Reni

Eine Reise nach Odessa. Beginnend am Kanal 8 im südlichen Donaudelta, bei träge fließendem Wasser inmitten von Schilf, um sieben Uhr früh. Auf der Karte sieht es einfach aus. Könnte man um die kleinen Seen, die wie Tropfen aussehen, herum- und quer durch das Delta fahren, wären es nur etwa 40 km bis zur ukrainischen Seite, bis Kiliya, und von dort noch einmal etwas mehr als 150 km nach Odessa. Aber es geht nicht dem Finger auf der Karte nach. Es gibt keine Grenzposten in Wasser- und schon gar nicht in Sumpfgebieten, und die nächste Grenze auf festem Boden ist in Galați. Das bedeutet eine Fahrt mit dem Boot nach Dunavățu de Sus, mehrere Stunden Warten auf den Microbus nach Tulcea, einige Stunden Fahrt mit dem Microbus nach Tulcea und einige Stunden mit dem Bus von Tulcea nach Galați.

Ich mag Fahren. Fahren in Bussen kann nicht lang genug dauern. Vorbeigleitende Landschaften und Dörfer können nicht lang genug dauern, das Anhalten und Aussteigen und Einsteigen von Menschen im Nirgendwo, das umständliche Verstauen von Gepäck im Kofferraum. Die geknüpften weißen Kreuze, die an den Rückspiegeln baumeln, die Füße im Gang, in Nylonstrümpfen, geschwollen am Knöchel oder schmal und nackt, mit lackierten und nicht lackierten Nägeln, in Schlappen und nietenbesetzten Ballerinas. Die Plastiktüten im Gang, das Handyklingeln (einer der letzten Sommerhits und immer der alte Nokia-Ton), die Telefongespräche, da, da, da, sunt pe drum. Die Gespräche mit dem Busfahrer, Mitteilungen der Fahrgäste, wohin sie fahren, wen sie besuchen, wie lange sie dieses Mal gewartet haben auf den Bus, gutgelaunte Beschwerden, zu denen jeder etwas beizutragen hat und an deren Ende Gott um Hilfe gebeten wird, kollektiv, nicht um etwas zu ändern, sondern um alles so zu lassen, wie es ist.

Die Hits der 70er und 80er und 90er und von heute. Für Stunden in keiner anderen Aufgabe gefordert zu sein als der, mitzufahren, so reglos wie möglich. C.C. Catch. Links das Meer. We are living in a heartbreak hotel. Rapsfelder. Für Stunden.

raps

An den Autogarăs in Tulcea, Isaccea, Luncavița ist die Armut besonders sichtbar bei  älteren Männern. Sie sind zu warm angezogen, mit wollenen Pullovern und Hosen, die vom Staub stumpf sind und dabei glänzen, so wie ihre Sakkos, die sie auch bei größter Hitze tragen. Die Hosen sind über die Taille hinaus gezogen, bis unter die Rippenbögen, wo sich die Körper, magere Körper, ein Stück nach innen wölben.

Es ist vielleicht der einzige Anzug, den die Männer haben und den sie zu jeder Jahreszeit tragen, dann, wenn sie vom Dorf in die Stadt fahren, oder wenn Sonntag ist. Das Festhalten an diesem Prinzip, für das vor Jahrzehnten diese Hosen, Hemden, Pullover, Jacken, manchmal Hüte gekauft wurden, die jetzt völlig verschlissen sind, zeigt die Armut, eine Armut, die für die Männer Gewohnheit ist oder auch etwas anderes, als ich mir vorstellen kann.

Von der Donau aus kommend hat Galați von weitem das Panorama einer Kapitale, mit einer Skyline nicht aus Stahl und Glas, sondern Beton. Näher kommend zerfasert der Eindruck von Gefüge, auch der von Größe. Städte, denen man sich vom Wasser aus nähert, richten ihre Architektur vermutlich auf diese Perspektive aus, die man von ein paar hundert Metern Entfernung hat. Galați hat auch, wie alle Städte Rumäniens, die ich in diesem Jahr besuche, einen kleinen historischen Kern, der gerade aufwändig renoviert wird und mit Planen überdeckt ist, auf denen die Häuser in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts abgebildet sind, und die gleichen Bilder hängen in allen Restaurants und Cafés der Stadt, die etwas auf sich halten. Mehr als in anderen Städten, die ich besuche, kreuzen Hunde wie verrückt die Straße, immer zwei oder drei hintereinander, und beschnüffeln sich unter dem Gehupe der Autos die Hintern. So zeigt sich hier der Frühling.

