Dunavat

Beim Reisen ist die Entscheidung für den Ort, an den man fährt, im Grunde willkürlich. Man kann eine Schwäche für Italien oder Asien haben, einen kann es eher nach Afrika oder Südamerika ziehen, man weiß nicht, warum. Vielleicht hat man etwas gelesen oder Bilder gesehen oder eine Idee oder ein Gefühl. Man muss sich nur irgendwo hinwenden, die Welt gibt die Orte vor. Sie sind eingezeichnet, auf Karten; Länder, Städte, Dörfer, Straßen, Cafés, Schwimmbäder, Museen, Wohnhäuser, Wanderhütten, Wanderwege. Lauter Zielpunkte. Man kann gelben oder roten Adern folgen. Schwarzweißen Schienen, scenic routes. Alles ist vorgegeben. Alles hat seinen Platz.

Es scheint so selbstverständlich, dass man sich nicht vorstellen kann, dass es einmal anders war. Dass es einmal keine Wege gab und keine Orte. Aber so war es einmal, die Welt war amorph, hatte keinerlei Struktur. Sie war unendliche formlose Weite. Für den Menschen, der in diese Welt eintrat, gab es nur ein Ziel: Einen Ort zu schaffen. Einen Punkt zu setzen, den ersten Punkt, von dem aus er sich verorten konnte. Indigene Völker haben das alle auf eine andere Weise getan, aber das war immer der Anfang. Den einförmigen Raum durchbrechen und ein Zentrum schaffen.

Da der vormoderne Mensch religiös war, war das Zentrum, das er sich schaffte, ein heiliges. Der Akt dieser Gründung war auch heilig. Er offenbarte sich durch ein Zeichen. Heute würde man sagen, durch Willkür, aber das ist profan gedacht. Die Beschwörung des Zeichens übergab man Tieren. Man verfolgte zum Beispiel ein wildes Tier und errichtete an dem Ort, an dem es erlegt wurde, ein Heiligtum. Oder man ließ ein Haustier frei, einen Stier, suchte ihn nach einigen Tagen und baute an dem Ort, an dem man ihn fand, einen Schrein.

Die Menschen hatten die freie Wahl, sie konnten hingehen, wo sie wollten, aber sie wollten gar nicht wählen. Sie zogen nicht in Erwägung oder hatten keine Freude daran, eine eigene Entscheidung zu treffen. Obwohl ihnen die ganze Welt zur Verfügung stand. Das ist ein moderner Zug, denkt man – aber vielleicht auch ein absolut archaischer. Der archaische Mensch hatte das Glück, nicht modern zu sein. Er musste sich nicht entscheiden. Er hatte den Glauben an etwas Größeres.

Für den modernen Menschen hat die Weite hat so viele Formen angenommen, dass sie wiederum formlos ist. Sie birgt unendliche Möglichkeiten, die ihn auffordern, möglichst viele zu nutzen. Das erschöpft ihn. Er ist müde. Müde in selbstverschuldeter Müdigkeit. Für den archaischen Menschen hat man mehr Verständnis. Man sieht seine Überwältigung. Man käme nicht auf die Idee von Freiheit zu sprechen, in seinem Fall. Von Schuld abgesehen. Geworfen in diese unwirtliche Weite, was sollte er tun? Wo sollte er hingehen, wo beginnen, sich heimisch zu machen? Wie sollte dieser Ort zu finden sein, der ‚richtige Ort‘? Der Mensch hat keine Orientierung. Das ist sein Dilemma. Der archaische Mensch hatte dafür eine Lösung. Dass er sie Tieren auftrug, finde ich eine schöne Idee.

Sie war möglich, weil es noch keine Idee von Willkür gab. Es konnte nicht egal sein, wohin der Stier lief, und es konnte keinen anderen Ort geben als den, an dem man ihn fand. Es quälte nicht, dass er drei Kilometer weiter nach rechts oder links hätte laufen können, und dass das einen Unterschied hätte machen können oder auch nicht. Das Heilige traf die Entscheidung. Es hob die Weite auf und gab einen festen Punkt vor, für den Ort, den ersten Altar, das Zentrum. Darum herum konnte man sich orientieren. Die ersten Orientierungstechniken waren eigentlich Techniken zur Konstruktion von etwas Heiligem. Eines heiligen Raumes. So wurde Chaos zu Kosmos.

Nach einem Mythos der Achilpa, eines Aranda-Stammes, der in Zentralaustralien beheimatet ist, hat Numbakula, der göttliche Stammvater, ihren Lebensraum geschaffen. Er hat aus dem Stamm eines Gummibaums einen heiligen Pfahl gefertigt, mit Blut gesalbt, ist an ihm heraufgeklettert und im Himmel verschwunden. Dieser Pfahl war für die Achilpa die Weltachse. Sie nahmen den Pfahl auf all ihren Wanderungen mit und bestimmten je nach seiner Neigung ihre Wegrichtung. So blieben sie immer in Verbindung mit ihrer Welt, mit dem Himmel und ihrem Schöpfer, Numbakula. Als der Stab einmal zerbrach, brachen die Achilpa in Panik aus. Sie irrten umher und setzten sich schließlich auf den Boden, um zu sterben.

