Felina Europeana

Es muss hier einmal über Vögelchen gesprochen werden, aus gegebenem Anlass. Vögelchen ist Armutsmigrantin, in Rumänien geboren (auf der Straße, irgendwo hinter Făgăraș) und im Alter von zwei Jahren nach Deutschland ausgereist. Wie es die EU-Freizügigkeit will, brauchte sie dafür nur einen Pass, ein paar Impfungen und einen elektronischen Mikrochip (Location: Left shoulder). Gemäß Pass bewegt sich Vögelchen in der Eigenschaft eines animal de companie, ich wüsste kein schöneres Wort dafür. Gesellschaftstier.

Die Poesie der rumänischen Sprache bringt die Dinge ins Zentrum ihres Seins. Als wesentliche Eigenschaft der Tiere versteht animal de companie die Beziehung zum Menschen, etwas das die deutsche Sprache im Haustier völlig verkennt. Haustier stellt einen Bezug in den Vordergrund, der wenig entscheidend und nicht einmal korrekt ist. Im Haus lebend. Unterschieden wohl ursprünglich vom Hoftier. Während man für Letzteres noch den Begriff Nutztier fand, hielt man beim Haustier einfallslos am Ort als namensgebender Kategorie fest. Man hatte wohl keine Idee, was für einen Nutzen diese Tiere haben könnten. Vielleicht fürchtete man auch, zu gefühlig zu werden.

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Vögelchen ist jedenfalls, anders als der Name vermuten lässt, eine Katze. Oder – auch hier steht es im rumänischen Pass so viel schöner – eine Felină Europeană. Felina ist die Spezies, Europeana die Rasse. Auch diese Benennung finde ich, besonders in einem rumänisch-europäischen Reisepass, sehr gelungen. Wenn nicht gar programmatisch. Wenn die Rasse einer Katze bereits als europäisch angegeben wird, sind wir beim Menschen dann auch bald soweit? (Ethnie sagen wir hier dann aber natürlich).

Einer rumänischen Definition nach kommt die Felina Europeana übrigens aus Ägypten. Sie wurde von den Römern nach Italien gebracht und schließlich im ganzen Imperium verteilt. Man hätte sie leicht, das sieht man hier, Felina Romana, Römisches Kätzchen, nennen können. Den Rumänen hätte das gefallen, sie sind ja von ihrer römischen Abstammung ganz besessen. Der Begriff Europeana soll das Feld aber wohl weiten, vielleicht auch, weil die Frage des Ursprungs immer so schwer zu beantworten ist. Also spricht man allen etwas davon zu. So ist es im Rumänischen eben ein europäisches Kätzchen geworden. (Zu deutsch immer noch: Hauskatze.)

Ich wollte ja aber von Vögelchen erzählen. Ich habe sie auf der Straße gefunden, an einem heißen Julitag, auf der Bundesstraße von Făgăraș Richtung Brașov. Sie humpelte wie ein Stück Dreck mit Beinen am Fahrbahnrand, ein winziges Fellknäuel. Ich sah aus dem Auto heraus ihr Maul, das alle paar Sekunden weit aufging und den ganzen Körper vom Boden abhob. Dieses kleine Tier drückte eine so große Panik und Empörung aus, an einem Ort, der feindlicher nicht sein konnte. Ich musste anhalten. Das Schicksal war aussichtslos, eine große und mehrere kleine überfahrene Katzen lagen ein paar Meter vor mir. Die lebende Katze, nicht größer als ein Vogel, setzte sich auf meine Handfläche und dann auf den Beifahrersitz.

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Ich habe es mir so erklärt. Die Unbarmherzigkeit, der man im Land so oft begegnet, in verschiedener Gestalt, beginnt sich irgendwann zu verdichten, zu einer Metapher. Es ist der Versuch, die Komplexität von Ungerechtigkeit und Armut, auf ein Maß zu bringen, das man bewältigt. Für jeden ist das Maß anders und die Metapher auch. Ich fokussierte die Unbarmherzigkeit auf die am Straßenrand herumirrenden Tiere. Sie sind ausgesetzt, der Wildnis und der Zivilisation, aus beiden Welten vertrieben und keiner zugehörig. Der einzige Ort, der ihnen bleibt, ist deren Schnittmenge, so schmal wie der Grünstreifen zwischen zwei Schnellstraßen. Diese trippelnden, hinkenden Kreaturen, die immer so stoisch vorwärts laufen. Wenn man eine aufhält und mitnimmt, ist das befreiend. Man befreit sein eigenes Bild und für einen kurzen Moment die Welt. Ein Kätzchen lebt. Ein Sack Reis fällt um.

So kam Vögelchen zu mir. Sie war so klein, dass ich sie einen Monat lang überall mit hinnehmen musste. Ich trug sie in der Kapuze meines Pullovers. Im Büro schlief sie auf einer Wärmflasche neben dem Laptop. Sie war mit mir in Cafés, Supermärkten, auf Konferenzen und Wanderungen. (Bei real in Sibiu setzte ich sie zum Pinkeln einmal im Gartencenter im Topf einer Yucca-Palme ab). Ich sah, wie meine rumänischen Kollegen guckten. Auch die deutschen, die selbst noch kein Tier von der Straße geholt hatten. Ich verstand ihren Spott. Ich weiß nicht, welcher Metapher sie gefolgt sind. Vielleicht einer größeren.

Wieviele solcher geretteten Hunde und Katzen wohl jährlich in Deutschland landen? Legal, mit europäischem Reisepass. Für Tiere mit Migrationshindergrund fehlt bis jetzt die Statistik. Würde man sie erfassen, könnte man ausrechnen, wieviel sie zum Konsumwachstum dieses Landes beitragen. Vögelchen hat bis jetzt etwa 1300 € freigesetzt. Vielleicht eine neue Dimension in der aktuellen Diskussion.

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Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Felina Europeana

  1. Hans schreibt:

    Liebe Julia, vielen Dank mal wieder für deinen schönen neuen Beitrag! Wie ich hier im Blog schon mal erwähnt habe, sind wir seit 2,5 jahren überglücklich mit unserem Hund Fritz! Mit 3 Monaten war er fast gestorben, so schwach und unterernährt lag er zwischen Sträuchern. Ich wollte nicht mehr aus Rumänien weg ohne Fritz, und das haben wir auch nicht getan natürlich. Mit Impfungen, Papiere und Stempel konnten wir gemeinsam legal nach Deutschland. Jetzt gibt er uns jeden Tag Liebe und Freude. Und wir kochen regelmäßig gut für Fritz und er hängt genau so an uns wie wir an den kleinen Mann. Ausserdem hat er Kater Bene und die Katzen Tapsi und Sammi als Kumpels. Dir wünschen ich noch vielen schöne Jahre mit Vögelchen!

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