Von Odessa träumt in Galați niemand. Deshalb gibt es keine Busse, nicht einmal welche, die überhaupt über die Grenze fahren, und nur einen Zug, der mit einem Umweg über Chișinău 33 Stunden braucht – nach Odessa, das etwa 300 km von Galați entfernt ist. Verkehrswege zwischen Ländern sind immer nur so gut wie ihre Beziehungen oder ihr Interesse aneinander.

Einen Bus nach Odessa gibt es erst hinter der ukrainischen Grenze, in Reni.

Diese Information habe ich von einem Online-Portal, auf dem Menschen Fragen stellen, zum Beispiel, wie man von Rumänien nach Odessa kommt. Die Antworten auf diese Frage sind weniger Information als Berichte breit ausgeschmückter Abenteuer. Jede Antwort fügt weitere Abenteuer hinzu, während die Information stets ambivalent und widersprüchlich bleibt (zum Beispiel wo und wie oft – täglich oder zwei bis drei mal wöchentlich? – in Reni Busse nach Odessa fahren). Menschen erzählen von Reisen und Grenzüberfahrten wie von einem rite de passage, dessen Geheimnis sie für sich behalten.

Das Geheimnis von Grenzen. Am nächsten Morgen stehe ich mit einem Taxifahrer und einem Freund, den er mitgebracht hat, am Grenzposten, zehn Kilometer von Galați entfernt. Der Taxifahrer und der Freund sind sich nicht einig, welches Land dahinter beginnt. Sie sind aus Galați, aber sie wissen es nicht. Ist es die Ukraine, wie der Taxifahrer und ich glauben, oder Moldova, wie der Freund sagt? Wir fragen den Grenzer. Es ist die Republik Moldova. Ein schmaler Streifen trennt seit 1991 Rumänien und die Ukraine, knapp zwei Kilometer breit an dieser Stelle. Jetzt gibt es zwei Grenzen, hintereinander.

Regeln, die immer anders und nicht zu begreifen sind (die erste Grenze darf man nicht zu Fuß überqueren, die zweite schon), Rituale von Macht und Ohnmacht, nach denen geprüft und durchgewunken und festgehalten wird, die Beobachtung, dass das Land, in das man eintritt, die Erde, die Bäume, die herumstreunenden Hunde, nicht anders aussehen als in dem Land, das man hinter sich lässt.

Grenzen machen mir dünne Nerven. Grenzen sind Grenzen, sagt der Taxifahrer, der die Grenze nicht überqueren darf, weil er keinen Reisepass hat, und winkt heranfahrenden Autos, die mich mitnehmen sollen, und ein paar Minuten später steige ich auf die Rückbank eines Dacia zwischen zwei Männer mit müden Gesichtern und Händen, die aussehen wie mit Luft gefüllt, schwarz und geschwollen von Arbeit. Die Männer sind aus Giurgiulești, dem ersten Ort hinter der Grenze. Im Kofferraum liegt mein Koffer auf Säcken von Zement und Hühnerfutter.

Am nächsten Grenzposten muss ich aussteigen und erklären, warum in meinem Pass als Wohnort Berlin, als Ort der Ausstellung des Passes aber Freiburg eingetragen ist. M-am mutat de la Freiburg la Berlin, Freiburg nu-i bun, sage ich, und die Frau nickt, und ich darf weiter. Zu Fuß, ein Kilometer durch Moldova. Grenzland, Niemandsland. Ich drehe mich immer wieder um, aber da ist nichts, weder Autos noch Fußgänger. Ich habe Angst wie in einem Traum. Ich werde verfolgt, oder ich komme niemals an, oder es ist niemand da außer mir, oder ich bin niemand. Ein Gefühl, als seien Gewehrläufe auf mich gerichtet und die Konzentration von Menschen, die mich beobachten. Aber es ist nur meine eigene.

Die ukrainischen Grenzer wollen in meinen Koffer schauen und wissen, ob ich nur zu Besuch komme, oder was ich vorhabe und wie lange ich vorhabe zu bleiben. Dann bekomme ich einen Stempel und bin in der Ukraine. Jetzt geht es leicht. In der Schlange von Autos geht eine Tür auf und ein Mann winkt mich heran. Reni, frage ich, und der Mann nickt und stellt ohne weitere Fragen meine Sachen in den Kofferraum. Hinten sitzen zwei Kinder, das beruhigt.

