Ovid/iu

In Constanța las ich Briefe von Ovid, Briefe, die er aus Constanța geschrieben hat, das damals Tomis hieß. Ovid wurde im Jahre 8 n. Chr. aus Rom verbannt und lebte bis zu seinem Tod, neun Jahre lang, am Schwarzen Meer. Der genaue Grund der Verbannung ist unklar, in seinen Briefen und scheinbar auch allen anderen Dokumenten bleibt es vage, warum er Rom verlassen musste. Er selbst spricht von einer Verfehlung und es ist deutlich, dass es sich um eine amouröse Verfehlung handelt. Sie hatte vermutlich etwas mit der Tochter von Kaiser Augustus zu tun, Iulia, die selbst verbannt wurde, vermutlich wegen Ehebruch, den sie eventuell direkt mit Ovid, eventuell nur mit seiner Hilfe oder auch nur in seinem Wissen begangen hatte.

Aber das spielt keine Rolle, denn ich las die Briefe weniger aus Interesse an Ovid als an Constanța. Wie hatte die Küste ausgesehen vor 2000 Jahren, wie hatte Ovid den Ort und seine Bewohner, Geten und Sarmaten, die damals dort siedelten, erlebt? Ich erwartete keine positiven Beschreibungen, denn Ovid kam aus Rom, er kam nicht als Reisender, sondern als Verbannter. Es musste eine Strafe für ihn sein, also musste Tomis etwas Furchtbares anhaften. In den ganzen neun Jahren, in denen Ovid Briefe aus Tomis schreibt, kommen Tomis und die Menschen aus Tomis aber eigentlich gar nicht vor. Nur ein paarmal tauchen sie wie Schemen aus dem Nebel auf:

Die Geten tragen Schaffelle, sie scheren ihre Bärte nicht, betreiben Viehzucht und keinen Ackerbau, sie sind Barbaren. Es ist Winter in Tomis, durchgehend, es klirren Eiszapfen in den Bärten der Geten, die Donau ist immer gefroren, so dass feindliche Stämme in Tomis einfallen und auch Ovid zur Waffe greifen muss. (Ovid hat in Rom als Dichter keinen Militärdienst gehabt, er kann nicht kämpfen. Es ist ein starkes Bild, das unmittelbarer als alle anderen die Demütigungen des Exils fühlbar macht: Der alternde Mann, auf der eisbedeckten Donau linkisch mit einem Speer hantierend).

Aber die Geten bleiben schwach. Im Nachwort der Briefe lese ich, dass Ovids Beschreibungen denen von Herodot und Vergil ähneln, dass er sogar die gleichen Formulierungen wie sie benutzt. Diese sind objektiv falsch, denn die Geten betrieben wohl Ackerbau, lese ich, sie exportierten schon damals Getreide. Das muss Ovid natürlich gewusst haben, er muss die Äcker und Felder gesehen haben, die rings um die Stadt verliefen, dem Horizont entgegen. Aber er wollte sie nicht beschreiben. Oder er konnte sie nicht beschreiben, oder er sah sie auch gar nicht.

Vielleicht las und schrieb Ovid den ganzen Tag. Er las in den Büchern oder Schriftrollen, die er hatte mitbringen können, oder er schrieb aus dem Gedächtnis und wollte sich all das, was er gelesen hatte, ins Gedächtnis rufen. Aus Angst, es zu vergessen und weil es das war, woran er sich festhielt. In seinen Briefen beschwört er das herauf, die großen Dichter, ihre Helden, und das, was ihnen widerfahren ist. Er versucht, einen Bezug dazu herzustellen, sich in ihren Erfahrungen zu verorten.

Und darum, so verstehe ich, geht es ihm überhaupt in den Briefen: Sie sollen weniger einen Bezug zur Wirklichkeit herstellen, als den zur Literatur. Zu den römischen Dichtern, den griechischen Dramen und Mythen, zu den mächtigen Helden, die von dort bekannt sind. So funktionierte Literatur zu der Zeit, in der Ovid die Briefe schrieb, und seine Briefe waren als Literatur gemeint. Als Dichter musste man sich in die Ahnenfolge anderer Dichter einordnen, als Held in die Ahnenfolge anderer, größerer Helden. Es ging immer um Helden, wenn auch um tragische.

