Das Licht hinter Pisa

Das Licht hinter Pisa ist ein Los Angeles-Licht, wie eine OP-Lampe hängt es in den Bäumen und macht die Farben matt, die Wiesen und Äcker, die schon vom Winter blass sind.

Es ist auch ein Licht wie in Lissabon, als es Edek so blendete, dass er nach meiner Hand griff und sich eine Sonnenbrille kaufen musste, am Flohmarkt unten am Tejo. Das war am ersten Tag unserer ersten Reise. Ich kaufte mir ein Brillenetui von Yves Saint Laurent ohne Brille und eine Madredeus-Kassette, die ich jahrelang hörte. In meiner Erinnerung ist die ganze Reise in diesem Licht.

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Das Licht in Pisa steht nicht für sich, wie die Wahrnehmungen von Pisa nicht für sich stehen. Es haftet ihnen etwas an, wie Moos an einem Stein.

Ich fürchte manchmal, ich habe gar keine Wahrnehmungen mehr, nur noch Erinnerungen im Jetzt. Der Blick geht zurück, nicht mehr geradeaus wie früher. Ich denke nicht, das ist das Licht von Pisa oder von Florenz, sondern: Das ist das Licht von L.A. und von Lissabon, das auch in Pisa und Florenz ist. Wenn man älter wird, ist weniger, wie es ist, und mehr so wie etwas anderes.

Den ganzen Tag will ich in das Licht von Pisa zurück. Als ich aus der Flughafenhalle ins Freie trete, steht es wie eine Erscheinung am Himmel. Im Auto gleitet es von Baumkrone zu Baumkrone neben mir her und löst alles Trübe auf. Ein paar Stunden später in Florenz denke ich an dieses Licht zurück, aber noch später in Borgo alla Collina versuche ich mir das Licht von Florenz vorzustellen, wo ich doch gerade war und mir das Licht von Pisa vorgestellt habe und dachte, so war das Licht auch in L.A.

Jeder Moment hat ein Loch, in dem ich den vorigen sehe, von dem ich mir wünsche, ich wäre dort länger geblieben, mit mehr Aufmerksamkeit, und das setzt sich immer weiter fort.

Ich habe ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Licht von Florenz und Borgo alla Collina und gegenüber Florenz und Borgo alla Collina überhaupt. In Florenz im Café hätte ich mir die Umgebung einprägen müssen, anstatt an Pisa zu denken. Das Licht am Dom, das die Fassade strahlen ließ, vor dem blauen Himmel. Immerhin sah ich, und das war ein neuer, wirklich nur auf Florenz gemünzter Gedanke, dass die Stadt eigentlich für den Sommer gemacht ist. Sie erwartet Menschen in kurzen Hosen und Kleidern, die Jacken und Mützen sehen falsch aus, und die Kälte fühlt sich in den Gassen, die man nur mit Sommerhitze kennt, seltsam an. Und doch sind sie schöner so, klarer ausgeprägt.

Die Toskana ist der Landstrich mit den meisten Zypressen, sagt Mati im Auto. Sicher behaupten das Menschen in vielen Regionen der Welt, und es ist so wie mit dem Licht, das in vielen Regionen gleich zu sein scheint. Niemand wird je nachprüfen, ob es stimmt.

Zypressen sind introvertiert, finde ich, weil sie nur nach oben wachsen, nicht nach rechts oder links, sie geben ihre Äste nicht ein bisschen frei, wie Fichten oder Tannen. Im Auto kann man auch so etwas gut sagen, Fahren macht die Dinge relativ. Seltsam, dass sie gerade dann so interessant und offen erscheinen. Wenn sie so schnell verschwinden. Vielleicht ist sogar das Licht beim Fahren am schönsten.

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Die Zypressen rauschen vorbei, das fahle Gras, die schneebedeckten Berge links, die Vorstädte hinter Florenz, die Straßendörfer, das Zementwerk, Cafés mit heruntergelassenen Jalousien, Häuser, die ich mir nicht genau genug angesehen habe, um sie beschreiben zu können, die Hunde auf der Straße, eine dicke schwarzweiße Katze, eine Burg, die aussieht wie im Bilderbuch, mit Zinnen und Türmen, ein Dorf auf einem Hügel auf der gegenüberliegenden Seite, im leicht rötlichen Licht der untergehenden Sonne, einem neblig hellrot dunstigen Licht mit noch ein bisschen Gelb darin.

Und dann lassen wir das alles hinter uns und fahren in die Berge hinauf.

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Den tapferen Urlaubssoldaten

Auf der Promenade vor mir laufen ein kleiner weißer Pudel, ein Mann in grüner Windjacke und eine Frau in roter Windjacke. Der Pudel läuft zielstrebig, oder er tut so. Anders als der Mann und der Frau. Auf der Anhöhe vor der Seebrücke bleiben sie stehen. Links ein paar Buden, rechts eine Schneise durch die Dünen zum Meer. Alle paar hundert Meter eine Imbissbucht. Die Fischbrötchen sind überall dieselben, Bismarck, Matjes, Seelachs, Backfisch. Man könnte hier schon was essen oder auch später. Es ist egal. Es muss nur entschieden werden. Der Hund zieht weiter, der Mann und die Frau folgen, ich auch.

Eine ganze Armee von Menschen ist unterwegs, an der Steilküste und unten am Strand. Auf dem Weg von Koserow nach Zinnowitz und die Seebrücke von Koserow rauf und runter. Nur auf Promenaden gehen Menschen so. Heben die Füße, verlagern das Gewicht, wenn es der rechte Fuß ist, nach links, ein bisschen weiter als sonst und tauschen dann die Seiten. Wie eine Pantomime vom Spazierengehen. So gehen Alte und Junge auf allen mir bekannten Seepromenaden dieser Welt.

Urlaub sieht tapsig aus. Wie soll das auch in Würde gehen, vor allem, wenn es kalt ist? In Windjacken und Trekkinghosen in Dreiviertellänge. Für Männer scheint das noch schwieriger als für Frauen. In diesen Hosen mit den Taschen an den Seiten, die leer sind und flach anliegen, weil nichts darin ist, außer einem Taschentuch vielleicht – jedenfalls kein Taschenmesser und kein Werkzeug, wofür die Taschen gemacht sind – und das lässt sie so hilflos aussehen.

Und das Gehen. Dieses Gehen auf freier Strecke, die keinen Höhepunkt hat wie ein Berg, auf dem man irgendwann ankommt. Die immer weiterläuft, scheinbar ins Unendliche. Und so laufen sie weiter, die Spaziergänger, und haben den Ausdruck von streunenden Hunden im Gesicht, diese Mischung aus Tapferkeit und Unbehagen. Die Hunde in Rumänien, die mich damit immer so rühren: Wie sie den Anschein eines autonomen und unbekümmerten Vorwärtstrabens wahren, während sie doch gequält davon sind, allein durch die Straßen laufen, ganz entgegen ihrer Bestimmung.

Nicht zu wissen, wohin man läuft, wäre hier aber völlig ok. Für den Zweck, für den die Menschen auf Usedom sind: Entspannung. Urlaub.

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Eigentlich ist es ja eher ein Auftrag: AUFTRAG URLAUB.

Einer der schwersten, den ein arbeitender Mensch zu erfüllen hat, möglicherweise. Zwei bis drei Wochen, ohne jede Vorgabe. Ohne Zeitfenster und Feedback. Ohne Struktur, außer Frühstück, Mittag, Abendessen und Schlafen. Dazwischen ist Initiative gefordert. Ein Wille. Wünsche. Impulse.

