Hoia Baciu

Hoia Baciu ist ein Wald westlich von Cluj, im Norden Transsilvaniens, dem Land ‚jenseits der Wälder‘. Aus ungarischer Perspektive, aus der sich der Begriff ableitet, beginnt es hinter dem Apuseni-Gebirge. Da, wo Transsilvanien anfängt, hören die Wälder aber nicht auf, sie ziehen sich an den Karpaten entlang in einem Bogen durch ganz Rumänien, im Norden sind sie besonders dicht. Dort, aber auch anderswo, fallen große Teile des Waldes seit Jahren einer meist illegal betriebenen Abholzung zum Opfer. Vor diesem Hintergrund betrachtet hat Hoia Baciu ein glückliches Schicksal. Niemand traut sich an ihn heran, um Holz zu stehlen. Hoia Baciu ist ein Geisterwald.

Einer Legende nach ging einst ein Schäfer mit seinen 200 Schafen in den Wald hinein und verschwand darin. Spurlos, mitsamt der Schafe. Einer anderen Legende nach war es ein Mädchen, das im Wald verschwand und nach fünf Jahren wieder auftauchte, keinen Tag gealtert. Strigoi und Ele, Untote und weibliche Sirenen-Geister sollen den Wald bewohnen, heißt es, und dass Einwohner der an Cluj angrenzenden Dörfer, aber auch ältere Stadtbewohner den Wald noch heute nicht oder nur mit Bedenken betreten.

In moderneren Legenden verschwindet niemand mehr, sondern es taucht etwas auf: UFOs und Erscheinungen, die Menschen im oder über dem Wald gesehen haben, Licht- und Wasserströme, nebelhafte Schemen in menschlicher oder tierhafter Gestalt. Diese Legenden gehen mit Fotos einher. Sie zeigen die Anwesenheit von etwas, das mit bloßem Auge nicht zu erkennen war, nun aber sichtbar gemacht ist, scheinbar, als Beweis. (Die Technik hält dem Wald aber nicht immer stand. Volle Akkus und Batterien leeren sich auf unerklärliche Weise, heißt es, und legen Handies und Kameras lahm.)

1968 erschien Hoia Baciu mit einem Foto in der internationale Presse. Es zeigte einen ringförmigen Gegenstand am Himmel, der als die überzeugendste Abbildung eines UFOs bis dato gewertet wurde. Anhänger der Parapsychologie, die damals einen weltweiten Boom erlebte, pilgerten nach Cluj, vor allem aus den USA, aus Frankreich, Deutschland und Ungarn. Bis Ende der 70er Jahre das Interesse an paranormalen Phänomenen verschwand und nur die Einheimischen den Wald nicht vergaßen.

hoi_1Heute kommen Touristen, die meisten derzeit aus Australien, sagt Alex Surducanu. Er hat mit seinem Freund Marius Lazin vor drei Jahren das Hoia Baciu Project begründet. Der Name erinnert nicht zufällig an das Blair Witch Project – ähnlich wie der Film, soll das Projekt, das den Geisterwald touristisch wiederbeleben will, mit wenig Budget und viel Grusel die Massen anlocken. Touristen mögen Grusel, das zeigt der Dracula-Mythos, Rumäniens erfolgreichste Besucher-Attraktion. Alex glaubt, dass Hoia Baciu an die Bekanntheit Draculas irgendwann anschließen könnte, er möchte die Idee aber nicht ausschlachten. Sein Projekt soll nachhaltig und ökologisch sein, sagt er, und nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische einen Nutzen haben.

