Das Licht hinter Pisa

Das Licht hinter Pisa ist ein Los Angeles-Licht, wie eine OP-Lampe hängt es in den Bäumen und macht die Farben matt, die Wiesen und Äcker, die schon vom Winter blass sind.

Es ist auch ein Licht wie in Lissabon, als es Edek so blendete, dass er nach meiner Hand griff und sich eine Sonnenbrille kaufen musste, am Flohmarkt unten am Tejo. Das war am ersten Tag unserer ersten Reise. Ich kaufte mir ein Brillenetui von Yves Saint Laurent ohne Brille und eine Madredeus-Kassette, die ich jahrelang hörte. In meiner Erinnerung ist die ganze Reise in diesem Licht.

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Das Licht in Pisa steht nicht für sich, wie die Wahrnehmungen von Pisa nicht für sich stehen. Es haftet ihnen etwas an, wie Moos an einem Stein.

Ich fürchte manchmal, ich habe gar keine Wahrnehmungen mehr, nur noch Erinnerungen im Jetzt. Der Blick geht zurück, nicht mehr geradeaus wie früher. Ich denke nicht, das ist das Licht von Pisa oder von Florenz, sondern: Das ist das Licht von L.A. und von Lissabon, das auch in Pisa und Florenz ist. Wenn man älter wird, ist weniger, wie es ist, und mehr so wie etwas anderes.

Den ganzen Tag will ich in das Licht von Pisa zurück. Als ich aus der Flughafenhalle ins Freie trete, steht es wie eine Erscheinung am Himmel. Im Auto gleitet es von Baumkrone zu Baumkrone neben mir her und löst alles Trübe auf. Ein paar Stunden später in Florenz denke ich an dieses Licht zurück, aber noch später in Borgo alla Collina versuche ich mir das Licht von Florenz vorzustellen, wo ich doch gerade war und mir das Licht von Pisa vorgestellt habe und dachte, so war das Licht auch in L.A.

Jeder Moment hat ein Loch, in dem ich den vorigen sehe, von dem ich mir wünsche, ich wäre dort länger geblieben, mit mehr Aufmerksamkeit, und das setzt sich immer weiter fort.

Ich habe ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Licht von Florenz und Borgo alla Collina und gegenüber Florenz und Borgo alla Collina überhaupt. In Florenz im Café hätte ich mir die Umgebung einprägen müssen, anstatt an Pisa zu denken. Das Licht am Dom, das die Fassade strahlen ließ, vor dem blauen Himmel. Immerhin sah ich, und das war ein neuer, wirklich nur auf Florenz gemünzter Gedanke, dass die Stadt eigentlich für den Sommer gemacht ist. Sie erwartet Menschen in kurzen Hosen und Kleidern, die Jacken und Mützen sehen falsch aus, und die Kälte fühlt sich in den Gassen, die man nur mit Sommerhitze kennt, seltsam an. Und doch sind sie schöner so, klarer ausgeprägt.

Die Toskana ist der Landstrich mit den meisten Zypressen, sagt Mati im Auto. Sicher behaupten das Menschen in vielen Regionen der Welt, und es ist so wie mit dem Licht, das in vielen Regionen gleich zu sein scheint. Niemand wird je nachprüfen, ob es stimmt.

Zypressen sind introvertiert, finde ich, weil sie nur nach oben wachsen, nicht nach rechts oder links, sie geben ihre Äste nicht ein bisschen frei, wie Fichten oder Tannen. Im Auto kann man auch so etwas gut sagen, Fahren macht die Dinge relativ. Seltsam, dass sie gerade dann so interessant und offen erscheinen. Wenn sie so schnell verschwinden. Vielleicht ist sogar das Licht beim Fahren am schönsten.

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Die Zypressen rauschen vorbei, das fahle Gras, die schneebedeckten Berge links, die Vorstädte hinter Florenz, die Straßendörfer, das Zementwerk, Cafés mit heruntergelassenen Jalousien, Häuser, die ich mir nicht genau genug angesehen habe, um sie beschreiben zu können, die Hunde auf der Straße, eine dicke schwarzweiße Katze, eine Burg, die aussieht wie im Bilderbuch, mit Zinnen und Türmen, ein Dorf auf einem Hügel auf der gegenüberliegenden Seite, im leicht rötlichen Licht der untergehenden Sonne, einem neblig hellrot dunstigen Licht mit noch ein bisschen Gelb darin.

Und dann lassen wir das alles hinter uns und fahren in die Berge hinauf.

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Über Julia Jürgens

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