Man ist komplett auf sich angewiesen. Auf die eigene Stimme, die etwas sagt, irgendeinen Satz, der beginnt mit: Ich will. Egal was. Zeitung lesen, Seeluft riechen, schlafen, nur im Strandkorb sitzen, doch mal wieder Sex haben, vor dem Fernseher sitzen. Wäre alles ok. Wenn Urlaub nicht noch den Anspruch hätte, erlebnisreich zu sein. Die schönste Zeit des Jahres.

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Früher war das so. Früher gab es am Anfang der Ferien einen Kescher und einen Spaten. Damit haben wir Seesterne und Krebse gesammelt und Burgen gebaut. Am Ende ließen wir alles dort, die getrockneten Seesterne auf dem Balkon. Es gab Pferde, auf der Wiese gegenüber der Kurmuschel, eins hieß Juri. Nicht jeden Tag, aber manchmal durfte ich drei Runden auf ihm reiten.

In Urlaub gefahren bin ich zuletzt als Kind. Seit ich erwachsen bin, reise ich. Da passiert auf andere Weise etwas, automatisch. Dieses Jahr habe ich mich aber nach Urlaub gesehnt. Stationär, so wie ich früher mit meiner Familie Urlaub gemacht habe, in Pelzerhaken, am Meer. Jeden Tag an den Strand. Lesen, essen, schlafen. Mehr nicht.

Deshalb bin ich hier, auf Usedom. Ich habe viel Zeit. Genug, um mich zu fragen, ob ich sie richtig nutze. Beim Reisen frage ich mich das nie. Erhole ich mich? Tue ich die richtigen Dinge, um mich zu erholen? Könnte ich noch mehr tun? Die Ostsee macht einem das nicht leicht. Es regnet, bei 19 Grad. Am zweiten Tag wünsche ich mich weit weg. An einen anderen Strand, in ein anderes Leben.

Das geht auch anderen so. In Koserow, diesem spröden kleinen Ort an der schmalsten Stelle Usedoms, deuten Bars darauf hin: Die Costa-Rica-Snackbar. Die Tapas-Bar. Eigentlich fährt man doch aber an die Ostsee, weil man Ostsee will. Strandkorb, Möwen, Scholle mit Bratkartoffeln. Die Ostsee soll sich nicht schämen müssen. Auch die im Osten nicht.

Aber die, die sie und die Insel als Urlaubsort verwalten, trauen ihr nichts zu. Ihr nicht und den Urlaubern nicht, die hierherkommen. Sie bieten ihnen Dinge, die mit Ostsee wenig zu tun haben. Wenn aber schon die Insel versucht, eine andere zu sein, wie sollte sich das nicht auf die Touristen übertragen? Zum Beispiel:

Am Ende der Seebrücke in Zinnowitz ist eine riesige Tauchglocke, die aussieht wie eine umgestülpte Tasse. Einmal stündlich fährt sie wie ein Fahrstuhl nach unten, bis einen Meter über dem Meeresboden. Vor den Schiffsluken wird es langsam grün, ein kleiner Kick stellt sich ein. Vor dem Fenster gleitet eine Qualle vorbei. Kaum erkennbar in diesem irren Grün, wird sie flach und wieder rund wie ein Fallschirm. Zart schimmern ihre rosa Gefäße, die sie als Mann ausweisen, wie der Tauch-Instructor erzählt. Wunderschön. Dann werden 3-D-Brillen ausgeteilt. Der Instructor lässt die Jalousien runter, es wird dunkel. Vorn beginnt ein Film über Meerestiere. Bitte die Brillen aufsetzen. Jetzt sind nur noch Robben zu sehen, in 3D, die „größten lebenden Raubtiere Deutschlands“.

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Den Menschen wird nichts zugetraut, den Tieren auch nicht. Das zeigt auch der Tropen-Zoo in Bansin mit Papageien und Makaken. Ein noch traurigerer Fall ist das Wildlife Usedom in Trassenheide. Im Industriegebiet, neben einer Fabrik für Frischbeton. Hier, in einer alten Lagerhalle, sind die Tiere sogar ausgestopft. Tote Tiere in Lebensgröße, seltsam arrangiert: Ein Eisbär neben einem Moschusochsen, ein Timberwolf neben Füchsen, ein Dachs und ein Vielfraß (den gibt es tatsächlich, das habe ich hier gelernt). Der Dachshund taucht gleich mehrmals auf. Kennst Du mich? steht auf ausgedruckten Papierschildern an der Brüstung vor den Tieren. Da sind „Rehe mit Kitze“ und Glasaugen. Und, irgendwo hinter Glas, eine traurige Boa constrictor, die ist echt, so wie drei auf dem Bauch liegende Kaninchen und aufgeregt hin und herwuselnde chinesische Zwergwachteln (die haben keine Flügel) und ein paar Ziegen hinter dem Haus.

In Ahlbeck gibt es noch die Die Armee der Tonkrieger zu sehen, überlebensgroße Figuren aus China, und in Trassenheide ein Wachsfiguren-Kabinett und die größte Schmetterlingsfarm Europas.

Vielleicht noch ein alter Ost-Reflex: Wenn ich nicht in die Welt komme, hole ich die Welt zu mir?

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Dabei ist die kleine Welt von Koserow schon groß genug. Steilküsten, Wälder, Salzhütten, von denen noch einige in Urform erhalten sind. Und das Atelier des Malers Otto Niemeyer-Holstein. Der lebte hier in einem ausrangierten S-Bahn-Wagen aus Berlin und malte die Buhnen, das Meer, Bäume, in allen Jahreszeiten. In einem Video, das im Ausstellungsraum in Endlosschleife läuft, geht der alte Niemeyer den vereisten Deich entlang, bis zum Meer. Beim Laufen erzählt er, wie ihm alles belebt vorkommt, die Natur, die in Eis gefrorenen Äste und Halme. Die Steine hier, das sind meine Kinder und die da vorne meine Enkel. Ich kenne die seit Jahren. Das ist doch alles nicht tot. Jeden Tag sieht es ganz anders aus, ne.

Ja, übertrieben vielleicht. Aber er hat sich das alles genau angeguckt, viele Jahre lang, und er hatte seine Aufgabe. Allerdings war er hier auch nicht im Urlaub, er lebte hier.

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Sprachgeschichtlich geht der Begriff Urlaub auf das althochdeutsche Substantiv urloup zurück, das zunächst ganz allgemein Erlaubnis bedeutete. Ritter zum Beispiel fragten um Erlaubnis an, wegzugehen. Nicht in Urlaub, nur an einen anderen Hof.

Später wandelte sich die Bedeutung: Urlaub wurde als „offizielle vorübergehende Freistellung von einem Dienstverhältnis“ verstanden, als „dienst- oder arbeitsfreie Tage, die der Erholung dienen“. Urlaub, wie wir ihn kennen, als Massenphänomen, gab es natürlich erst, als Arbeit ein Massenphänomen wurde, losgelöst von Hof und Grund, in Fabriken und Büros verlagert. Urlaub wurde zur Pflicht. Um die man um Erlaubnis fragen musste. Absurd.

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Weil ich gerade freischaffend bin, muss ich niemanden um Erlaubnis fragen. Ich darf einfach so Urlaub machen. Vielleicht unterscheidet mich das von den anderen Urlaubern hier, die noch so aussehen, als seien sie gesammelt zur Sommerfrische geschickt, von der Brigade Bergbau Erzgebirge oder so. Für sie mag Urlaub noch ein Gegensatz zu der Arbeit sein, die sie verrichten. Anders als bei mir, wo Urlaub nur mehr eine Steigerung der Anforderung ist, die die Arbeit täglich an mich stellt (pardon, mein Sabbatical, aber da ist es noch viel dringlicher): Innerer Antrieb! Eigeninitiative! Urlaub ist so und so nicht leicht.

