Hamburg

In der U-Bahn war ein Rumäne, der laut sang. Er hatte nur unten noch Zähne. Er saß gegen Fahrtrichtung am Fenster und sang nicht nur die Singstimme, sondern auch die Gitarre und das Akkordeon mit, das ihm fehlte. Das Schnarren billiger Plastiksaiten konnte er sehr gut imitieren. Ich hörte zuerst nur die Gitarre, den Anschlag und die sich ruckartig mit dem Finger über den Gitarrenhals schiebenden Slides. Meine Augen suchten den Spieler, auch andere schauten sich um, sahen niemanden mit Gitarre und hörten die Töne, es war eine fantastische Irritation. Erst eine Station weiter fing er zu singen an und alle sahen ihn.

Er hatte eine Wollmütze bis an den Rand der Augenlider gezogen und bewegte seinen Kopf im Takt des Liedes. Ich wusste, wie es klingen sollte. Unter der Bedingung, dass er keine Instrumente und oberen Zähne hatte, war der Mann sehr dicht dran. Das merkten die Leute nicht und lachten. Er hielt die Augen geschlossen und nahm niemanden wahr.

Dann wurde er lauter, die Instrumente ließ er jetzt weg.  Seine Stimme wurde zu laut für den Wagen, aber niemand sagte was. Er sang so inbrünstig. Die Leute lächelten jetzt. Er lächelte auch, mit geschlossenen Augen. Dahinter saß er zwischen seinen Kumpels um einen Tisch bei sich zu Hause oder auf einer Hochzeit oder in einer Kneipe, wo er tanzte, denn manchmal hob er die Arme und schnippte mit den Fingern. Er war Jahre zurück oder nur Stunden, bei seiner Familie oder einer Frau, irgendwo an der Alster oder in einem Dorf bei Ploeiști. Vielleicht war er die ganze Zeit in einer einzigen Szene, denn er sang immer wieder die gleiche Stelle.

Vielleicht aber hatte der Moment auch nie stattgefunden, an den er dachte. Ein Abend mit Musik, inmitten von Menschen. Vielleicht träumte er nur davon. Weil er eigentlich der ist, der allein am Tresen sitzt und irgendwann anfängt zu singen, wenn er betrunken ist. Der alle nervt, bis einer aufsteht und ihn rausschleift und ihm eine reinhaut, weil er dabei noch blöd grinst. So hat vielleicht er seine Zähne verloren. Aber das ist ihm egal jetzt.

Ich überlege manchmal, wie Deutsche singen würden, in einer U-Bahn in der Fremde. Deutsche haben gar keine Lieder. In Sprachkursen, an Länderabenden werden sie immer verlegen. Sie sagen dann, sie können keine Strophe auswendig. Aber von welchem Lied die Strophe? Von einem Kinderlied vielleicht oder einem Schlager. Wenn sie einen Text kennen, können sie ihn nicht ohne Ironie singen. Würde man einen Deutschen in einer U-Bahn in einem fremden Land aussetzen, und er müsste mit deutscher Musik sein Geld verdienen, er würde sterben.

Ich glaube nicht, dass dass nur an Hitler liegt. Dass wir keine Lieder singen können, die man meist Volkslieder nennt, wobei ‚Volk‘ hier vor allem heißt, dass die Lieder alt sind und über Generationen weitergegeben wurden. Es gibt sicher Lieder, die man nicht mehr singen möchte, aber eigentlich kennt man eben gar keine. Weil man sie nicht braucht. Ich glaube, mehr als die Heimat ist es Sehnsucht, die uns fremd ist. Wir sind melancholisch. Aber das ist etwas anderes.

Es gibt einen Unterschied zwischen Sehnsucht und Melancholie, denke ich, als ich den Mann in der U-Bahn sehe. Sehnsucht ist warm, sie wird gefühlt, im Sehnen nach Dingen, die verloren, aber noch greifbar sind. Eine Frau oder ein Mann, ein Land, die Heimat, Kindheit. Melancholie ist kalt oder kälter und wird vor allem gedacht. Sie ist die Reflexion der Sehnsucht, eine Sehnsucht in der Theorie. Deshalb lässt sie sich so gut beschreiben.

Mehr als Sehnsucht beschäftigt Melancholie sich mit sich selbst. Sie kann andere Dinge betreffen, bleibt aber meistens bei sich. Sie ist das Leiden an sich selbst, nicht an anderen. Sehnsucht geht weiter hinaus. Sie hofft auf etwas, das die Melancholie schon aufgegeben hat. Der Melancholiker hält sich deshalb für klüger. Er glaubt verstanden zu haben, dass das, wonach man sich sehnt, nicht zu erreichen ist. Deshalb hat er immer einen leichten Spott. Damit kann er nicht gut singen. Er hat das Lied nur im Kopf. Melancholie ist ein Kopfsong. Dazu lässt sich summen, immerhin.

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Über Julia Jürgens

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6 Antworten zu Hamburg

  1. Hans vN schreibt:

    Hallo Julia, was für einen wunderschönen Beitrag (mal wieder). Und wie wahr!

  2. Tobias Huelswitt schreibt:

    True, true!

    • GM1 schreibt:

      Julia, hier noch mal. Liebe Julia Fürgens. Ich grüße Dich ganz herzlich. Ich bin der Günter aus Bremen Deutschland. Vor 31 Jahren habe ich mal die Elena Taru aus und in Pascai geheiratet. Leider ist sie einfach von mir abgehauen, sie wollte frei sein. Macht aber nix. Bin ihr nicht böse. Wäre nur neugierig was sie aus ihrem Leben gemacht hat. Alles liebe für dich. Hier meine Kunst Webseiten. http://www.plasma-kunst.de

  3. Jan Happy schreibt:

    Hey Jule,
    bei einem Kunden arbeite ich grade mit sehr netten Rumänen zusammen.
    Und eben dachte ich: Was macht wohl Julia Jürgens.
    Zack, schließt sich der Kreis.
    Viele Grüße!

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