Ich habe alles gesehen. Die Reisekrise

Ich habe auf der letzten Reise eine Entdeckung gemacht. Ich reise nicht mehr so gern. Eigentlich habe ich das schon vorher gespürt, deshalb wollte ich erst gar nicht fahren. Für jemanden, der einen Reiseblog hat, ist das eine traurige Entdeckung. Ich reise zwar nicht nur, um zu schreiben. Aber ich schreibe nur, wenn ich reise. Das sind wenige Wochen im Jahr. Es wären mehr, viel mehr, habe ich bis dahin gedacht, wenn ich nur mehr als 30 Urlaubstage hätte. Wie alle Mutmaßungen darüber, was man tun würde, wenn man könnte, war aber auch diese halbherzig. Man würde eben nur, wenn man könnte. Solange bis man kann.

Aus diesem Grund habe ich seit Jahren Angst, bei der Verlosung des Grundeinkommens zu gewinnen, oder, schlimmer noch, beim Lotto. Dann, wenn alles möglich wäre, würde man ja merken, was möglich ist. In dieser Lage war ich zum Glück nicht. Und trotzdem kam mir meine Reiselust plötzlich unecht vor. Schal. Erst dachte ich, sie würde vielleicht wiederkommen, so wie die Leidenschaft in einer Beziehung manchmal. Aber eine Woche bevor die Reise losgehen sollte, war sie noch nicht wieder da. Sie kam nicht, als ich den Reiseführer über Moldova las („ein liebenswerter kleiner Staat im Osten Europas“), und auch nicht, als ich mich probeweise auf google maps an die Ukraine heranzoomte. Städte, erst ganz nah beieinander, rückten voneinander weg, und dazwischen zogen sich gelbe Straßen auf, die ich entlangfahren würde. Eine Vorstellung, die mich elektrisiert, normalerweise.

Warum das nicht mehr so ist, darüber habe ich während der Reise nachgedacht. Im Nachtzug von Berlin nach Budapest, von Bukarest nach Chișinău, von Przemyśl nach Poznan und auf all den langen Busfahrten dazwischen. Beim Fahren kann ich gut nachdenken, besonders nachts. Und ich glaube, es liegt daran: Ich habe das alles schon gesehen.

Ich meine nicht die Orte, die ich gut kenne, weil ich sie oft besuche, wie Sibiu. Ich meine Orte, an denen ich noch nie war. Das Gefühl, schon einmal dort gewesen zu sein, stellt sich nach wenigen Minuten ein. Ich weiß nicht, wann das Wie anfing. Dass Bukarest wie Paris war, Lemberg wie Wien, Chișinău wie Kaliningrad. Reiseführer prahlen immer mit solchen Vergleichen, aber im Grunde sind sie der Alptraum jeden Entdeckers. Der Bahnhof, die Hauptstraße, die Straßencafés – jeder Ort erinnert sofort an einen anderen. Das ist natürlich eine Folge des Reisens und des sich anhäufenden Wissens. Aber es fällt mir nicht nur beim Reisen auf. Bei Menschen geht es mir genauso. Bei Kleidern. Und bei vielen anderen Dingen. Der gelbe Rock, den ich mir letzte Woche gekauft habe, ist ein bisschen wie der, den ich als Teenager hatte. Das Lied im Radio, das neue von hm hm hm, klingt wie der Hit damals von mh mh mh. Wie er heißt, fällt mir typischerweise nie ein, aber ich weiß: Ich habe ihn schon gehört.

Es gibt, so glaube ich, von allen Dingen und Wesen nur eine endliche Zahl von Grundtypen. Und die müssen sich irgendwann wiederholen. Bei Männern fiel mir das als erstes auf. Männer, die mir heute begegnen, und die ich nicht kenne, sind in ihren Grundzügen alle unter einen Mann zu subsumieren, den ich schon kenne. Vom Typ her. Es gibt vielleicht vier oder fünf Grundtypen, die sich stark vereinfacht auf einige Charaktereigenarten und Äußerlichkeiten herunterbrechen lassen, so wie die Figuren bei der Commedia dell‘ Arte: Der Harlekin (der ewige Spaßmacher), der Dottore (weiß zu allem was zu sagen, hat aber eigentlich keinen Durchblick), Pantalone (reicher Kaufmann mit Präferenz für junge Mädchen, der heutige Sugar-Daddy) usw. Die Männer-Typen sind andere und in Wirklichkeit immer komplexer. Aber von der Idee her sind sie Typen. Vielleicht sagt man deshalb auch: Der Typ.

Bei Städten ist das auch so. Die Grundstruktur kann architektonisch und historisch erklärt werden – die mittelalterliche Stadt, die sozialistische Stadt – und individuell emotional, wie die Männer-Typologie auch. Ich fühle, wenn mir Bekanntes begegnet, es in Strukturen zu beschreiben ist weniger leicht. Die Erkenntnis, dass es solche Strukturen gibt, hat bei Städten und Männern aber eine ganz unterschiedliche Konsequenz. Bei Männern ist sie positiv. Der Gedanke, dass jemand mit neuen, nie dagewesenen Eigenarten daherkommen könnte, verschwindet mit der Erfahrung, dass es eben nur die Grundtypen gibt. Wie die Grundfarben. In unterschiedlicher Mischung und Schattierung. Das klingt vielleicht resigniert, aber so meine ich es gar nicht. Im Gegenteil. Es ist toll. Struktur ist ein Nadelöhr, mit dem man seine Wahrnehmungen verengt. Man sieht die Dinge besser, die wichtig sind. Sie fallen sofort ins Auge.