Und so laufen wir hier also. Also, ich sitze im Strandkorb. Von hier sehe ich sie vorbeiziehen, die Steilküste hoch. Stoisch laufen sie voran, einen Fuß vor den anderen. In Gruppen, zu zweit, allein. „Müde und leer“, schreibt der Soziologe Alain Ehrenberg, „unruhig und heftig, kurz gesagt neurotisch wiegen wir in unseren Körpern das Gewicht der Souveränität. Das ist die entscheidende Verschiebung der schweren Aufgabe, die nach Freud das Schicksal des Zivilisierten ist.“ So lese ich und sehe sie laufen, im Regen. Bis nach Zinnowitz und weiter. In ihrer Uniform, bereit ihren Auftrag zu erfüllen, gegen alle Lächerlichkeit. Ich laufe mit ihnen. Oh Ihr tapferen Urlaubssoldaten.

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Hamburg

In der U-Bahn war ein Rumäne, der laut sang. Er hatte nur unten noch Zähne. Er saß gegen Fahrtrichtung am Fenster und sang nicht nur die Singstimme, sondern auch die Gitarre und das Akkordeon mit, das ihm fehlte. Das Schnarren billiger Plastiksaiten konnte er sehr gut imitieren. Ich hörte zuerst nur die Gitarre, den Anschlag und die sich ruckartig mit dem Finger über den Gitarrenhals schiebenden Slides. Meine Augen suchten den Spieler, auch andere schauten sich um, sahen niemanden mit Gitarre und hörten die Töne, es war eine fantastische Irritation. Erst eine Station weiter fing er zu singen an und alle sahen ihn.

Er hatte eine Wollmütze bis an den Rand der Augenlider gezogen und bewegte seinen Kopf im Takt des Liedes. Ich wusste, wie es klingen sollte. Unter der Bedingung, dass er keine Instrumente und oberen Zähne hatte, war der Mann sehr dicht dran. Das merkten die Leute nicht und lachten. Er hielt die Augen geschlossen und nahm niemanden wahr.

Dann wurde er lauter, die Instrumente ließ er jetzt weg.  Seine Stimme wurde zu laut für den Wagen, aber niemand sagte was. Er sang so inbrünstig. Die Leute lächelten jetzt. Er lächelte auch, mit geschlossenen Augen. Dahinter saß er zwischen seinen Kumpels um einen Tisch bei sich zu Hause oder auf einer Hochzeit oder in einer Kneipe, wo er tanzte, denn manchmal hob er die Arme und schnippte mit den Fingern. Er war Jahre zurück oder nur Stunden, bei seiner Familie oder einer Frau, irgendwo an der Alster oder in einem Dorf bei Ploeiști. Vielleicht war er die ganze Zeit in einer einzigen Szene, denn er sang immer wieder die gleiche Stelle.

Vielleicht aber hatte der Moment auch nie stattgefunden, an den er dachte. Ein Abend mit Musik, inmitten von Menschen. Vielleicht träumte er nur davon. Weil er eigentlich der ist, der allein am Tresen sitzt und irgendwann anfängt zu singen, wenn er betrunken ist. Der alle nervt, bis einer aufsteht und ihn rausschleift und ihm eine reinhaut, weil er dabei noch blöd grinst. So hat vielleicht er seine Zähne verloren. Aber das ist ihm egal jetzt.

Ich überlege manchmal, wie Deutsche singen würden, in einer U-Bahn in der Fremde. Deutsche haben gar keine Lieder. In Sprachkursen, an Länderabenden werden sie immer verlegen. Sie sagen dann, sie können keine Strophe auswendig. Aber von welchem Lied die Strophe? Von einem Kinderlied vielleicht oder einem Schlager. Wenn sie einen Text kennen, können sie ihn nicht ohne Ironie singen. Würde man einen Deutschen in einer U-Bahn in einem fremden Land aussetzen, und er müsste mit deutscher Musik sein Geld verdienen, er würde sterben.

Ich glaube nicht, dass dass nur an Hitler liegt. Dass wir keine Lieder singen können, die man meist Volkslieder nennt, wobei ‚Volk‘ hier vor allem heißt, dass die Lieder alt sind und über Generationen weitergegeben wurden. Es gibt sicher Lieder, die man nicht mehr singen möchte, aber eigentlich kennt man eben gar keine. Weil man sie nicht braucht. Ich glaube, mehr als die Heimat ist es Sehnsucht, die uns fremd ist. Wir sind melancholisch. Aber das ist etwas anderes.

Es gibt einen Unterschied zwischen Sehnsucht und Melancholie, denke ich, als ich den Mann in der U-Bahn sehe. Sehnsucht ist warm, sie wird gefühlt, im Sehnen nach Dingen, die verloren, aber noch greifbar sind. Eine Frau oder ein Mann, ein Land, die Heimat, Kindheit. Melancholie ist kalt oder kälter und wird vor allem gedacht. Sie ist die Reflexion der Sehnsucht, eine Sehnsucht in der Theorie. Deshalb lässt sie sich so gut beschreiben.

Mehr als Sehnsucht beschäftigt Melancholie sich mit sich selbst. Sie kann andere Dinge betreffen, bleibt aber meistens bei sich. Sie ist das Leiden an sich selbst, nicht an anderen. Sehnsucht geht weiter hinaus. Sie hofft auf etwas, das die Melancholie schon aufgegeben hat. Der Melancholiker hält sich deshalb für klüger. Er glaubt verstanden zu haben, dass das, wonach man sich sehnt, nicht zu erreichen ist. Deshalb hat er immer einen leichten Spott. Damit kann er nicht gut singen. Er hat das Lied nur im Kopf. Melancholie ist ein Kopfsong. Dazu lässt sich summen, immerhin.

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Hoia Baciu

Hoia Baciu ist ein Wald westlich von Cluj, im Norden Transsilvaniens, dem Land ‚jenseits der Wälder‘. Aus ungarischer Perspektive, aus der sich der Begriff ableitet, beginnt es hinter dem Apuseni-Gebirge. Da, wo Transsilvanien anfängt, hören die Wälder aber nicht auf, sie ziehen sich an den Karpaten entlang in einem Bogen durch ganz Rumänien, im Norden sind sie besonders dicht. Dort, aber auch anderswo, fallen große Teile des Waldes seit Jahren einer meist illegal betriebenen Abholzung zum Opfer. Vor diesem Hintergrund betrachtet hat Hoia Baciu ein glückliches Schicksal. Niemand traut sich an ihn heran, um Holz zu stehlen. Hoia Baciu ist ein Geisterwald.

Einer Legende nach ging einst ein Schäfer mit seinen 200 Schafen in den Wald hinein und verschwand darin. Spurlos, mitsamt der Schafe. Einer anderen Legende nach war es ein Mädchen, das im Wald verschwand und nach fünf Jahren wieder auftauchte, keinen Tag gealtert. Strigoi und Ele, Untote und weibliche Sirenen-Geister sollen den Wald bewohnen, heißt es, und dass Einwohner der an Cluj angrenzenden Dörfer, aber auch ältere Stadtbewohner den Wald noch heute nicht oder nur mit Bedenken betreten.