Ich treffe Alex in Cluj, um mich von ihm durch den Geisterwald führen zu lassen. Das Hoia Baciu Project bietet eine Short Day Photo Tour, eine Extended Night Photo Tour und eine Zelt-Übernachtung im Wald. Ich habe mich für die Tagestour entschieden. Als einzige an diesem Tag, noch scheint Hoia Baciu ein Geheimtipp zu sein. Obwohl BBC Travel den Wald 2013 zu den fünf ‚World’s Most Haunted Forests‘ zählte (auf Platz 2 der Schwarzwald übrigens) und ein Jahr vorher der Discovery Channel einen Bericht brachte. Ob das Hoia Baciu Project das neue Medieninteresse befördert hat oder umgekehrt die Medien das Projekt erst angestoßen haben, lässt sich nicht genau sagen.

hoi_2Im Online-Anmeldeformular für die Führung sind unter den Kontaktdaten auch die Erwartungen zu nennen, die man an die Tour hat, und ich habe ein Häkchen gesetzt bei: – Enjoy the nature (have a chill walk), – Get informed (stories and legends of the forest), – Get connected (meditation and rituals). Ich habe kein Häkchen gesetzt bei – Get scared (unexplained phenomena). Man könnte meinen, damit den Kern eines Geisterwaldes zu verfehlen. Aber es geht, das versteht man schon bei der Buchung, auch nicht nur um Grusel. If you travel a lot but didn’t find yet that „something“, steht auf der Website,… make yourselves a gift and come to Romania!

If you didn’t find yet that „something“. Dieses Etwas, das ist die Versprechung. Sie scheint nicht sehr verschieden von der eines Yoga-Retreats, eines Hochseil-Gartens oder eines Dating-Portals. We are here to help you make it your lifetime experience. Ein universales Versprechen wie dieses suggeriert heute vorab typischerweise eine Wahl an Möglichkeiten, wie dieses Erlebnis beschaffen sein soll. So, als könne man entscheiden, was man erlebt – enjoy the nature, get informed, get connected – und das Erlebnis dann gewissermaßen bestellen wie in einem Restaurant das Essen.

Ein seltsamer Widersinn: Man soll bereits wissen, was man sucht und dennoch eine unvorhergesehene Überraschung erleben. Das ist die Crux des Online-Datings und die Illusion der Wahl von Erfahrung überhaupt. Von Leben überhaupt, vielleicht. Hier wird es besonders deutlich: Wie kann ich wählen, was ich in einem Geisterwald erleben möchte, wenn dessen Wesen doch gerade darin besteht, Phänomene jenseits des Erwartbaren zu produzieren (that „something“)?

hoi_3Der Wald sieht zur Mittagsstunde freundlich aus. Lichtflecken tanzen über dem Boden, und trotz der Sonne ist es angenehm kühl. Alex geht voraus und erzählt, während wir uns durch das Dickicht fernab der Wege schlagen, von den merkwürdigen Begebenheiten des Waldes. Für jede liefert er eine mögliche rationale Erklärung: Die Laute, ein Wimmern oder Weinen, das Besucher oft hören, können von sich im Wind biegenden Ästen oder von Tieren kommen oder auch von echoartig aus der Ferne übermittelten Geräuschen. Die Schatten und vermeintlichen Gesichter auf Fotos von technischen Fehlern oder, natürlich, Photoshop. Die ohne jeden Zweifel wahrnehmbare Besonderheit der Bäume, ihre gekrümmten und teils kurvig wachsenden Stämme, könnten durch magnetische oder leichte radioaktive Strahlung des Bodens hervorgerufen werden oder durch Schädlinge, die das Erbgut der Bäume beeinträchtigen.

Das müsse sich doch aber herausfinden lassen, meine ich. Müssten sich Biologen nicht herausgefordert sehen, hinter das Geheimnis des Waldes zu kommen? Es gibt bisher nur verschiedene Theorien und es werden immer noch Untersuchungen durchgeführt, die bisher ohne Ergebnisse sind, sagt Alex. Sichtbar ist, dass das Wachstum der Bäume etwas durcheinanderbringt. Die Stämme wachsen nicht nur nicht gerade nach oben, sie ändern auch teilweise komplett ihre Richtung und wachsen von oben zur Erde zurück, so dass die Krone auf dem Boden liegt. Dieses Phänomen habe ich in extremerer Form schon einmal auf der Kurischen Nehrung nahe Kaliningrad gesehen, erzähle ich Alex, in einem Wald, der dort der ‚Tanzende Wald‘ und von den Einheimischen auch der ‚Betrunkene Wald‘ genannt wird. Dass der Wald dort so und hier als Geisterwald bezeichnet wird, lässt interessante Rückschlüsse auf die Mentalität der Benenner zu, finde ich. Alex zuckt mit den Schultern. Er ist sehr darauf konzentriert, mich gemäß meiner Erwartung mit Informationen zu versorgen.

