Missing

Häuser mit leeren Fenstern, offenen Treppenläufen, offenen Fassaden, manche mit Gaze abgehängt, manche mit Bauzäunen umschlossen, ‚de vânzare‘-Schilder in den oberen Stockwerken, Art-Nouveau-Häuser, Löwen- und Engelsköpfe an den Fenstern und Giebeln, in den noch besser erhaltenen Häusern sind die Fenster mit Holzlatten vernagelt.

Das Casa de Lei, einst das nobelste Hotel am Hafen. Das Hotel d’Angleterre, in dem Mihai Eminescu wohnte, heute Hotel Intim.

Den Löwen sind Teile der Mähne herausgebrochen. Der Stein ist löchrig, rollt steil in Brocken oder kleinen Stücken herunter und bildet eine Schicht auf dem Boden. Die Schicht tritt sich in den Boden ein und der Stein zerläuft sich. Man tritt ihn vor sich her, durch die Stadt. Unendlich langsam trägt sich der Stein ab.

Verfallene Häuser sind ein wenig wie Kirchen, auch wenn sie eher Hütten sind. Die ragenden Mauern eines Bauernhauses, selbst eines alten Kuhstalls auf dem Dorf, sie haben immer was Sakrales. Weil sie alt sind und das Alte zeigen, oder ist es der Verfall an sich? Das Vergehen der Dinge oder gerade ihre Dauer, die über einen selbst hinausgeht? Brüchige Steine, Risse, die untere Schichten freilegen. Rostige Fenstergitter, Verandas, blätternde Farbe, es ist so wohltuend und vertraut. Alles vergeht. Seltsam, vertraut ist es, weil es menschlich scheint, aber an Menschen ist Verfall nie vertraut. Nie feierlich. Nur beängstigend und traurig. Vielleicht muss etwas tot sein, und schon immer tot gewesen, damit man Vergänglichkeit genießen kann.

In der Mitte der Innenstadt, die stark zerbombt war, liegt der Ovidiu-Platz. Er ist so weit wie ein Fußballfeld, die Menschen verlieren sich darauf. Vor die Fassaden der vereinzelt stehenden alten Häuser sind wie an die Banden eines Fußballfeldes Banner gespannt. Sie werben für Carlsberg oder sind bedruckt mit sepiafarbenen Bildern der alten Stadt, der Stadt vor dem Zweiten Weltkrieg. Männer mit Hüten sind darauf zu sehen. Viele Häuser in der Innenstadt sind so verhüllt. Wie ein Vorhang im Theater, hinter dem der Umbau stattfindet, unbemerkt, während das Publikum Pause macht und wartet. Es sitzt in den Cafés und unterhält sich, und irgendwann wird der Vorhang wieder aufgezogen, und die Stadt hat eine neue Szenerie.

Das schönste Gebäude von Constanța ist das Casino, es sieht aus wie ein Märchenschloss und liegt direkt am Meer. Es hat seit Jahren geschlossen. Der Strand ist leer. Am Wasser und auf den Buhnen fahren Bagger umher, hier muss schon in zwei Wochen für die Sommersaison alles fertig sein.

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Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Missing

  1. Tobias schreibt:

    Ich mag den Titel

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