In moderneren Legenden verschwindet niemand mehr, sondern es taucht etwas auf: UFOs und Erscheinungen, die Menschen im oder über dem Wald gesehen haben, Licht- und Wasserströme, nebelhafte Schemen in menschlicher oder tierhafter Gestalt. Diese Legenden gehen mit Fotos einher. Sie zeigen die Anwesenheit von etwas, das mit bloßem Auge nicht zu erkennen war, nun aber sichtbar gemacht ist, scheinbar, als Beweis. (Die Technik hält dem Wald aber nicht immer stand. Volle Akkus und Batterien leeren sich auf unerklärliche Weise, heißt es, und legen Handies und Kameras lahm.)

1968 erschien Hoia Baciu mit einem Foto in der internationale Presse. Es zeigte einen ringförmigen Gegenstand am Himmel, der als die überzeugendste Abbildung eines UFOs bis dato gewertet wurde. Anhänger der Parapsychologie, die damals einen weltweiten Boom erlebte, pilgerten nach Cluj, vor allem aus den USA, aus Frankreich, Deutschland und Ungarn. Bis Ende der 70er Jahre das Interesse an paranormalen Phänomenen verschwand und nur die Einheimischen den Wald nicht vergaßen.

hoi_1Heute kommen Touristen, die meisten derzeit aus Australien, sagt Alex Surducanu. Er hat mit seinem Freund Marius Lazin vor drei Jahren das Hoia Baciu Project begründet. Der Name erinnert nicht zufällig an das Blair Witch Project – ähnlich wie der Film, soll das Projekt, das den Geisterwald touristisch wiederbeleben will, mit wenig Budget und viel Grusel die Massen anlocken. Touristen mögen Grusel, das zeigt der Dracula-Mythos, Rumäniens erfolgreichste Besucher-Attraktion. Alex glaubt, dass Hoia Baciu an die Bekanntheit Draculas irgendwann anschließen könnte, er möchte die Idee aber nicht ausschlachten. Sein Projekt soll nachhaltig und ökologisch sein, sagt er, und nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische einen Nutzen haben.

Ich treffe Alex in Cluj, um mich von ihm durch den Geisterwald führen zu lassen. Das Hoia Baciu Project bietet eine Short Day Photo Tour, eine Extended Night Photo Tour und eine Zelt-Übernachtung im Wald. Ich habe mich für die Tagestour entschieden. Als einzige an diesem Tag, noch scheint Hoia Baciu ein Geheimtipp zu sein. Obwohl BBC Travel den Wald 2013 zu den fünf ‚World’s Most Haunted Forests‘ zählte (auf Platz 2 der Schwarzwald übrigens) und ein Jahr vorher der Discovery Channel einen Bericht brachte. Ob das Hoia Baciu Project das neue Medieninteresse befördert hat oder umgekehrt die Medien das Projekt erst angestoßen haben, lässt sich nicht genau sagen.

hoi_2Im Online-Anmeldeformular für die Führung sind unter den Kontaktdaten auch die Erwartungen zu nennen, die man an die Tour hat, und ich habe ein Häkchen gesetzt bei: – Enjoy the nature (have a chill walk), – Get informed (stories and legends of the forest), – Get connected (meditation and rituals). Ich habe kein Häkchen gesetzt bei – Get scared (unexplained phenomena). Man könnte meinen, damit den Kern eines Geisterwaldes zu verfehlen. Aber es geht, das versteht man schon bei der Buchung, auch nicht nur um Grusel. If you travel a lot but didn’t find yet that „something“, steht auf der Website,… make yourselves a gift and come to Romania!

If you didn’t find yet that „something“. Dieses Etwas, das ist die Versprechung. Sie scheint nicht sehr verschieden von der eines Yoga-Retreats, eines Hochseil-Gartens oder eines Dating-Portals. We are here to help you make it your lifetime experience. Ein universales Versprechen wie dieses suggeriert heute vorab typischerweise eine Wahl an Möglichkeiten, wie dieses Erlebnis beschaffen sein soll. So, als könne man entscheiden, was man erlebt – enjoy the nature, get informed, get connected – und das Erlebnis dann gewissermaßen bestellen wie in einem Restaurant das Essen.

Ein seltsamer Widersinn: Man soll bereits wissen, was man sucht und dennoch eine unvorhergesehene Überraschung erleben. Das ist die Crux des Online-Datings und die Illusion der Wahl von Erfahrung überhaupt. Von Leben überhaupt, vielleicht. Hier wird es besonders deutlich: Wie kann ich wählen, was ich in einem Geisterwald erleben möchte, wenn dessen Wesen doch gerade darin besteht, Phänomene jenseits des Erwartbaren zu produzieren (that „something“)?

hoi_3Der Wald sieht zur Mittagsstunde freundlich aus. Lichtflecken tanzen über dem Boden, und trotz der Sonne ist es angenehm kühl. Alex geht voraus und erzählt, während wir uns durch das Dickicht fernab der Wege schlagen, von den merkwürdigen Begebenheiten des Waldes. Für jede liefert er eine mögliche rationale Erklärung: Die Laute, ein Wimmern oder Weinen, das Besucher oft hören, können von sich im Wind biegenden Ästen oder von Tieren kommen oder auch von echoartig aus der Ferne übermittelten Geräuschen. Die Schatten und vermeintlichen Gesichter auf Fotos von technischen Fehlern oder, natürlich, Photoshop. Die ohne jeden Zweifel wahrnehmbare Besonderheit der Bäume, ihre gekrümmten und teils kurvig wachsenden Stämme, könnten durch magnetische oder leichte radioaktive Strahlung des Bodens hervorgerufen werden oder durch Schädlinge, die das Erbgut der Bäume beeinträchtigen.

Das müsse sich doch aber herausfinden lassen, meine ich. Müssten sich Biologen nicht herausgefordert sehen, hinter das Geheimnis des Waldes zu kommen? Es gibt bisher nur verschiedene Theorien und es werden immer noch Untersuchungen durchgeführt, die bisher ohne Ergebnisse sind, sagt Alex. Sichtbar ist, dass das Wachstum der Bäume etwas durcheinanderbringt. Die Stämme wachsen nicht nur nicht gerade nach oben, sie ändern auch teilweise komplett ihre Richtung und wachsen von oben zur Erde zurück, so dass die Krone auf dem Boden liegt. Dieses Phänomen habe ich in extremerer Form schon einmal auf der Kurischen Nehrung nahe Kaliningrad gesehen, erzähle ich Alex, in einem Wald, der dort der ‚Tanzende Wald‘ und von den Einheimischen auch der ‚Betrunkene Wald‘ genannt wird. Dass der Wald dort so und hier als Geisterwald bezeichnet wird, lässt interessante Rückschlüsse auf die Mentalität der Benenner zu, finde ich. Alex zuckt mit den Schultern. Er ist sehr darauf konzentriert, mich gemäß meiner Erwartung mit Informationen zu versorgen.

hoi_4Die Führung bewegt sich von einem Baum mit ausgeprägten Anomalien zum nächsten. Je mehr Bäume ich mir genau anschaue, desto weniger auffällig erscheinen mir die Eigenarten. Ein Stamm, aus dem mehrere Stämme fächerförmig herauswachsen, ein Ast, der wie ein Torbogen über den Weg gewachsen ist, gibt es das nicht auch in anderen Wäldern? In allen Wäldern? Guckt man sonst einfach nicht genau genug hin oder hat man womöglich einen Prototyp von Wald vor Augen, der gar nicht der Wahrheit, also der Natur, entspricht? (So wie auch von Möhren, die ähnlich den Baumstämmen  überwiegend krumm und verzweigt wachsen und selten so, wie sie in Kinderbüchern und Supermärkten aussehen. Das weiß ich auch erst, seit ich einen Garten habe).