Boris ist auch aus Giurgiulești. Er fährt zum Einkaufen die acht Kilometer nach Reni, Lebensmittel und Werkzeuge sind billiger in der Ukraine als in Moldova. Er arbeitet in Giurgiulești am Hafen, sein Sohn auch. Sie haben Mittagspause. Der Sohn ist um die Zwanzig und macht ein Fernstudium, irgendwas mit Kommunikation, die Tochter auch. Es gibt noch eine fetița zu Hause, zwei Jahre alt, Boris selbst ist Jahrgang ’70. Ich habe ihn auf 50 geschätzt.

Boris fährt mich zum Busbahnhof von Reni, wo gleichzeitig auch Markt ist. Ich muss Geld tauschen, und Boris nimmt mir die Kamera und die Tasche aus der Hand und winkt mir, ihm zu folgen. Der Koffer ist im Auto. Alles sicher, sagt Boris, aber ich mache mir nicht darum Sorgen, sondern um seine Kinder, die er warten lässt. Schwarz auf dem Markt kann das Geld nicht gewechselt werden, weil ich nur rumänische RON habe, weder Euro noch Dollar. Boris ist in Eile und schwitzt, aber es ist gegen sein Prinzip, mich hier allein zu lassen. Ohne Russisch sei es unmöglich, nach Odessa zu fahren, sagt er. Ich dürfe auch mein Portemonnaie nie so in den Händen tragen wie jetzt. Odessa e mama Mafiei, Odessa ist die Mutter der Mafia. Er fragt, was ich dort mache, ob ich jemanden dort kenne. Es bewegt ihn und wundert ihn, und mich jetzt auch, wie man so naiv und informationslos in ein fremdes Land reisen kann.

Boris‘ Prinzip kommt aus der Bibel. Fă bine, tue Gutes. Er bezieht daraus eine archaische Freundlichkeit, in der gläubige Menschen immer ein wenig naiv wirken und wie aus der Zeit gefallen. Ich denke später im Bus darüber nach, nachdem Boris noch eine Stunde mit mir durch Reni gelaufen ist, auf der Suche nach einer Bank, die meine deutsche EC-Karte akzeptiert (bei Raiffeisen klappt es schließlich).

Altruismus, denke ich, ist immer auch Egoismus, es gehört zu einem guten Selbstbild, dass man anderen hilft und man würde sich quasi selbst beleidigen, wenn man es nicht tut. Da Altruismus hier, in der Ukraine, Moldova, Rumänien, noch stark religiös verankert ist, würde man aber nicht nur sich selbst beleidigen, sondern Gott. Anderen zu helfen ist tatsächlich noch ein religiöses Gebot. Es zu befolgen hat also nur insofern etwas Egoistisches, als dass man fürchtet, ein Nichtbefolgen des Gebots könnte böse Folgen für einen selbst oder die Familie haben. Vielleicht geht aber diese Einsicht, von meinem nüchtern-säkularen Standpunkt aus gedacht, schon weit an dem Impuls vorbei, mit dem ein Mann wie Boris mit einer Fremden eineinhalb Stunden durch die Stadt läuft, um sie in einen Bus nach Odessa zu setzen.

Am Stadtausgang von Reni hält der Bus am Café West, dann fährt er über Land, und die Rapsfelder vor dem türkisfarbenen Himmel sind wie die ukrainischen Nationalfarben. Dazwischen Wiesen, mit einem Grün, das nur der Frühling hat, fast neonfarben, besonders in den frischen Blättern der Bäume. Die Farben scheinen ins Gras und in die Felder zu fließen, wie auf einem schief gehaltenen Bild versammeln sie sich hier, leuchtend, während sie dann in den Dörfern fehlen. Dort ist die Farbe der Häuser verblichen, grauer und brauner Putz, ein wenig Blau an Zäunen und Dachfirsten. Und aus diesem blassen Gefüge erheben sich, plötzlich nach einer Kurve, die goldenen Kuppeln der Kirchen, unwirklich und strahlend wie Jeff-Koons-Figuren. In jedem grauen Dorf auf einmal dieses unfassbares Strahlen.

Mai 2015

west

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Über Julia Jürgens

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