hoi_4Die Führung bewegt sich von einem Baum mit ausgeprägten Anomalien zum nächsten. Je mehr Bäume ich mir genau anschaue, desto weniger auffällig erscheinen mir die Eigenarten. Ein Stamm, aus dem mehrere Stämme fächerförmig herauswachsen, ein Ast, der wie ein Torbogen über den Weg gewachsen ist, gibt es das nicht auch in anderen Wäldern? In allen Wäldern? Guckt man sonst einfach nicht genau genug hin oder hat man womöglich einen Prototyp von Wald vor Augen, der gar nicht der Wahrheit, also der Natur, entspricht? (So wie auch von Möhren, die ähnlich den Baumstämmen  überwiegend krumm und verzweigt wachsen und selten so, wie sie in Kinderbüchern und Supermärkten aussehen. Das weiß ich auch erst, seit ich einen Garten habe).

Ich bin lange nicht so aufmerksam durch einen Wald gegangen. Die Verschiedenheit der Bäume in Größe, Art und Wuchs ist bei genauer Betrachtung unfassbar. Ein Wald wie Hoia Baciu würde bei uns vielleicht „Wald der Vielfalt“ heißen, denke ich (in der Mentalität jener, die das betonen, was ihnen nicht selbstverständlich ist).

Höhepunkt der Führung ist die Poiana Rotunda, eine kreisförmige Lichtung von etwa 20 Metern Durchmesser. Sie ist das spirituelle Zentrum des Waldes, sagt Alex, hier werden die meisten Phänomene gesichtet, und hier finden heute Yoga-Workshops und spiritistische Sitzungen statt. Sehr sensible Besucher fühlen hier eine besondere Kraft, die sie positiv oder negativ empfinden. Ich schließe die Augen und erinnere mich an den Göttinger Wald, in dem ich als Kind einmal eine Lichtung entdeckte, die ich so schön fand, dass ich meinte, sie sei verzaubert und niemand außer mir könne sie je gesehen haben und tatsächlich fand ich sie selbst nur dieses eine Mal und danach nie wieder. Damals legte ich mich ins Gras und dachte, wenn ich einschlafe, werde ich an einem anderen Ort aufwachen und nie mehr in die Schule gehen. Da war auch die Idee eines  Geisterwaldes, der Traum zu verschwinden.

hoi_5Ein Geisterwald kann auch beglückend sein. So sehr, dass ich mich wundere, wie er überhaupt bedrohlich sein kann, und auch dafür hat Alex eine Erklärung: Der Wald, sagt er, bringe in jedem das zur Erscheinung, was ihn innerlich umtreibe. Er selbst zum Beispiel sei dem Wald zutiefst dankbar, denn er habe ihm die Idee gegeben, ihn zu seinem Berufsinhalt zu machen. Als er nach seinem Uni-Abschluss nicht wusste, was er machen soll, ging er tagelang im Wald spazieren gegangen, um sich zu zerstreuen. Dabei entdeckte er die besonders geformten Bäume und begann, sich für das Phänomen von Hoia Baciu zu interessieren. Kurze Zeit später startete er mit seinem Freund das Hoia Baciu Project.