Ich bin lange nicht so aufmerksam durch einen Wald gegangen. Die Verschiedenheit der Bäume in Größe, Art und Wuchs ist bei genauer Betrachtung unfassbar. Ein Wald wie Hoia Baciu würde bei uns vielleicht „Wald der Vielfalt“ heißen, denke ich (in der Mentalität jener, die das betonen, was ihnen nicht selbstverständlich ist).

Höhepunkt der Führung ist die Poiana Rotunda, eine kreisförmige Lichtung von etwa 20 Metern Durchmesser. Sie ist das spirituelle Zentrum des Waldes, sagt Alex, hier werden die meisten Phänomene gesichtet, und hier finden heute Yoga-Workshops und spiritistische Sitzungen statt. Sehr sensible Besucher fühlen hier eine besondere Kraft, die sie positiv oder negativ empfinden. Ich schließe die Augen und erinnere mich an den Göttinger Wald, in dem ich als Kind einmal eine Lichtung entdeckte, die ich so schön fand, dass ich meinte, sie sei verzaubert und niemand außer mir könne sie je gesehen haben und tatsächlich fand ich sie selbst nur dieses eine Mal und danach nie wieder. Damals legte ich mich ins Gras und dachte, wenn ich einschlafe, werde ich an einem anderen Ort aufwachen und nie mehr in die Schule gehen. Da war auch die Idee eines  Geisterwaldes, der Traum zu verschwinden.

hoi_5Ein Geisterwald kann auch beglückend sein. So sehr, dass ich mich wundere, wie er überhaupt bedrohlich sein kann, und auch dafür hat Alex eine Erklärung: Der Wald, sagt er, bringe in jedem das zur Erscheinung, was ihn innerlich umtreibe. Er selbst zum Beispiel sei dem Wald zutiefst dankbar, denn er habe ihm die Idee gegeben, ihn zu seinem Berufsinhalt zu machen. Als er nach seinem Uni-Abschluss nicht wusste, was er machen soll, ging er tagelang im Wald spazieren gegangen, um sich zu zerstreuen. Dabei entdeckte er die besonders geformten Bäume und begann, sich für das Phänomen von Hoia Baciu zu interessieren. Kurze Zeit später startete er mit seinem Freund das Hoia Baciu Project.

Alex glaubt nicht an UFOs und Erscheinungen, wie er mir am Ende sagt. Aber er glaubt daran, dass die Menschen in Hoia Baciu das zu sehen bekommen, wonach sie suchen. That ’something‘. Das ist die neueste Legende des Geisterwaldes, eine, die sich auf harmonische Weise in die alten Legenden einfügt. Psychologie und Aberglaube, Selbstfindung und Schicksal, alles existiert nebeneinander. Ein bisschen Freud, ein bisschen amerikanischer Traum, ein bisschen Paranormalität (in anderen Worten Vormoderne). Das Besondere ist vielleicht, dass sich in Hoia Baciu alles überlagert und sich nicht gegenseitig verdrängt.

Auch Alex, der so rational argumentiert, hat einen Rest von Aberglauben. Er gehe nie zweimal an einem Tag in den Wald, weil er das ihm wohlwollende Schicksal des Waldes nicht herausfordern wolle, sagt er. Pläne, den Wald weiter touristisch zu erschließen, hat er trotzdem. Gerade ist er dabei, Karten zu produzieren, mit denen Besucher sich im Wald selbst orientieren können. Außerdem hat er die Idee, einen ökologisch nachhaltigen Themenpark aufzubauen, zu dem auch ein Zentrum gehören soll, das sich wissenschaftlich mit den Phänomenen des Waldes auseinandersetzt.

hoi_6Als er diese Idee vor kurzem öffentlich äußerte, meldete sich der Präsident der Parapsychologischen Gesellschaft Rumäniens, Adrian Pătruț, zu Wort. Adrian Pătruț, selbst eine Legende, hat Hoia Baciu jahrzehntelang untersucht und ein umfassendes Foto- und Geschichtenarchiv zusammengetragen. Er hat immer wieder selbst Erscheinungen gehabt und in Interviews ausführlich darüber berichtet. Nun warnt er vor der touristischen Öffnung des Geisterwaldes: Der Wald werde seine paranormalen Aktivitäten einstellen, wenn zu viele Menschen kommen. Durch die zu starke Stimulation, die sich aus der Interaktion mit den Erwartungen der Besucher ergibt, werde der Wald zum Schweigen gebracht. Pătruț bezeichnet das als Mimoseneffekt. Eine Kraft wie die, die in Hoia Baciu zugegen ist, fürchtet sich, öffentlich gemacht zu werden. Sie wird verschwinden, prophezeit er, und an einen anderen Ort ziehen.

Die Sorge von Adrian Pătruț lässt sich gut begreifen. Wie ein Ethnologe, der die von ihm untersuchten, fern der Zivilisation lebenden letzten Ureinwohner vor dem Einbruch der Welt schützen will, so versucht er, Hoia Baciu zu schützen, als Ur-Wald und Refugium des Alten, Schrägen und Geisterhaften, jenseits der Vernunft. Parapsychologie ist genau das, denke ich. Ein Nebeneinander von Psychologie und Aberglaube, also der Psychologie eines modernen und eines archaischen Verständnisses. In der Synthese dieser beider Vorstellungen ist Hoia Baciu ein großes Unbewusstes, ein jahrtausendealtes Unterbewusstsein als Wald. Ein Ort, wo der Geist des Menschen auf sich selbst trifft und auf den Geist und die Geister anderer. Ein Geisterwald eben.

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Der Akku meines Handies, frisch aufgeladen, war mit dem Betreten des Geisterwaldes übrigens augeblicklich leer. Aber weil es mein altes Nokia war, und der Akku nicht mehr 100%ig funktionierte (normalerweise jedoch immer mindestens vier Stunden hielt) kann diese Beobachtung hier nicht als wissenschaftliche herangezogen werden

 

 

 

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Phänomene

Auf jeder Reise gibt es etwas, das man immer als erstes sieht, überall. Das Auge sucht es nicht bewusst, es springt ihm, wie man sagt, hinein. Man kann, nachdem man es das erste Mal gesehen hat, nicht mehr sagen, ob es, da man es weiterhin sieht, besonders hervorsticht, oder ob das Auge es aus einer Art Wiedersehensfreude immer wieder in den Blick nimmt. Auf dieser Reise waren es Menschen in Fenstern, die sich herauslehnen oder hinter der Scheibe zu sehen sind. Alle Menschen, die sich aus Fenstern herauslehnten oder hinter Scheiben standen, schienen mir besonders. Vielleicht lag es an den alten Fenstern oder an der Patina der pastellfarbenen Fassaden von Sibiu, die die Menschen und ihre Gesichter wie Gemälde umrahmen .

Davor hatte ich Hunde gesehen, eine ganze Weile auf allen Reisen immer zuerst Hunde. Hunde, die zusammengerollt auf Bahnsteigen schliefen oder müde an Straßen entlangliefen. Hunde, die mit geducktem Kopf über Marktplätze schlichen. Wenn ich mich versuche, an einen Ort zu erinnern, fällt mir als erstes der Hund ein, den ich dort gesehen habe. Der Hund in Žabljak, der uns um den Schwarzen See herum folgte und dessen Magen beim Laufen gluckste. Der Hund in Belgrad auf der grünen Verkehrsinsel, der immer im Kreis lief, weil es unmöglich war, den vierspurigen Kreisverkehr zu überwinden. Der sterbende Hund in Ulcinj, der sich unter einem SUV verkrochen hatte, der Hund im Aquarium in einem Zoogeschäft nachts in Tirana.