Ovid schreibt, als müssten seine Erfahrungen und all das, worüber er schreibt, über den Bezug zu Literatur und Mythos legitimiert werden. Als könne das, was er erfährt, nur darüber verständlich werden, dass andere, von höherer Bedeutung, etwas Ähnliches erfahren haben. Als könne sein Leid nur im Verbund mit größerem, mythischem, eine Bedeutung erlangen. All das worüber er schreibt, sein Abschied aus Rom, die Seefahrt nach Tomis, seine Trauer, seine Appelle an seine Freunde, ihn nicht zu vergessen, und an den Kaiser, ihm gnädig zu sein. Sich selbst, seine Laufbahn als Dichter, all das setzt Ovid in Beziehung.

Das Chaos der Nacht, in der er von Soldaten abgeholt und Rom verlassen musste, vergleicht er mit der Eroberung Trojas, die Seefahrt von Rom nach Tomis mit der Odysee, sich selbst und sein Leiden, immer wieder, mit Odysseus, Orpheus oder Achill, wobei er sich an die Spitze all dieser Unglücklichen setzt. Bei all diesen Referenzen vergisst man allmählich, dass Ovid selbst keine literarische Figur ist. Während er sein Schicksal im Vergleich hervorheben will, schmilzt es mit den mythischen zusammen.

Die Vergleiche scheinen überhaupt vermessen, aber anders, als wir es heute lesen, drückt sich darin vielleicht nicht Hochmut aus, sondern gerade das Gegenteil. In Ovids Zeit konnte man sich demütig nur als ein kleines Teilchen des Kosmos begreifen, man stand nicht allein, und so konnte man sein Schicksal auch nicht als ein individuelles, einzigartiges erzählen. Es gab gar keine Individuen. Es gab nur Bezüge.

Dabei ist sein Leid, für sich allein genommen, erschütternd. Die Szene des Abschieds, da Ovid abgeholt, ‚gleich einem Leichnam‘ aus seinem Haus getragen wird und seine Frau auf den kalten Fliesen zusammenbricht und dort liegenbleibt, ‚wie entseelt‘ und sich schließlich aufrichtet, ‚das Haar schmutzig, vom Staube entstellt‘ und seinen Namen ruft, da er schon weit entfernt ist. Die Szene auf der vereisten Donau; da, wo nichts stilisiert und jeder Held fern ist, mit dem Ovid sich vergleichen könnte.

Mit den Menschen aus Tomis, den Barbaren, kann Ovid sich aber nicht vergleichen. Es geht grundsätzlich nicht. Ovid kann über sie nicht schreiben. Er kann von seinem alltäglichen Leben nicht erzählen. Er kann nicht erzählen, wie er nach den Kämpfen auf der Donau mit den Geten am Feuer gesessen und gegessen haben muss (die Feinde wurden immer abgewehrt), wie er mit ihnen angestoßen haben muss, wie sie ihm, der von der Anstrengung müde war, aus dem Schaffell geholfen haben, das er selbst längst getragen haben muss, gegen die Kälte.

Er kann nicht von den Märkten erzählen, auf denen er eingekauft, nicht, wer ihm die Mahlzeiten zubereitet haben muss, ob er allein aß oder nicht. Er hat nichts darüber zu sagen, wer ihn besucht hat, wie er seine Abende verbracht hat, über wen er gelacht hat. Man ahnt nur, dass Ovids Bart gewachsen sein und mit der Zeit auch geklirrt haben muss, im Winter.

In einem seiner späteren Briefe schreibt Ovid, dass er sein Latein langsam verlernt, dass es hinter den Worten von Getisch und Sarmatisch, die er jetzt spricht, verschwindet. Er wird also Zeit mit den Menschen verbracht haben. Er wird mit ihnen geredet und gehandelt und vielleicht Würfel gespielt haben. Er wird Frauen gehabt haben. Eine Schere zwischen Ovid, dem Dichter, und Ovidiu, dem Barbaren, wird aufgegangen und größer geworden und irgendwann nicht mehr zu schließen gewesen sein. Für diese Metamorphose gab es keine Worte. Es gab keinen Vergleich. Das, stelle ich mir vor, war das größte Leid, das Ovid zu ertragen hatte.

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