Notizen aus Odessa I

Odessa, 16.5.2015

Staunen beim Einfahren wie bei Mondladung: Es sieht so aus, wie es ausgehen hätte, wenn ich es mir hätte vorstellen können.

Schattige Alleen, die Häuser ausgehendes 19. Jahrhundert, im richtigen Maße renoviert und verfallen, in der Regel also gut erhalten, eine in gedeckten Farben leuchtende Stadt, helles Blau an Häusern, das sich mit weißen Stuck und schmiedeeisernen Balkonen so wunderschön ergänzt, wie beim Museum für westliche und östliche Kunst.

Vor allem die Häuser und die Bäume ziehen die Blicke auf sich: Die mit so viel Pracht verzierten Fassaden (Figuren, Stuck, Balkone, Tore, Türen), gelb, blau, hellgrün, keine Farbverirrungen. Eine unversehrte Stadt, das ist so ungewohnt. Im Bereich des Zentrums fast nur alte oder alt scheinende Häuser, hier ist ein Stil durchgehalten, hier war und ist Geld.

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Ich kann leider nur unzureichend die Art der Verzierungen und Baustile der Häuser beschreiben, mir fehlt ein ganzes Vokabular, und ohne Beschreibung fange ich auch die Schönheit nicht ein, das tut mir leid.

Die Schönheit, die sich aus der Ähnlichkeit der Häuser in Höhe, Bauweise, Farbe ergibt, ist nämlich einzigartig. Ich habe so eine sich von selbst ergebende, in gleicher Anmut nach links und rechts sich immer weiter verzweigende, ohne Pause und Unterbrechung schön seiende Stadt noch nie gesehen.

Auch mit der Kamera lässt sich die Schönheit nicht einfangen, waagerecht in die Straße hineinfotografiert, rücken die Häuser seitlich zu bescheiden in den Hintergrund, die Bäume, zu denen ich gleich noch mehr sage, sind nicht deutlich genug erkennbar, und die Harmonie aller Teile wird durch die Undeutlichkeit aller Teile nur unbefriedigend abgebildet.

odessa7Auch hochkant geht es nicht, weil man so immer nur ein Haus, oder zwei, aber nicht den Eindruck einer Straße erfasst. Und schon der Eindruck einer Fassade oder der Bäume, wie das Auge sie in den Blick nimmt – von unten nach oben gehend – schafft die Kamera nicht mit einem Bild, nur mit einem Schwenk würde es gehen.

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Auch die Proportionen verziehen sich, weitwinklig gerät die Flucht nach oben zu steil, und die Horizontale liegt nicht gerade, auch so kommt die Harmonie nicht zustande. Es gibt nicht den idealen Standpunkt, um den Eindruck, den man hat, einzufangen.

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Erstaunlich sind die Bäume, jede Straße ist mit Bäumen bepflanzt, das trägt entscheidend zum Eindruck bei. Die Bäume, die meist etwas schief stehen, um sich zum Licht zu neigen (oder aus einem anderen Grund), gehören sozusagen zu den Fassaden und verzieren sie zusätzlich als Schräge und durch die Schatten des Blätterwerks. (Das zum Beispiel sehe ich erst richtig auf den Fotos)

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Linden, Akazien, Kastanien, der französische, für den Aufbau der Stadt verantwortliche Architekt (Volant?) [de Voland, die Red.] hat die Bäume pflanzen lassen im ausgehenden 18. Jahrhundert, um für Schatten zu sorgen. Die Stadt ist quasi überdacht. Die Bäume sind hoch und gut gepflegt, sie stehen in rechteckigen, von knöchelhohen verzierten Eisenzäunen umgebenen Erdstücken, die ich einige Bewohner tagsüber gießen sehe.

Überall stehen Blumenkübel. Die Bürgersteige sind eben gepflastert, sehr sauber. Das Kunstwerk der Stadt scheint viel Reinigung und den Respekt der Einwohner zu erhalten. (Keine Kaugummiflecken, keine Zigarettenstummel, wenig Graffitti).

Einige Hunde und Katzen streifen umher. Sie sehen nicht orientierungslos aus und einigermaßen wohlgenährt. Freundlich, nicht aggressiv, anders als in Rumänien. Die Bedingungen scheinen auch für sie gut zu sein, oder die guten Bedingungen lassen sie so erscheinen. (Auch die Hunde flanieren in Odessa, steht im Reiseführer).

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Der Geist von Odessa ist ein vergangener, aber einer von Aufbruch und dem Willen, etwas Besonderes, Einzigartiges zu schaffen, das ist überall zu spüren. Die Stadt war ein Projekt: Als türkische Festung Ende des 18. Jahrhunderts erobert, war Odessa eine freie Stadt, ohne König, mit freiem Handel. Der Hafen ließ viele reich werden und setzte riesige Warenmassen um. Armenier, Juden, Italiener, Franzosen, Russen, Deutsche kamen. Der Typ, der weiß, wie man zu Geld kommt, der Schlawiner, der șmecher, der heute der abgestumpfte, stiernackige Ringer ist, damals hatte er mehr Klasse. Mehr etwas Spitzbübisches, wie in den von Odessa überlieferten Legenden (die Orangen-Legende*; die Stadthalter Potjomkin und Richelieu, die Verhältnisse mit der Zarin Katharina hatten, von ihr begünstigt wurden und die Gunst dann Odessa zuteil werden ließen).

Das atmet die Stadt. Ein Ideal. Ehrgeiz. Etwas Amerikanisches (von unten bis ganz oben ist nicht unmöglich), etwas Verschwenderisches, Europäisches. Dekadenz. Viele Einflüsse von überall her, französische, italienische, holländische Architekten, die besten ihrer Zeit.

Sie wurden nicht gezwungen, hier zu bauen. Hier scheint nichts Zwang, hier sieht man den Gedanken von Freiheit und Harmonie. Von etwas Großem, von Größenwahn auch.“ (…)

Odessa4Odessa5odessa6odessa9odessa10odessa15Odessa3odessa16odessa8odessa17odessa15aodessa19* Die Orangen-Legende (laut Reiseführer):

Als Paul I, Sohn der Zarin Katharina, an die Macht kam, wollte er alle Projekte seiner Mutter stoppen, die er über alles gehasst hatte – vor allem das Projekt Odessa. Als im Jahr 1800 Odessa ein Darlehen von 250.000 Rubel beantragte, um den Hafen auszubauen, ließ er Zeit verstreichen und antwortete nicht. Da ließ die Stadt 3000 Apfelsinen nach St. Petersburg schicken, 3000 Apfelsinen waren im eiskalten St. Petersburg eine Sensation. Paul I gab dem Darlehen statt. Heute erinnert eine große Apfelsine vor dem Archäologischen Museum daran.

 

 

 

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