Denke ich an Sibiu, sehe ich ein Rudel vor mir, das immer gemeinsam durch die Unterstadt zog wie eine Bande wilder Teenager. Erst mit den Hunden entsteht die Landschaft oder die Stadt in meiner Erinnerung, wie eine Foto-Leinwand entrollt sie sich in dem Moment, in dem mir der Hund einfällt.

Das Auge ist einseitig. Wie ein Fotograf, der an einer Serie arbeitet, sucht es sich Bilder, die zu den schon gesehenen passen. Man hat deshalb oft den Eindruck, unter den gesammelten Bildern ein Phänomen zu erkennen, das für den Ort, an dem man sich befindet, prägend ist. Es ist aber nur eines unter vielen Dingen, die man dort wahrnehmen kann. Die Auswahl ist willkürlich. Das Phänomen prägt zuallererst das Auge und muss mit dem Ort gar nicht viel zu tun haben. Schon immer haben Menschen in Sibiu an Fenstern gestanden oder sich hinausgelehnt, so wie allerorten Menschen an Fenstern stehen und sich hinauslehnen. Aber ich sah sie erst jetzt, in jeder Straße, wie ein Wahrzeichen der Stadt. Doch was für ein Wahrzeichen ist das, das in jeder anderen Stadt auch zu sehen ist?

In Zügen sehe ich immer ältere Männer in Anzügen und Hüten, mit Plastiktüten in der Hand. Oft haben sie spitze Schuhe und manchmal Schnurrbärte. Die Anzüge sind immer verschlissen und haben einen matten Glanz auf den Hosen. Nur im Hintergrund, verschwommen, die jüngeren Männer, in T-shirts und dunklen Jeans mit groben weißen Nähten.

Auf der letzten Reise, im Zug von Sibiu nach Sarata, sah ich die T-shirts klar. Es war sehr heiß, der Zug kroch im Schritttempo auf den von der Hitze verzogenen Schienen. Die Menschen fuhren von der Stadt zurück auf die Dörfer. Durch die Scheiben, die alle Sprünge hatten, sah man auf der einen Seite die Berge, auf der anderen sonnenverbrannte Felder. Die T-shirts der Männer und Frauen hatten Aufschriften: World Down Syndrome Day, Red Hill The Sunset Creek Inc., Summer Mountain, Extreme Bike, Duffy, 1899, Everyone says I’m good, I don’t love you, NYC. Ich hätte jedes gern fotografiert. In der Langsamkeit des Zuges, in der, von den Rissen im Glas in Stücke zerlegt, die Felder, Berge und Wolken vorbeizogen, erschienen sie mir für einen Moment als der wahrhaftigst mögliche Ausdruck dieses Landes und vielleicht eines Reiseberichts an sich.

Reiseberichte als eine Aneinanderreihung der T-shirt-Aufdrucke, die einem begegnen. Das könnte interessant sein, dachte ich.

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Ernst

Vitjas Rumänisch hat einen russischen Akzent und andere Ausdrücke, er sagt zum Beispiel două ceausuri statt două ore und problem statt problemă. Wir stehen vor der EU-Grenze in einer langen Schlange, am Zoll ist Schichtwechsel. Die Laster stehen dort wie ein Aufgebot, leicht versetzt in einer geraden Linie, hunderte von Metern. Sie stehen vor einer Schranke, die filigran und machtvoll ist wie ein Mann im Frack vor Elefanten in einer Manege. Die Fahrer lehnen an ihren Fahrzeugen, rauchen und lachen über die langsam umherlaufenden Zollbeamten, die sie warten lassen. Sie kennen die Kraft ihrer Fahrzeuge und es scheint, sie stehen dort aus reiner Überlegenheit und nicht aus Gehorsam.

Vitja hat in Shumen Plastik geladen und ist auf dem Weg nach Galați. Er hat kurz wissen wollen, was in meinem Koffer ist, der groß und schwer ist, droguri?, und ihn dann lachend hochgezogen, in die Schlafkoje hinter den Sitzen. Der Koffer war ein Problem, so kurz vor der Grenze in die EU, wer möchte schon Schwierigkeiten bei der Einreise. Ich konnte jeden verstehen, der abwinkte, alle PKW-Fahrer. An die LKWs traute ich mich erst nicht heran. Autofahrer sind Leute wie du und ich, aber Fernfahrer sind wie Cowboys, mythische Gestalten. Nomaden, einsam und unruhig. Sie treiben über Land wie Matrosen über See, sehnsüchtig, gefährlich.

Man wurde schon als Kind vor ihnen gewarnt, was sie so interessant gemacht hat, interessanter als Lokführer oder Piloten, die auch weite Strecken zurücklegen. Fernfahrer kommen einem immer noch unabhängiger vor, auch wenn sie sich ihre Routen genauso wenig aussuchen und wahrscheinlich so enge Zeitpläne haben wie Paketzusteller. Aber das ist egal, es geht um das Fahren, das einsame Fahren auf nächtlichen Straßen, die Weite stumm durchmessend.

Das Einsteigen in einen Truck ist schon glorios, wie man sich emporschwingt auf zwei oder drei Meter Höhe. Man hat es in Roadmovies so oft gesehen, dass es schwer ist, sich dabei real zu fühlen. Und aus einem Grund, der nicht zwingend logisch ist, macht das Gefühl, in einem Film zu sein, besonders lebendig. Das ist eigentlich merkwürdig. Man könnte sich auch weniger authentisch fühlen, weil der Film das Leben nur nachspielt. Stattdessen ist es das Gegenteil, das Banale verschwindet, das Licht und die Dialoge werden besser,  so scheint es zumindest, man kann es nicht nachprüfen, denn diesen Film bekommt man ja nie zu sehen.

Vitja fährt meist nach Bulgarien, Russland, Weißrussland und in die Ukraine, seltener nach Italien und Frankreich. Am liebsten nach Weißrussland, er mag die Weißrussen, die Russen überhaupt. Die Rumänen mag er nicht, obwohl sie ihm nie etwas getan haben. Er kommt aus Moldova. Würde Moldova heute lieber zu Rumänien gehören, also zur EU, frage ich und Vitja sagt, die Jüngeren wollen, die Älteren nicht. Was sollen wir mit der EU, Konzerne ins Land lassen? Arbeitslosigkeit haben wir jetzt schon. An Auswandern hat er nie gedacht, Moldova ist seine Heimat, er hat ein Haus, zwei Kinder, geht zur Jagd, zum Fischen. Er zeigt mir riesige Einweckgläser mit Wildschwein, die er in einem Fach über den hinteren Reifen lagert und dazu die Fotos von den erlegten Tieren auf seinem Smartphone.

Vitja kennt alle Zollbeamten beim Vornamen, ich darf deshalb ihre Toilette benutzen und in ihre Büros schauen, in denen sie vor kleinen Bildschirmen sitzen und Kaffee trinken. Die Rumänen arbeiten nicht gern, sie delegieren die Arbeit lieber, sagt Vitja. Die neue Schicht sollte eigentlich um acht ihren Dienst beginnen, um neun passiert immer noch nichts. Das ist immer so, sagt er. Seit sie zur EU gehören, fühlen sie sich als etwas Besseres.

