Ana

Ana sagt, sie rechnet die Jahre, die vor ihr liegen, manchmal in Katzen aus, in der Zahl von Katzen, die sie noch haben wird. Sie vermutet drei. Die Katze, die sie jetzt hat, wird sie haben, bis sie 52 ist etwa. Eine nächste Katze bis 70 vielleicht. Und eventuell noch eine bis 87. Wenn sie so lange lebt.

Oder, sagt Ana, wenn sie beim Duschen auf die Shampooflasche guckt, die am Badewannenrand steht, dann überlegt sie, wie oft sie sich mit diesem Shampoo noch die Haare waschen wird, und was in der Zeit, in der sie sich mit diesem Shampoo die Haare wäscht, alles passieren wird. Und was in dem Zeitabschnitt, in dem sie ein neues Shampoo hat, passieren wird. Wenn sie kocht, sagt Ana, schaut sie auf den Stand des Olivenöls in der Flasche im Regal und überlegt das Gleiche. Obwohl sie beim Öl, sagt sie, eher andersherum denkt: Was ist alles passiert, seitdem sie das Öl gekauft hat?

Ana sagt, sie hat diese Gedanken bei Zucker, Salz, Kakao, Kaffee, Honig und Reis, aber nur in ihrer eigenen Küche, und nur wenn es die von ihr gekauften Lebensmittel sind, deren Menge sie in Gläsern und durchsichtigen Packungen beobachten kann. Es beruhigt sie, dass sie ihre wahrscheinliche Dauer oder Haltbarkeit abschätzen kann. Nicht nur abschätzen, sie könne sie ja direkt regulieren, durch ihren Verbrauch. Ana sagt, dass sie gern kleine Packungen und Gläser kauft. Sie mag nicht die großen bauchigen Flaschen mit schmalen Hälsen, in denen Öl oder Essig erst sehr schnell sinkt, dann aber, sobald der breite Umfang erreicht ist, nur noch sehr langsam. So ein Volumen ist schwer einzuschätzen, sagt Ana.

Die Zeitspanne einer 500 ml-Flasche Öl oder einer 200 ml-Flasche Shampoo ist perfekt, sagt sie, absehbar, aber offen. Drei Wochen vielleicht, bei Shampoo drei Monate. Das ist eine Zeit, die man gut zurück beziehungsweise nach vorn schauen kann, sagt Ana. Von drei Monaten kann man nicht zuviel erwarten. Und in drei Wochen kann nicht zu viel passieren, nicht zuviel Schlechtes, was dann nur kurz am Öl haftet. Wenn gar nichts passiert, kann man sich auf eine neue Zeitspanne freuen, und wenn etwas Schönes passiert, dann hat man für Ölflaschen gar keine Augen, sagt Ana.

Beunruhigend sind Dinge, die unbestimmt dauern. Kühlschränke. Staubsauger, Computer, Glühbirnen. Man glaubt, sie halten ewig, und man hat sie sehr lange, aber dann sind sie auf einmal kaputt. Es ist hinterlistig, wie ein Licht plötzlich ausgeht. Oder das Licht im Kühlschrank nicht mehr angeht. Morgens oder mitten in der Nacht. Nichts bereitet einen darauf vor. Je länger die Dinge da waren, desto größer ist der Schreck, wenn sie von einem Moment auf den anderen nicht mehr funktionieren. Die Zeit, die man sie genutzt hat, und in der man mit ihnen existiert hat, ist so lang, sagt Ana.

All die Jahre, die an ihnen haften. Die Musik, die sie seit über 20 Jahren über ihre Stereoanlage hört (obwohl sie eigentlich kaum noch Musik hört, sagt Ana). Oder die Waschmaschine, die Hosen, Pullover, Kleider und Tshirts, die sie darin gewaschen hat und die sie heute gar nicht mehr besitzt. Die Gespräche, die sie geführt hat, während die Waschmaschine in der Küche lief, in mehreren Küchen, sagt Ana, sie kann sich an die Küchen genau erinnern, an die Tapeten und den Blick aus dem Fenster. Sie kann sich auch an viele der Hosen, Pullover und Kleider erinnern, aber an keines der Gespräche (Gespräche haften vielleicht auch besser an anderen Dingen, sagt sie, an Bettzeug oder Sofas).

Die Elektrogeräte in ihrer Wohnung sind wie alte Menschen, sagt Ana, sie funktionieren nicht mehr richtig, außer in den Erinnerungen, die sie speichern. Die Waschmaschine wäscht nur noch mit kaltem Wasser, die Stereoanlage läuft nur über eine Box, mit Rauschen, an manchen Tagen mehr, an manchen weniger. Ein Lazarett der Dinge. Die Lampe an der Decke im kleinen Zimmer geht auch nicht mehr (die Glühbirne hat sie bei ihrem Einzug angebracht, so lange hat sie gehalten, fast vier Jahre, oder vielleicht hat auch K. sie noch angebracht, sagt Ana).

Es wäre leicht, eine Glühbirne zu kaufen, im Gegensatz zu einer Waschmaschine, sagt Ana, aber sie verschiebt es seit Monaten. Sie geht einfach nur in das Zimmer, wenn es hell ist. (Sie weiß, es klingt absurd, aber elektrisches Licht käme ihr dort jetzt irgendwie künstlich vor.) Sie kann es sich nicht richtig erklären. Wie sie sich dem Zustand anpasst, dem Zustand der Dinge, wie den Empfindlichkeiten von Kranken. Als würden sie mit der Zeit wieder gesund werden, ohne dass man sich um sie kümmert. Wenn man sie einfach lässt. Oder bis sie ganz kaputt sind. Nur wie lange kann das dauern, sagt Ana.

Tapete

Tapete, Meschendorf

Über Julia Jürgens

Bloggen | Reisen | Süd | Ost | Europa
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Ana

  1. tobias schreibt:

    wie schön!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s