Alex glaubt nicht an UFOs und Erscheinungen, wie er mir am Ende sagt. Aber er glaubt daran, dass die Menschen in Hoia Baciu das zu sehen bekommen, wonach sie suchen. That ’something‘. Das ist die neueste Legende des Geisterwaldes, eine, die sich auf harmonische Weise in die alten Legenden einfügt. Psychologie und Aberglaube, Selbstfindung und Schicksal, alles existiert nebeneinander. Ein bisschen Freud, ein bisschen amerikanischer Traum, ein bisschen Paranormalität (in anderen Worten Vormoderne). Das Besondere ist vielleicht, dass sich in Hoia Baciu alles überlagert und sich nicht gegenseitig verdrängt.

Auch Alex, der so rational argumentiert, hat einen Rest von Aberglauben. Er gehe nie zweimal an einem Tag in den Wald, weil er das ihm wohlwollende Schicksal des Waldes nicht herausfordern wolle, sagt er. Pläne, den Wald weiter touristisch zu erschließen, hat er trotzdem. Gerade ist er dabei, Karten zu produzieren, mit denen Besucher sich im Wald selbst orientieren können. Außerdem hat er die Idee, einen ökologisch nachhaltigen Themenpark aufzubauen, zu dem auch ein Zentrum gehören soll, das sich wissenschaftlich mit den Phänomenen des Waldes auseinandersetzt.

hoi_6Als er diese Idee vor kurzem öffentlich äußerte, meldete sich der Präsident der Parapsychologischen Gesellschaft Rumäniens, Adrian Pătruț, zu Wort. Adrian Pătruț, selbst eine Legende, hat Hoia Baciu jahrzehntelang untersucht und ein umfassendes Foto- und Geschichtenarchiv zusammengetragen. Er hat immer wieder selbst Erscheinungen gehabt und in Interviews ausführlich darüber berichtet. Nun warnt er vor der touristischen Öffnung des Geisterwaldes: Der Wald werde seine paranormalen Aktivitäten einstellen, wenn zu viele Menschen kommen. Durch die zu starke Stimulation, die sich aus der Interaktion mit den Erwartungen der Besucher ergibt, werde der Wald zum Schweigen gebracht. Pătruț bezeichnet das als Mimoseneffekt. Eine Kraft wie die, die in Hoia Baciu zugegen ist, fürchtet sich, öffentlich gemacht zu werden. Sie wird verschwinden, prophezeit er, und an einen anderen Ort ziehen.

Die Sorge von Adrian Pătruț lässt sich gut begreifen. Wie ein Ethnologe, der die von ihm untersuchten, fern der Zivilisation lebenden letzten Ureinwohner vor dem Einbruch der Welt schützen will, so versucht er, Hoia Baciu zu schützen, als Ur-Wald und Refugium des Alten, Schrägen und Geisterhaften, jenseits der Vernunft. Parapsychologie ist genau das, denke ich. Ein Nebeneinander von Psychologie und Aberglaube, also der Psychologie eines modernen und eines archaischen Verständnisses. In der Synthese dieser beider Vorstellungen ist Hoia Baciu ein großes Unbewusstes, ein jahrtausendealtes Unterbewusstsein als Wald. Ein Ort, wo der Geist des Menschen auf sich selbst trifft und auf den Geist und die Geister anderer. Ein Geisterwald eben.

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Der Akku meines Handies, frisch aufgeladen, war mit dem Betreten des Geisterwaldes übrigens augeblicklich leer. Aber weil es mein altes Nokia war, und der Akku nicht mehr 100%ig funktionierte (normalerweise jedoch immer mindestens vier Stunden hielt) kann diese Beobachtung hier nicht als wissenschaftliche herangezogen werden

 

 

 

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Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Hoia Baciu

  1. philippmausshardt schreibt:

    Liebe Julia,

    bietest du solche Geschichten eigentlich auch Redaktionen an? Ich habe Hoia Baciu mal an die Redaktion von „Natur“ gemailt. Wäre doch schön, wenn das nicht nur in deinem, Blog erscheint. . . .

    Sitzte in meinem Häuschen im Wald und erhole mich. Bis Sonntag!

    Gruß, Philipp

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