Ich frage Vitja nach den Russen und Putin, aber er möchte lieber über Ernst reden. Ernst ist Vitjas Schwager. Er ist Österreicher und lebt in Wien, mit Vitjas Schwester. Sie hat ihn an einer Tankstelle kennengelernt, nachdem ihre Mutter, die in Wien als Putzfrau arbeitete (Putzfrau sagt Vitja auf Deutsch), sie nachgeholt hat. Ernst arbeitet an der Tankstelle. Errrnst, sagt Vitja, und fasst ihn in einer anderen Tonlage, wie mit spitzen Fingern. Als ich ihm sage, was Ernst bedeutet, serios, findet er das passend. Ihr Deutschen (darunter fasst er auch die Österreicher), ihr scherzt nicht, nie, sagt Vitja, ihr nehmt alles ernst. Er macht ein ernstes Gesicht für ein paar Sekunden, dann lacht er schallend.

Ernst war zweimal in Moldova, das erste Mal fuhr er in ein Schlagloch, die Felge oder irgendetwas am Reifen war kaputt, und Ernst hatte kein Werkzeug im Auto, obwohl er an einer Tankstelle arbeitet, nicht mal einen Ersatzreifen. Wenn Ernsts Auto kaputt ist, ruft er eine Nummer an, und das Auto wird abgeholt, egal wo, sagt Vitja. Das zweite Mal stellte Ernst den Wagen vor Vitjas Haus ab, unabgeschlossen, so wie er es in Wien macht, auch sein Haus schließt Ernst nicht ab. Das Auto wurde geklaut und an der französischen Grenze identifiziert, Ernst musste es dort abholen. Vitjas Schwester hat ihm dafür eine Tracht Prügel verpasst. Wirklich geschlagen, frage ich, wohin denn? Moldavische Frauen sind so, sagt Vitja, und lacht. Auf den Kopf natürlich.

Ernst ist eine Witzfigur, wie bei uns die Ostfriesen, denke ich, es gibt wahrscheinlich hunderte von Witzen in Moldova, über Österreicher und Deutsche. Über ihre Kleingeistigkeit, Naivität und Unfähigkeit in praktischen Dingen, mit der sie im Osten ständig auf die Fresse fliegen. Săracul Ernst, sage ich, armer Ernst und Vitja kann sich nicht halten vor Lachen.

Er selbst war schon vier oder fünf Mal in Wien, für jeweils zehn Tage. Es war langweilig. Angeln darf man nicht, einmal kam die Polizei und hat ihn verwarnt. Ein anderes Mal wollte er Borschtsch kochen, für die ganze Familie, und ist in einen Supermarkt gegangen, um Rotkohl zu kaufen. Er hat keinen gefunden, nur tiefgefroren, la pachet. Bei uns liegt der Rotkohl so im Geschäft, wie er aus der Erde kommt, sagt Vitja, riesige Kohlköpfe, normal. Was ist das, Rotkohl in kleinen Eiswürfeln, was macht ihr damit? Für Borschtsch braucht man einen ganzen Kohl, sagt Vitja, und wer weiß denn, wie viele tiefgefrorene Pakete ein Rotkohl sind.

Mittlerweile sind wir x-mal ausgestiegen, haben Kaffee getrunken, fast drei Stunden lang. An der Grenze passiert nichts, nur das Licht verändert sich, die Sonne geht unter. Polizisten und Zollbeamte gehen hin und her und sortieren sich in langsam steigender Spannung, wie vor einem Match, das nie losgeht, immer ist nur eine Mannschaft da. Erst steht die Polizei bereit, aber der Zoll nicht, dann sitzen die Zollbeamten in ihren Häuschen, aber die Polizei fehlt. Es wirkt lustlos, niemand will beginnen. Vine poliția, pleacă vama, vine vama, pleacă poliția, sagt Vitja, das ist das Spiel. (Kommt die Polizei, geht der Zoll, kommt der Zoll, geht die Polizei).

Dann endlich geht die Schranke hoch und Vitja reicht dem Polizisten seinen Pass. Darauf habe ich gewartet. Ich stehe neben der Fahrertür und sehe, wie der Polizist den Pass durchblättert, bis zu der Seite, hinter der es sich wölbt. Er stoppt, automatisch, und wendet sich ab. Er nimmt die drei Euro heraus, die dort immer bereitliegen, bei jedem Grenzübergang, nach Rumänien, Moldova, Russland, Weissrussland, in die Ukraine, der Tarif ist immer ungefähr gleich, sagt Vitja. Nur in Frankreich ist er einmal festgenommen worden, wegen Bestechung, aber ich frage mich, wie er dort drei Euro in seinen Pass hat stecken können, in Münzen? Der Polizist gibt Vitja seinen Pass zurück, dann fahren wir zum nächsten Häuschen, wo es eine Menge Papiere auszufüllen und zu zeigen gibt, und dann sind wir in der EU, in Rumänien.

Jetzt fahren wir. Der Mittelstreifen, der im Roadmovie unbedingt zu sehen sein muss, wie er sich in der Geschwindigkeit zu einem langen weißen Band ausrollt, ist in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Vitja fährt schnell, und der Laster scheint von selbst noch an Fahrt aufzunehmen. Nach einer Kurve tauchen zwei Gestalten am rechten Straßenrand auf und Vitja gibt Gas und flucht, verdammte Zigeuner. Entschuldigung, Indiennes, sagt er, so nennt man sie ja heute. Um einen überfahrenen Fuchs, dessen Innereien in der Dunkelheit farbig leuchten, macht er dagegen einen Schlenker, und erzählt von dem Schäferhund, den er zu Hause hat, der beißt, auf Zuruf. Das Fahren, das lange Warten vorher oder die Nacht setzen Gedanken aus der Tiefe frei, die wüst hervorkommen. Es sind Gedanken, die nachts und auch tagsüber in Kneipen tausendfach ausgesprochen werden, in Russland, Weißrussland, Österreich, Deutschland und überall sonst in Europa.

Es ist gar kein Film. Es ist der ganz normale Alltag. Und als ich denke, das ist doch eine gute Erkenntnis der Geschichte, sehr interessant, wird es gefährlich. Der Laster hat gehalten, der Motor ist aus, in einer Gegend in Galați, die verlassen aussieht, Industriegebiet wahrscheinlich. Vitja sagt, das ist ein guter Platz zum Schlafen. Aber zu gefährlich, um auszusteigen, deshalb soll ich dableiben. So kann jetzt die Geschichte natürlich nicht ausgehen, die Angst davor schnürt mir die Kehle zu. Mehr Wut, Wut, darüber, dass sich ein so elendes Klischee in diese Geschichte drängt und in mein Leben, was ein und dieselbe Sache ist, das spüre ich jetzt. Erschütternd, wenn die Warner recht behalten, die doch niemals etwas aus Erfahrung wissen, sondern nur aus Angst. Das ist die falsche Geschichte. Ich weiß nicht, wie ich aus ihr herauskommen und sie beenden soll, sicher nicht mit einer Moral.

Es ist aber nicht so, dass Vitja mit Zentralverriegelung die Knöpfchen nach unten fahren lässt, wie ich es vor mir sehe. Er sagt einfach, ich soll dableiben und nicht aussteigen, weil es zu gefährlich ist. Und nachdem ich eine Weile still dagesessen habe, öffne ich die Tür und lasse mich nach unten gleiten. Und Vitja reicht mir meinen Koffer und den Rucksack und die Kamera und ich gehe die einsame, dunkle Straße hinunter, und als vom Lärm des Rollkoffers die Hunde erwachen, die unter den Sitzen einer ehemaligen Bushaltestelle geschlafen haben und laut bellend auf mich zuspringen, hebt Vitja, zu dem ich mich erschrocken umdrehe, hinter der Windschutzscheibe die Hand, wie um mich durchzuwinken. Einfach weitergehen.