Beim Reisen aber ist genau das enttäuschend. Man möchte nie dagewesenes, immer wieder.

Ob gut oder schlecht – es ist logisch, dass man, je länger man auf der Welt ist, immer mehr Ähnlichkeiten erkennt. Vielleicht erscheint es auch nur logisch, weil andere es schon so klug durchdacht haben: Wie Ähnlichkeiten im Vergleich entstehen und Strukturen bilden, aus denen wiederum unsere Wirklichkeit entsteht. Mit der These wurde vor über 70 Jahren der Strukturalismus begründet. Einer seiner Vordenker war der Ethnologe Claude Lévi-Strauss. Über ihn habe ich meine allererste Seminararbeit geschrieben, im Wintersemester 96/97. Es ging um indianische Mythen und die These von Claude Lévi-Strauss, dass in allen diesen Mythen eigentlich nur ein einziger steckt. Nämlich der Mythos vom Vogelnestausheber. Darin befiehlt ein Vater seinem Sohn, auf einen Baum zu klettern, der so schnell wächst, dass er nicht mehr herunterkommt. Das ist auch die Absicht des Vaters, einer Art Halbgott, der sich in eine der Frauen des Sohnes verliebt hat. Der Sohn wird schließlich von zwei Schmetterlingen gerettet, der Vater stirbt.

Nach Ansicht von Claude Levi-Strauss sind alle indianischen Mythen Nordamerikas Transformationen dieser einen Geschichte. Das war damals schwer zu begreifen. Ich fand es absurd. Claude Lévi-Strauss hatte 813 Mythen von weit voneinander entfernten, über ganz Nordamerika verstreuten Stämmen zusammengetragen und untersucht. Die, die ich las, klangen ziemlich verschieden. Wie konnten sie alle die gleiche Geschichte erzählen?

Heute denke ich, ich weiß, wie Lévi-Strauss darauf kam. Er las die Mythen womöglich mit dem Gefühl, das ich auf Reisen habe. Alles, was er sah, las oder hörte, hatte er schon einmal gesehen, gelesen oder gehört. Es hatte alles das gleiche Muster. Vielleicht sind das Beobachtungen, die Menschen ab 40 überall auf der Welt machen. Vielleicht ist der Strukturalismus aus diesem Lebensgefühl heraus entstanden. Aus einer Art Müdigkeit. Claude Lévi-Strauss war jedenfalls 41, so alt wie ich, als er seine erste Studie über Verwandtschaftssysteme veröffentlichte, die heute als bahnbrechend gilt. Darin beschreibt er Beziehungen als universelle Strukturen, die in jeder Kultur ähnlich auftauchen.

I HAVE SEEN IT ALL. Dieses so schwer zu widerlegende Ü-40-Gefühl. Beim Reisen taucht es in vier Grundtypen auf:

  1. Ich habe das alles schon einmal gesehen, und wenn ich es noch einmal sehe, erinnere ich mich daran, wie ich es damals gesehen habe, und die Erinnerung überdeckt das, was ich wahrnehme

  2. Ich habe das alles schon einmal mit x gesehen, und es wird mich immer an x erinnern, auch wenn ich noch einmal mit y hinfahre

  3. Ich habe natürlich nicht alles gesehen, aber das was ich nicht gesehen habe, interessiert mich auch nicht (You haven’t seen elephants, Kings or Peru/ I’m happy to say I had better to do)

  4. Ich habe natürlich noch nicht alles gesehen, aber ich sehe in allem, was ich sehe, Bekanntes, und damit erkenne ich das, was neu ist, nicht mehr.

Wie man unschwer erkennen kann, hat das Reisen zwei Probleme. Oder Herausforderungen. Das Alter und die Liebe. Über das Alter und das Reisen schreibe ich beim nächsten Mal.

Der Song zum Text kommt von: Björk

I have seen it all
I have seen the trees
I have seen the willow leaves
Dancing in the breeze

I’ve seen a man killed
By his best friend,
And lives that were over
Before they were spent.

I’ve seen what I was
And I know what I’ll be
I’ve seen it all
There is no more to see

You haven’t seen elephants
Kings or Peru

I’m happy to say
I had better to do

What about China?
Have you seen the Great Wall?

All walls are great
If the roof doesn’t fall
And the man you will marry
The home you will share

To be honest
I really don’t care

You’ve never been
To Niagara Falls

I have seen water
It’s water, that’s all

The Eiffel Tower
The Empire State

My pulse was as high
On my very first date

 

 

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Über Julia Jürgens

Bloggen | Reisen | Süd | Ost | Europa
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2 Antworten zu Ich habe alles gesehen. Die Reisekrise

  1. Adelheid Maubach schreibt:

    Liebe Julia, mit Interesse habe ich alle Deine interessanten Beiträge gelesen, zumal ich auch ein Rumänien-Fan bin. Zu Deinem Reise-satt-sein will ich Dir schreiben, dass es eine höchst abenteuerliche Reise gibt, nämlich die zu uns selbst. Ich bin Psychologin, daher kommt die Überzeugung, dass das die spannendste Reise ist 🙂 Liebe Grüße, Adelheid

    • Julia Jürgens schreibt:

      Liebe Adelheid,
      vielen Dank für Deine Nachricht!
      Das ist tatsächlich eine spannende Reise, allerdings kann sie auch zu Ermüdungserscheinungen führen. 🙂 Denn Wiederholungen begegnen einem auch auf dieser Reise allzu häufig. Und doch kommt immer wieder etwas Neues. Von daher hast Du recht.
      Herzliche Grüße, Julia

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