***

Ich habe mich dieses Mal nach Südosten gewendet, zum Schwarzen Meer hin. In Richtung Dobrudscha, Donaudelta. Wie schön das klingt, Delta, Delta Dunării. Am Delta kommt man nicht vorbei, andererseits hält es einen fast davon ab, wenn alle sagen: Du musst unbedingt ins Delta! Ai fost? Das Delta ist ein von drei Armen der Donau durchzogenes Sumpfgebiet. Auf ihrem Weg zum Meer verzweigen sich die Arme in unzählige schmale Kanäle, die in Seen münden und dann wieder in Kanäle. Ein riesiges Gebiet, kaum besiedelt, außer von seltenen Vögeln, ihretwegen kommen die meisten Touristen. Wegen der Pelikane vor allem. Oder zum Angeln.

Der Himmel auf den Bildern ist rosafarben und lila. Es gibt einen Ort, der Lila See heißt, auf Türkisch, wegen des Lichts, das ihn in den Abendstunden färbt. Murighiol. Orte, deren Namen eine Bedeutung haben, sind interessanter als die, deren Namen nichts bedeuten. Bei booking.com suche ich ein Hotel in Murighiol. Das Hotel soll einfach sein, wie die Behausungen der Fischer, die im Delta leben, eine Pension eher, einfach aber geschmackvoll, möglichst mit WLAN. Es soll ruhig gelegen sein und einzeln, aber so, dass es nicht weit ist bis zu einem größeren Ort, an dem es ein Café gibt vielleicht. Ich buche Delta Paradis. Ein Kompromiss, Reetdach-Häuser direkt am Wasser, ein bisschen zu komfortabel.

In Murighiol kennt das Hotel niemand. Ein Mann, den ich frage, fährt mich lange umher und bleibt dann vor einem abgelegenen Hotelkomplex stehen. Delta Resort. Delta Paradis gibt es nicht. Er ist ratlos. Er ruft einen Freund an, der weiß, Delta Paradis ist nur mit dem Boot erreichbar. Das stand nicht auf booking.com. Der Mann fährt mich zu einem anderen Hotel, an dem ich am Abend abgeholt werde, mit einem Schnellboot.

Wir fahren durch den Kanal Dunavat. Das Boot scheucht die Vögel auf, die sich vor uns erheben und mit breiten Flügeln schlagen, erst rudernd, dann leicht in der Luft.

Nach zwanzig Minuten sind wir da. Die Reetdach-Häuser stehen auf einer Erhebung zwischen zwei Kanälen, einer Art Insel. Sie ist etwa achtzig Meter lang und zwölf Meter breit. Vor und hinter den Häusern sind es nur ein paar Meter bis zum Wasser. Es gibt einen gepflasterten Weg um die Häuser und gestutzte Vorgärten mit Rosenstöcken. Eine schwebende kleine Gartenkolonie, inmitten von Schilf, Schilf soweit man schauen kann.

Am ersten Abend bin ich der einzige Gast, es ist Vorsaison. Die Getränkeautomaten sind noch nicht eingeräumt. Es gibt nichts zu kaufen, und ich habe nichts mitgebracht. Der Bootsjunge fährt noch einmal los, er ist Anfang Zwanzig und hat Spaß an seiner Aufgabe. Die Geschwindigkeit, der Motor, das Lehnen im Fahrtwind, eine Hand am Steuer. Abends ist es still. Ich stelle mein Notebook aufs Bett. Der heilige Stab, den wir immer mitnehmen und mit dem wir die Verbindung halten, zur Welt, zum Himmel nicht.

Tagsüber sitze ich auf dem Steg hinter dem Haus. Auf dem Steg stehen vier grüne Plastikstühle in gleichem Abstand voneinander. Sie sind so angeschraubt. Neben mir sitzen drei Männer aus Moldawien, die neu angekommen sind, in Tarnkleidung, und angeln. Ich sitze dort stundenlang, während sie sich irgendwann ein Boot nehmen und den Kanal hochfahren. Das Wasser hat die Farbe des Himmels. Man sieht darin Wolken, Gräser und Bäume, verkehrt herum. Die Vögel im Himmel. Ab und zu kommen winzige Seeschlangen vorbei, den Kopf über das Wasser erhoben, den Körper hin und her schlängelnd. Einmal erscheint ein Otter.

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Am Abend färbt sich der Himmel, rosa, dunkelblau, fast lila, und ich schaue auf das Wasser und den Himmel, bis nichts mehr zu sehen ist.

Es gibt nichts anderes zu tun. Ich bin drei Tage am Kanal Dunavat. Den Lila See sehe ich nicht, er ist zu weit weg. Mit dem Boot könnte man eine Tour machen, aber das ist teuer, und ich habe zu wenig Geld dabei. Einmal nimmt mich der Bootsjunge mit. An einer Stelle macht er den Motor aus und zeigt auf Vögel. Lebădă – Schwan, Cormorani – Kormorane und etwas Drittes, dessen Namen und Aussehen ich vergessen habe.

Es ist nicht wichtig. Alle Vorstellungen, die man sich von einem Ort macht, stören. Sie geben einem das Gefühl, es gäbe etwas Bestimmtes zu sehen. Aber was soll das sein? Wer legt das fest? Man sollte sich sagen, dass man wie der Stier niemals an einen falschen Ort gelangen kann. Man hätte weiter fahren können oder vorher anhalten, man hätte eine andere Wahl treffen können. Aber der Ort, an dem man ist, ist immer richtig. Er ist das Zentrum.

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Über Julia Jürgens

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