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Autogara-Catedrala

Im Osten Europas sind die besten Sehenswürdigkeiten nie ausgeschildert. Man muss sich also keine Mühe geben, Karten oder Reiseführer genau zu lesen. Die orthodoxen und katholischen Kathedralen lassen sich nicht übersehen, so mächtig und hoch ragen sie heraus, die evangelischen und unierten Kirchen, sachlich und kleiner, verstecken sich mitunter, man findet sie aber dennoch, wie Synagogen und Moscheen, falls es sie gibt, auf zufälligen Wegen.

Marktplätze ergeben sich von selbst, wie Rathäuser, Bronze-Statuen und Parks. Ein herrschaftliches Hotel, in dem die Staatshäupter und demimondes des 19. Jahrhunderts abstiegen, liegt immer an der Flaniermeile, und viel mehr führt so ein Reiseführer gar nicht auf.

Kirchen werden am ausführlichsten beschrieben. Das könnte durch die wichtige Rolle, die sie in diesem Teil Europas heute noch spielen, erklärt werden (in Rumänien lag die Anzahl von Menschen, die sich als Atheisten bezeichnen, 2002 bei weniger als 0.1 Prozent), allerdings wenden sich die Reiseführer, also die deutschsprachigen, die ich habe, an eine westliche, deutsche Leserschaft, und da scheint die Dominanz der Kirchen ein wenig, ja, weltfremd. Es werden zwar weniger religiöse als architektonische Argumente aufgeführt, die allein Kirchen mehrere Seiten Text inklusive Skizzen einräumen, aber architektonisch interessant sind auch viele andere Bauten. Für alles, was ab dem 20. Jahrhundert, speziell in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebaut wurde, gibt es seltsam blinde Flecke.

Um diese zu entdecken, empfiehlt es sich, ganz ohne Ziel und einfachen Alltagsbedürfnissen folgend, eine Stadt zu erkunden. Da die Moderne sich für alles interessierte (in einem anderen Maß gilt das auch für den Kommunismus) – Freizeit, Sport, Wohnen, Arbeit – kann man auch überall Entdeckungen machen: An Sportplätzen, Krankenhäusern, Fabriken und so weiter. Die Entdeckungen kommen auf einen zu, gerade wenn man nicht sucht. Das ist sehr praktisch. Man geht zum Beispiel zur Post und findet dort – einen Palast!

Das ist nur ein bisschen übertrieben. Die Post in Odessa, von außen unscheinbar, hat das Interieur eines fürstlichen Theatersaals, wenn man von den Fliesen und den Postschaltern absieht. Innenbalkone, Fresken, eine gemusterte Glasdecke und die schiere Größe geben dem Ort etwas Feierliches. Im Reiseführer fehlt jede Information über das Gebäude, wann es errichtet wurde, ob es einmal etwas anderes beherbergt hat als die Post oder tatsächlich für diesen Zweck erbaut wurde. In seiner pompös klassizistischen Ausstattung ist es jedenfalls eine herrliche Gegenversion zu den Amtsstuben, die Poststellen hierzulande sind. Das Herz der Stadt, schreibt ein Besucher auf Tripadvisor, und so war es vermutlich einmal. Das fühlt man noch, auch wenn nur vereinzelt alte Damen und Touristen es heute beleben.

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Eine weitere Entdeckung mache ich in Galați. Hinter dem Bahnhof befindet sich der Busbahnhof, von dem ich aus Odessa kommend weiter nach Bukarest fahre. Busbahnhöfe sind die hässlichen Stiefschwestern von Bahnhöfen. Sie werden hinter ihnen versteckt. Hinter den um Glanz bemühten Fassaden der Bahnhöfe liegen Busbahnhöfe wie Favelas, sich selbst überlassene Ansammlungen von Kioskbuden, stinkenden Wartehallen und Toiletten. Orte für die Armen. Wer sonst würde sich dort aufhalten? Die Ober- und Mittelschicht fährt Auto, und so sind es Alte, Betrunkene, abgerissene Gestalten, die dort stehen, ein paar Jugendliche dazwischen.

Nur in Galați ist das anders. Galați, in dem sich nicht viel mehr entdecken ließ als die Monokultur der Wohnblocks, wartet bei der Abfahrt mit einer Überraschung auf. Hinter dem Bahnhof erhebt sich ein futuristisches Ding, das ich erst nach Einholen geometrischer Begriffen so beschreiben kann: Ein parabolisch in sich verschachtelter Zylinder, der von weitem aussieht wie ein zum Sprung ansetzender Grashüpfer.

Innen dagegen, das ist die nächste Überraschung, ist es wie in einer Kapelle, hoch und weit. Licht strömt durch die Fensterfront und malt Muster auf den Boden, mit einer Kraft, die mir so nur einmal im Pantheon in Rom vorkam. Heilig. Ich stehe inmitten des Lichtkegels, um sieben Uhr früh, allein am schönsten Busbahnhof Europas.

Die Decke ist ein großes Facettenauge. An einigen Fenstern sind Kreuze zu sehen, so dass ich denke, dies könnte tatsächlich ein sakraler Bau gewesen sein, der, das geschah ja häufig im Kommunismus, umgewidmet wurde. Paläste wurden zu Sanatorien, Kirchen zu Turnhallen – vielleicht auch zu Busbahnhöfen. Es ist mir in dem Moment nicht klar, was es sein soll: Eine Verhöhnung des Religiösen? Oder der Versuch, einen profanen Ort aufzuwerten? Also eine Art Kathedralisierung des Alltags?

Die Geschichte des Busbahnhofs in Galati lässt sich leicht erforschen: Er wurde 1970 gebaut, in der sogenannten Goldenen Epoche der Ceaușescu-Jahre. In Anwesenheit lokaler Persönlichkeiten feierlich eröffnet, sollte er „durch die Schönheit seiner außergewöhnlichen Architektur in vollster Weise den Wunsch nach Entwicklung des Autobus-Reiseverkehrs befriedigen“. Bis zu 3000 Reisende sollte der Bahnhof pro Tag bewältigen können, in den Hochzeiten 500 pro Stunde. Hier am Busbahnhof begann man den täglichen Weg zur Arbeit oder traf aus den umliegenden Ortschaften ein, um weiter zum Hafen oder in die Fabriken von Galați zu fahren. Und hier sammelte man sich abends und wartete, gemeinsam nach Hause zu fahren. Der Busbahnhof war ein wichtiger Ort. Nicht nur als Symbol der mobilen Arbeiterschaft, auch für die Menschen selbst.

Was immer man davon hält, die Bedeutung ist noch heute zu spüren. Und der Busbahnhof ein Denkmal, das verdient, erhalten und beschaut zu werden. Leider zählt es offiziell nicht zum Kulturerbe und hat eine schlechte Lobby in Rumänien. Ein ähnlicher Busbahnhof, der ebenfalls 1970 in Focșani gebaut wurde, wurde 2010 abgerissen. Das Gelände, zunächst von einem ehemaligen Buchhalter der kommunistischen Transportgesellschaft I.T.A. erworben, wurde an LIDL & Schwarz veräußert, das den Bahnhof abräumen ließ, um einen Supermarkt zu bauen. Der Busbahnhof Focșani, auf dem Altar des Kommunismus kapitalistischen Interessen geopfert, heißt es in einem Artikel.

Ich kann Reisenden nur den Rat geben: Besucht weniger Kirchen und mehr Busbahnhöfe.

Und geht nicht zu LIDL!

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Historische Ansicht aus: Autogara Metropoli – http://autogarametropoli.ro/

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