder das Andere bedeuten könne, oder noch anderes oder gar nichts. Sie wisse nicht, sagt Ana, ob sie das über ihre Gedanken dann nicht auch sagen müsse.

Sie habe ihn im Hotel getroffen. Es sei ihre Idee gewesen. Ein bisschen wie im Letzten Tango von Paris, man habe diese Vorlagen im Kopf. Sie habe auch nicht reden wollen, das sei die Idee gewesen, keine Namen, keine Geschichten, aber natürlich seien es jetzt die Geschichten, die ihr nicht aus dem Kopf gingen. Bei einer Sylvesterparty sei ihm beim Öffnen einer Sektflasche ein Stück Glas an den Hals geflogen und habe seine Halsschlagader getroffen. Das Blut sei in Fontänen herausgespritzt. Alle seien durchgedreht, besonders eine Frau, die Pharmazie studierte, sie habe ihn in die Wanne gelegt und Wasser über seinen Hals laufen lassen. Diese Geschichte.

The world we live in is not naturally smooth-edged. The real world has been fashioned with rough edges. Smooth surfaces are the exception in nature. And yet, we have accepted a geometry that only describes shapes rarely – if ever – found in the real world. The geometry of Euclid describes ideal shapes – the sphere, the circle, the cube, the square. Now these shapes do occur in our lives, but they are mostly man-made and not nature-made.

Und das Buch. Sie habe ihn gebeten, ein Buch mitzubringen, eines, das ihn wesentlich beeinflusst habe, und von dem er sich vorstellen könne, dass es sie auch interessiert. Er habe es ihr gegeben, als sie auf dem Boden lagen, nachdem sie sich geliebt hatten (well, made ‚love‘, sagt Ana). Es seien zwei Bücher gewesen, ein Buch über Zen-Buddhismus (I didn’t choose that one…), das andere über Fraktale. Eine graphic novel. Introducing Fractals. Es habe sie so erstaunt, sagt Ana. So nichtssagend sei es ihr in dem Moment erschienen (but then it’s like the most personal thing he ever said. It’s weird).

Vielleicht liegt es auch am Yoga, sagt Ana. Man glaubt ja, die Welt könnte irgendwie harmonischer werden, wenn alle Yoga machen. Im Moment leben, ohne Vergangenheit und Zukunft. Aber hat sich schon jemand gefragt, wie es die Beziehungen verändert? Yoga macht verantwortungslos, sagt Ana. Achtsamkeit ja, aber nur für den Moment. Anyway, does that make any sense?

The word ‚fractal‘ was coined in 1975 by the Polish/French/American mathematician, Benoit Mandelbrot (b. 1924), to describe shapes which are detailed at all scales. He took the word from the Latin root ‚fractus‘, suggesting fragmented, broken and discontinuous. Fractal geometry is the geometry of the irregular shapes we find in nature, and in general fractals are characterized by infinite detail, infinite length, and the absence of smoothness or derivative.

With courtesy of Icon Books ‚FRACTALS. A Graphic Guide‘, Malta 2000

Werbeanzeigen

Über Julia Jürgens

Bloggen | Reisen | Süd | Ost | Europa
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s