Notizen aus Odessa II

Odessa am Sonntag:

Die Verklärungskathedrale weit wie eine Bahnhofshalle, mit weißem Marmor oder Alabaster, schlicht im Verhältnis zur sonst so verschwenderischen Orthodoxie. Vor dem weißen Hintergrund sind die goldenen Ikonen besonders schön, das Blau und Rot der Gewänder. Nur am Rand sitzen ein paar Frauen, mit Kopftüchern, die ihnen sofort das Aussehen der Vorstädte und Dörfer geben, etwas Geducktes, im Urbanen Fremdes. Gleichzeitig sehen die Frauen damit so sanft und heilig aus…

Vorn der Pope und eine Gruppe von Frauen, die geduckt und mit gesenkten Köpfen vor ihm stehen, in einer Haltung von müden Pferden in der Sonne, ergeben wartend. Der Pope singsangt, die Frauen antworten vielstimmig singend als Chor, der Pope breitet ein Tuch über ihre aneinandergeneigten Rücken, die Stimmen klingen wunderschön, ein archaischer Vorgang von Zeichen, die ich nicht lesen kann.

Im Gang ein Mann in Adidas-Jogginganzug, den Blick nach oben, die Hände ineinandergefaltet; die Menschen schlüpfen hier in fremde, ihnen bekannte Rollen, die sie am Ausgang, nach wiederholter Bekreuzigung, ablegen.

Draußen Souvenirstände, Gesticktes, Matruschkas, Magneten mit odessitischen Ansichten, Ketten, Anhängern, Matrosenshirts „I Love Odessa“, Aquarelle.

Genauer hingesehen, die Verzierung der Fassaden: Fenster gestützt von pummeligen Cherubim, Frauen, nackt, Männern mit Bärten, Figuren mit Löwenköpfen und einem Körper mit Brüsten, und Männer, die die Zunge herausstrecken und mich an den Grünen Mann von Reichesdorf erinnern.

Die römisch-katholische Kirche: Dunkel, die Decke niedriger, man kommt mit den Gedanken gleich weniger weit hinaus, ist gefangen in diesem gedrungenen Raum, der nach Weihrauch riecht. Der Priester, in weiß, schwenkt Weihrauch, hebt die Arme, es sieht sehr theatral aus, aber die Stimmen sind hier auch schön und die Devotionalien-Shops gleich innen ins Kirchenschiff integriert, schon während der Messe kann man etwas kaufen.

Die Frauen, sobald sie in die Kirche eintreten, bekommen leidende und hingebungsvolle Gesichter. In der Kirche am Bahnhof neigt sich eine Frau lange an eine Ikone in einem Bild, draußen fährt der Verkehr vorbei, sind Handy-Shops, Werbeplakate von Lenovo, es ist so archaisch…

…als ob die Menschen sich hier zurückziehen, in einen einfachen, vormodernen Raum, in dem es nur feste Rollen, keine Individuen gibt. Die Frauen sind Marien und bitten und vergeben, die Männer hadern, sind in ihren Mienen schwerer lesbar, ihnen fällt die Demut schwerer vielleicht, das Leiden auch, sie sind nicht so sicher in ihrer Rolle wie die Frauen, wirken weniger verwandelt, sind so wie auf der Straße, mit Gesichtern, die nur ein wenig Stille und Demut annehmen. Nicht wie die Frauen, die wie natürlich in diese Gestalt fallen, sie scheint ihnen nah, ersehnt sogar vielleicht; für sie ist es keine Etikette, sie geben ihr Wesen in dieser Rolle ab.

Markt: Menschen vor Unmengen von Obst, Gemüse, Kartons vor und hinter sich, überladen mit Jeans, Shirts, Schuhen, Geschirr, Gebrauchsgegenständen, Schwämmen, Schuhcreme.

Zappelnde, nach Luft schnappende Fische, Krebse, die über die Gefäße krabbeln, eine Halle nur mit Fleisch, weiß gekachelt wie ein Schlachthof und stark riechend, an der Wand gemalte Bilder von Kühen auf der Weide, geführt von Mädgen mit Zöpfen.

Notizen 16.5.2015

fischeJesusOKircheOdessaBarMarkt

Und die Treppe hatte ich zuerst gar nicht als d i e Treppe erkannt, weil sie nur von unten so monumental aussieht und von oben wie eine ganz normale Treppe. Das liegt daran, dass sie sich nach oben hin verjüngt, unten 21 Meter breit ist und oben nur 13.

treppe

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Über Julia Jürgens

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